
Landpartien zur Kunst
Cover des Buches. Foto: MH
Neuerscheinung auf dem Buchmarkt
„Aufbruch in Technik und Kultur“ untertitelt Elisabeth Tworek, die langjährige Leiterin der Monacensia-Bibliothek in München, als ausgewiesene Kennerin von Literatur, Kunst und Kultur ihren jüngst im Allitera-Verlag veröffentlichten höchst interessanten Kunstreiseführer ins Bayerische Oberland.
Die Autorin spannt ein inspirierendes Kaleidoskop von oberbayerischen Gemeinden von Aschau über Murnau und Oberammergau bis zur Zugspitze und nach München. Von der Entstehung der Glashütte in Grafenaschau als Ausgangspunkt für die Hinterglasmalerei in Murnau und der Faszination der Maler des Blauen Reiter erzählt sie ebenso kenntnisreich wie über die innovative Künstlergemeinde um den berühmten Murnauer Architekten und Gartenliebhaber Emanuel von Seidl. Reich bebildert und bestens recherchiert erfährt die Leserschaft auch bisher unbekannte Details aus dem Leben der Intellektuellen. In diesem Kreis darf auch der Filmemacher Friedrich Wilhelm Plumpe (1888-1931) nicht fehlen, der mit seinen expressionistischen Stummfilmen (u.a. „Der letzte Mann“ von 1924) und dem Pseudonym F. W. Murnau den Ort am Staffelsee weltberühmt machte.
Das Höchste der Gefühle – die Erschließung des Wettersteingebirges
1820 erreichte Josef Naus mit seinem Gehilfen Maier und dem Bergführer Deuschl den Zugspitzgipfel. Sie sollten den Berg schon 1804 für den „Topographischen Atlas vom Königreich Baiern“ vermessen. Es wird berichtet, dass Einheimische die Pioniere vom Tal aus gespannt beobachteten. „Meilensteine der technischen Erschließung waren die Errichtung des Gipfelkreuzes 1851 und die Eröffnung des Münchner Hauses 1897.“ Nun wagten sich diverse Gipfelstürmer auf den höchsten Berg Deutschlands. Auch der österreichisch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth, in Murnau beheimatet, bestieg die Zugspitze mit Freunden in den 1920-er Jahren. Wunderbare Aufnahmen aus dieser Zeit finden sich in den „Landpartien zur Kunst“.

Elisabeth Tworek. Foto: Allitera Verlag
Die technische Pionierleistung dieser Zeit jedoch war der Bau der Bergbahnen. Bereits seit 1926 führte eine Gondel vom österreichischen Ehrwald auf die Zugspitze. Das setzte die deutsche Seite unter Erfolgsdruck. Nach dem Bau der Kreuzeckschwebebahn 1925 wurde zunächst die Zahnradbahn und 1931 die Gipfelschwebebahn fertig gestellt. Wieder wurden die Arbeiten schriftstellerisch begleitet. Ödön von Horváth kommentiert die „unstreitbar grandiosen Spitzenleistungen“ in seinem Roman „Der ewige Spießer“ von 1930. Kurt Tucholsky hatte schon einige Jahre zuvor die „Entzauberung der Natur“ gegeißelt und die Zugspitzbahn als Blödsinn bezeichnet. Elisabeth Tworek besticht in ihrem Buch mit genauen Messwerten, exakten Zahlen und fundierten Berichten über Arbeiten und Arbeiter beim Bergbahnbau.
Licht und Kälte verändern das Oberland und München
Die Technik und die Wittelsbacher gehören in Bayern zusammen. Schon König Ludwig I. stand dem technischen Fortschritt offen gegenüber. So ließ er 1805 von Joseph Baader die heute noch funktionierende Springbrunnenanlage im Nymphenburger Schlosspark installieren. Sein Enkel König Ludwig II. baute u.a. die nun zum Weltkulturerbe gehörenden Schlösser Linderhof und Neuschwanstein nach seinen Wünschen und Vorstellungen. Seit April 2025 ist die Venusgrotte in Schloss Linderhof nach umfangreichen Umbauarbeiten wieder zugänglich. Ein Wunderwerk der Illusion erstrahlt ganz in der Tradition von Ludwigs Lieblingskomponisten Richard Wagner und seinem Tannhäuser. Mit für die damalige Zeit höchst moderner elektrischer Beleuchtung und einer schier unglaublichen Technik wurde ein künstliches „blaueres Blau“ erzeugt. Heute schaffen 272 LED-Lampen die umwerfenden Lichteffekte. Technikaffine Besucher des Schlosses freuen sich auch über das „Tischlein-deck-dich“ im Speisesaal.
Wie veränderte die Technik München und das Oktoberfest?
Dieser Frage geht die Autorin anhand von Kälte, Licht und Bierbrauen nach. Die Kältetechnik von Carl von Linde revolutionierte die Bierkultur. Nun war das Bierbrauen ganzjährig möglich, was auch zu einer Steigerung des Bierkonsums und Münchens Aufstieg zur Stadt der Biere beitrug. Neue, bis heute bekannte Brauereien und Bierhallen entstanden. Das Oktoberfest auf der Theresienwiese, die Wiesn, erlebte nicht nur durch die Erfindung der Kompressionskältemaschine einen gewaltigen Aufschwung, sondern auch durch die Elektrifizierung der Bierzelte und Schaubuden. Albert Einstein, der in München aufwuchs, arbeitete als Jugendlicher häufig in der elektrotechnischen Fabrik seines Vaters und seines Onkels mit. Die Firma lieferte in den 1890-er Jahren Beleuchtungsanlagen für Häuser und Fabriken.
Das Walchenseekraftwerk und Oberammergau mit seinen Passionsspielen als weitere Ausflugsmöglichkeiten
Als technisches Wunderwerk im Idyll bezeichnet Elisabeth Tworek das Walchenseekraftwerk. Weithin sichtbar sind die gewaltigen Fallrohre des im Januar 1924 eröffneten imposanten Speicherkraftwerks, das als Wiege der industriellen Stromerzeugung in Bayern gilt. Oskar von Miller (1855-1934), der Gründer des weltberühmten Deutschen Museums in München, betrieb auch diese Vision konsequent voran. Interessant, wie Oskar von Miller Spenden einwarb, um das 18 Millionen Arbeitsstunden kostende Mammutbauwerk zu durchzuziehen. Reichhaltiges Bild- und Recherchematerial sowie Hinweise auf Lion Feuchtwangers wichtigen Roman „Erfolg“ von 1930 begleiten auch dieses Kapitel.
Mit der Entwicklung des Fremdenverkehrs und Tourismus beschäftigt sich das letzte Kapitel und zeigt auf, wie sich das Oberland mobilisiert und motorisiert. Oberammergau wird anhand seiner Passionsspiele als Paradebeispiel des weltweiten Tourismus skizziert. 1830 besuchten etwa 13 000 Zuschauer die Passionsspiele. Rasant ging es voran bis auf rund 412 000 Besucher und Besucherinnen im Jahr 2022. Und doch ist der Ort mit seiner üppigen Lüftlmalerei an den traditionellen oberbayerischen Häusern immer wieder einen Ausflug wert.
„Landpartien zur Kunst – Aufbruch in Technik und Kultur“ ist ein reich bebilderter, informativer Kunstreiseführer durch das bayerische Oberland unter intensiver Betrachtung von Literatur und Malerei. Aufwändig recherchierte Details zu Technik und zahlreiche Abbildungen und praktische Tipps und Hinweise zu Ausflügen und Wanderungen komplettieren das 170-seitige Buch.