
„Leben an der Front“
Florian Bachmeier vor dem Foto einer jungen Frau in einem Bus in Saporischschja, das den Preis „Pressefoto Bayern 2022“ erhielt. Foto: CS
Vernissage in Miesbach
Unter dem Titel „Leben an der Front“ zeigt der preisgekrönte Schlierseer Fotograf Florian Bachmeier im Bunten Haus in Miesbach eine Auswahl seiner Fotos aus den Kriegsgebieten der Ukraine. Bei seinem Vortrag anlässlich der Vernissage erzählt er zudem von seinen Begegnungen vor Ort – und vom unfassbaren Leid, das dieser Krieg verursacht.
Die Bilder von Florian Bachmeier aus der Ukraine gehen unter die Haut: traumatisierte Frauen und Kinder, verwundete Soldaten, Menschen in Bunkern, die sich vor den Angriffen der Russen schützen. Menschen, die in evakuierten Dörfern hinter der Front zurückgeblieben sind, weil sie ihr Zuhause nicht verlassen wollen. Menschen, die alles verloren haben und denen nichts außer Angst und Verzweiflung geblieben ist. Schon seit über einem Jahrzehnt dokumentiert der Schlierseer Fotograf die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in der Ukraine – von den Protesten auf dem Maidan über den Krieg im Donbass bis zum russischen Angriffskrieg, der im Februar 2022 begann.
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Erst im Frühjahr dieses Jahres war der Fotograf zuletzt in den Frontabschnitten von Charkiw unterwegs. „2012 habe ich angefangen, in der Ukraine zu fotografieren“, erzählt Florian Bachmeier bei seinem Vortrag anlässlich der Vernissage. Damals ahnte er noch nicht, dass die Ukraine wenige Jahre später zum größten Kriegsschauplatz in Europa werden würde.
Florian Bachmeier: Will die Geschichte der vom Krieg Betroffenen erzählen
Seine Bilder handelten nicht von Waffen und Militär, sondern vom Leben hinter den Kriegshandlungen: „Mich interessiert, wie es den Menschen geht“, betont er. Er wolle keine Sensationsbilder, sondern die vom Krieg betroffenen Menschen sichtbar machen und ihre Geschichte erzählen, betont er. Menschen, die versuchen, so gut es geht, ihren Alltag weiterzuführen, obwohl alles um sie herum längst zusammengebrochen ist.

Florian Bachmeier zeigt das Foto eines ehemaligen Soldaten, der die Opfer des Massakers von Butscha beerdigt (2022). Foto: CS
Während seines Vortrages erscheinen Fotografien auf dem Screen hinter ihm. Etwa ein Foto aus 2022 von Pavel Latsyba, einem ehemaligen Soldaten, der auf dem Friedhof Gräber für die Opfer der russischen Kriegsverbrechen in Butscha aushebt, bei denen Hunderte von Zivilisten erschossen und zu Tode gefoltert wurden. Latsyba selbst trägt ein Pflaster am Bauch, denn er selbst wurde angeschossen. Die Kugel stecke noch in seiner Bauchecke, erzählt Florian Bachmeier.
Zahlreiche Fotopreise für die Kriegsdokumentation von Florian Bachmeier
Für seine berührenden Fotos hat der Fotograf bereits mehrere Preise erhalten. Etwa den Preis „Pressefoto Bayern 2022“ für ein Bild einer jungen Frau, die in einem Bus sitzt und aus dem Fenster blickt, ihren Kopf auf ihre Hand gestützt. „Das Foto entstand auf einem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Saporischschja“, erzählt Florian Bachmeier. Der Bus mit 20 Geflüchteten aus dem besetzten Cherson sei sieben Tage ohne Pause unterwegs gewesen. Immer wieder wiesen russische Einheiten sie zurück und drohten, sie zu erschießen.

Ein Foto von der sechsjährigen Anhelina, die durch den Krieg schwerst traumatisiert ist (2024). Foto: Florian Bachmeier.
Tief berührt von seinen Erzählungen blicken die Zuschauer auf das Foto der sechsjährigen Anhelina aus dem Jahr 2024, die regungslos auf einem Bett liegt und ins Leere starrt. Sie ist mit ihrer Familie aus ihrem Heimatdorf nahe Kupjansk geflohen und lebt nun in relativer Sicherheit bei ihrer Großmutter in Borschtschiwka. Die schwere Traumatisierung durch den Krieg ist ihr geblieben. Ein Schicksal, das viele Kinder in der Ukraine teilen, die wegen des Krieges an Angst- und Schlafstörungen leiden. Weil dieses Foto den Blick auf die unsichtbaren Spuren des Krieges lenke, insbesondere die Seelen der Kinder, erhielt Florian Bachmeier auch für dieses Foto einen Preis: den World Press Photo Contest in der Kategorie „Europe Singles“ in 2025.
„Man muss abwägen, wann fotografiere ich und wann nicht“
Florian Bachmeier macht es sich nicht leicht mit seinen Dokumentationen aus der Ukraine. Nicht nur begibt er sich selbst in Gefahr, wenn er dort unterwegs ist, er ist sich auch seiner Verantwortung als Fotograf bewusst: „Man muss abwägen, wann fotografiere ich und wann nicht, was zeige ich und was nicht“, sagt er. Manchmal bedeute dies, die Kamera wegzulegen und den Menschen einfach nur zuzuhören. Denn es gehe um Menschenwürde und darum, Menschen in ihrem Leid nicht zur Schau zu stellen. Mit seinen Fotos wolle er die Realität vor Ort jenseits von Propaganda zeigen, sagt er. Deshalb richtete er seinen Blick auch nicht auf spektakuläre Einzelmomente, sondern auf die Auswirkungen von Krieg auf Gesellschaft und Individuen.

Ein Foto des Veteranen Dobryak in Shihuriwka, der trotz Beinprothese im Einsatz war. Foto: Florian Bachmeier
Am Ende seines Vortrags kommen noch viele Fragen aus dem Publikum. Ob die Menschen in der Ukraine nicht kriegsmüde seien, will jemand wissen. „Kriegsmüde auf jeden Fall“, bestätigt Florian Bachmeier. Dennoch sei die Entschlossenheit zum Widerstand gegen den russischen Angriff ungebrochen. Das zeige sich vor allem im starken Zusammenhalt der Ukrainer: bei den vielen Freiwilligen, die ihr Leben riskierten, um Lebensmittel zu verteilen, Menschen aus betroffenen Gebieten zu evakuieren und sich gegenseitig in größter Not zu helfen. Für Florian Bachmeier ein Zeichen der Hoffnung und der Menschlichkeit in diesem unmenschlichen Krieg.