Zwei Positionen, viele Perspektiven

Malerei zwischen Abstraktion und Realität zeigt die Ausstellung „Zwei Positionen“. Foto: Andreas Wolkenstein

Zwei Positionen – und viele Perspektiven. Das bietet die gleichnamige Ausstellung von Werken zweier Holzkirchner Künstlerinnen im Autohaus Steingraber. Antje Huber und Sigrid Käppeler zeigen Werke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf den ersten Blick zumindest.

Welchen Blick hat der Künstler auf die Realität? Und, was fast noch wichtiger ist: Wie bringt er seine Eindrücke von dieser Realität zum Ausdruck? Im Autohaus Steingraber wurde jüngst eine Ausstellung eröffnet, die zwei gänzlich unterschiedliche Antworten auf diese Fragen bietet. Mit Werken zweier Holzkirchner Künstlerinnen hat Kurator Horst Hermenau einmal einen abstrakten Zugang (Antja Huber) und zum anderen einen mitunter fast fotorealistischen Zugang (Sigrid Käppeler) gewählt. In der Galerie im Autohaus Steingraber können sich die Besucher nun ein Bild von diesen „Zwei Positionen“, so der Titel der Ausstellung, machen – und erhalten dabei ein Menge neuer Perspektiven auf Kunst.

Intensiver Prozess

Antje Huber hat lange als Lehrerin im Landkreis Miesbach gearbeitet. Seit 1985 ist sie als Künstlerin tätig, zunächst als Illustratorin, später dann als Malerin. In ihren Arbeiten nutzt sie Acryl- und Ölmalerei als Grundlage. Auf die noch feuchten Grundschichten wendet sie dann Drucktechniken an und ergänzt diese mit farbigen Papieren. So entstehen beeindruckende Werke von intensiver Farbgebung, spannenden Strukturen und faszinierenden Formspielereien. „Kamakura (Begegnung)“ ist so ein Beispiel, bei dem das Auge durch den intensiven grün-gelben Ton gefangen, sofort aber auf die japanischen Schriftzeichen auf Papier gelenkt wird. Und sind die einzelnen schwarzen Strukturen auch einer Schrift ähnlich? So regt das Werk schnell einen intensiven Wahrnehmungs- und Denkprozess an.


„Kamakura (Begegnungen)“ von Antje Huber. Foto: Andreas Wolkenstein

Destillat aus Erfahrungen

Die andere Position nimmt Sigrid Köppeler ein. Manche ihrer Arbeiten wirken fast wie Fotografien, „abendsonne in der badgasse“ (Öl auf Malkarton) etwa. Das kleine Bild ist voller Atmosphäre, wer es betrachtet und die Badgasse in Holzkirchen kennt, wird sofort dorthin versetzt. Und nicht nur das: Man spürt die Abendsonne regelrecht, nimmt das besondere Abendlicht samt der mit ihr einhergehenden Stimmung wahr – und doch ist etwas anders auf dem Bild, zeitloses, ortloser, allgemeiner. Auch wer noch nie in der Badgasse war, kennt genau diesen Moment, den Sigrid Käppeler malerisch festgehalten hat. Die Badgasse liege auf ihrem Arbeitsweg, erzählt die in Irland geborene und seit 1994 in Holzkirchen lebende Künstlerin. Sie habe unzählige Fotos angefertigt und daraus das Bild gemalt. In gewisser Weise stellt das nur 20 mal 30 Zentimeter große Werk ein Destillat aus all diesen „Badgassen-Erfahrungen“ der Künstlerin dar.


„abendsonne in der badgasse“ (links, Sigrid Käppeler), daneben „gelöst“ (Antje Huber). Foto: Andreas Wolkenstein

Anspruch der Kunst

Stellen die Bilder der beiden Malerinnen die Extrempositionen im Kontinuum von „abstrakt“ bis „realistisch“ dar, so eröffnet die Ausstellung im Autohaus Steingraber zusätzlich eine Vielzahl an neuen Perspektiven. Durch die Hängung, die die Bilder nicht nur nebeneinander, sondern vor allem miteiander ausstellt, ergeben sich Interpretationen und Sichtweisen, die über das einzelne Werk hinausgehen. So befindet sich an einer Stelle ein kreuzförmig gehängtes „Triptychon“ mit „Spurensuche“ (Antje Huber) in der Mitte, flankiert von „on minchinhampton common“ und „am taubenberg II“ (beide Sigrid Käppeler) an den Seiten. Den Ausschlag zu genau dieser Hängung gab, so verraten die Künstlerinnen, eine farbige Linie, die die drei Werke verbindet. Die jeweiligen Titel, die Form der Hängung und die Interaktion von abstrakt und realistisch bieten aber Anlass, in den Bildern weitere Bedeutungselemente zu finden. Es schimmert der Anspruch der Kunst durch, weder die Realität an sich noch das Innenleben des Künstlers allein als Quelle des Werkes anzusehen. Vielmehr ist es die Interaktion von Realität und Erlebnis, die im Kunstwerk seinen Ausdruck findet, unabhängig davon, was es darstellt.


Bei der Eröffnung der Ausstellung „Zwei Positionen“: Sigrid Käppeler (links), Horst Hermenau, Antje Huber. Foto: Andreas Wolkenstein

Klänge für Auge und Ohr

In diesem Sinne rief auch Kurator Horst Hermenau die Ausstellungsbesucher dazu auf, sich ein eigenes Bild der Hängung zu machen und diese kritisch zu betrachten. Gekonnt und informativ ordnete er die Arbeiten von Antje Huber und Sigrid Käppeler ein. Die Beschäftigung mit der Realität in der Kunst führte er auf das 15. Jahrhundert zurück, als zum ersten Mal eine echte Landschaft Eingang in ein religiöses Bild gefunden hatte. Von dort führt die Kunstgeschichte zu den Fotorealisten der 1970er-Jahre. Zu diesen, so Horst Hermenau, hätten die Arbeiten von Sigrid Käppeler „ein gutes Stück Verwandschaft“. Antje Hubers Werke seien von Malergrößen wie Wassily Kandindky oder Franz Marc beeinflust. Doch ihr gehe es nicht nur um „das Abstrakte per se“, sondern auch um „das Spirituelle“: „Du bringst Klänge des inneren Auges zum Ausdruck“, urteilte Horst Hermenau. Abgerundet wurde die Vernissage durch äußere und äußerst angenehme Klänge für das Ohr: Singer-Songwriter Benedikt Huber, Enkel der Künstlerin, malte feinen Sound mit Gitarre und Mundharmonika in den Ausstellungsraum. Noch so eine Perspektive, die die „Zwei Positionen“ wunderbar ergänzte.

Die Ausstellung „Zwei Positionen“ mit Werken von Antje Huber und Sigrid Käppeler ist noch bis zum 27. Juni 2026 zu sehen. Besichtigt werden kann sie montags bis freitags von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr und
samstags von 10.00 Uhr bis 13.00 Uhr
.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf