Nestroy

Genussvoller Nestroy

Theresia Benda-Pelzer, Steffi Baier und Gabriele Steinberger (v.l.). Foto: privat

Theater in Miesbach

Mit ihrem schrägen, turbulenten und äußerst unterhaltsamen Theaterabend „Tschiritschari“ begeisterten Theresia Benda-Pelzer und Gabriele Steinberger mit Gabi Neuner, Christian Selbherr, Daniel Rasch und Michael Pelzer unter der Regie von Steffi Baier das Publikum im ausverkauften Gewölbe des Waitzinger Kellers.

„Warum sind Sie hier?“ fragten Steffi Baier und Michael Pelzer, gewandet wie Zirkusdirektoren, das Publikum und antworteten gleich selbst: „Damit Sie Johann Nestroy kennenlernen.“ Und genau das brachte der Abend. Denn Nestroy kennen die meisten nur als Autor von „Lumpazivagabundus“, dabei hat der österreichische Schauspieler, Sänger und Bühnenautor insgesamt 83 Stücke geschrieben. Mit seinem skurillen Humor ebenso wie mit seiner Gesellschaftskritik ist Nestroy in Deutschland leider viel zu wenig bekannt.


Steffi Baier und Michael Pelzer. Foto: Becky Köhl

Drei Stücke wählte Steffi Baier aus, um das breite Spektrum des hierzulande zu wenig aufgeführten Dichters zu zeigen. Das österreichische Wörterbuch erklärt den Titel „Tschiritschari“ so: kunterbunt, durcheinander, nicht zusammenpassend.

Stimmt, inhaltlich passen die Stücke überhaupt nicht zusammen, den Bogen aber spannt zum einen die Sprachkunst Nestroys und seine Art der Aufführung mit eingebauter Musik, zum anderen die schräge Inszenierung von Steffi Baier, die das Geschehen noch überhöht und zum dritten durch die überragende Schauspielkunst der Darsteller, allen voran Theresia Benda-Pelzer und Gabriele Steinberger.

Da müssen zwei Schauspielerinnen aus dem Nachbarlandkreis Rosenheim den Miesbachern zeigen, wie Theater gespielt wird. Voller Einsatz beide und doch sehr unterschiedlich. Theresia Benda-Pelzer, in der Region bestens bekannt, begeistert immer wieder durch ihre Mimik und Gestik, während Gabriele Steinberger durch ihre mehr hintergründige und feine Schauspielkunst fasziniert.

Dies können beide in den unterschiedlichen Rollen zeigen. Die Verballhornung von Richard Wagners „Tannhäuser“ eröffnet mit Bravour den Abend. Im Venusberg geht’s zur Sache. Gisela Steinberger darf die verführerische Venus geben und Theresia Benda-Pelzer den liebestollen Tannhäuser.

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Der Landgraf (Gabriele Steinberger) führt die Jäger (Christian Selbherr, Gabi Neuner und David Rasch) an. Foto: Becky Köhl

Köstlich ergänzt wird das Paar von den drei schwarz gekleideten sich lasziv bewegenden Typen Gabi Neuner, David Rasch und Christian Selbherr, die nur Minuten später als wiederkäuende Kühe auftreten und wiederum nur Minuten später als Jäger durch den Keller ziehen.

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Gisela Steinberger als singende Diva. Foto: Becky Köhl

Ihren ganz großen Auftritt hat Gabriele Steinberger als Diva beim Wettstreit auf der Wartburg, die Schauspielerin beweist, dass sie auch hervorragend singen kann. Wolfram von Eschenbach indes, von Christian Selbherr herrlich überzogen gespielt, kann nicht so richtig punkten.

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Christian Selbherr als Wolfram von Eschenbach. Foto: Becky Köhl

Das allerdings kann dann Tannhäuser mit „Only You“. Theresia Benda-Pelzer gibt überzeugend mit Hüftschwung den Song und übertrifft sich danach noch einmal mit dem Stones-Hit „I Can’t Get No Satisfaction“.


Der Eisbär (Michael Pelzer) auf der Südseeinsel. Foto: Becky Köhl

Nach der Turbulenz im ersten Stück zieht im zweiten Stück auf der Südseeinsel bei Häuptling Abendwind, Theresia Benda-Pelzer in Lederhose und mit Federkopfschmuck sowie dickem Bauch, Ruhe ein. Das Publikum erfährt, was eine Konferenz ist, es lernt Altbürgermeister Michael Pelzer als brüllenden Eisbären kennen und es lernt, wie man mit leeren Speisekammern umgeht, wenn der Nachbarhäuptling zum Dinner kommt.


Die Häuptlinge Theresia Benda-Pelzer und Gabriele Steinberger. Foto: Becky Köhl

Gottlob gibt’s ja bei den Südseeinsulanern noch die Menschenfresserei, was die beiden Häuptlinge, auch Gabriele Steinberger mit Federkopfschmuck, schon erfolgreich als neue Witwer praktizierten. „Und du bist auch schon vorgesehen“ heißt es in Richtung Bürgermeister Gerhard Braunmiller in der ersten Reihe.

Hier hat Daniel Rasch seinen Soloauftritt als Koch Ho-gu, ein Verballhornung von Hautgout, und darf französisch parlierend seine Kochkünste vorstellen.


Bei Tisch: Gabi Neuner, Theresia Benda-Pelzer, Gabriele Steinberger und Christian Selbherr (v.l.). Foto: Petra Kurbjuhn

Beiläufig gibt’s eine Menge Hiebe auf Zivilisation und Fortschritt, auf Regierungsgeschäfte und einen Hinweis darauf, wie einfach es ist, in Frieden miteinander zu leben. Gisela Steinberger darf beim Essen ganz fantastisch Augen verdrehen, denn ihr bleibt etwas Merkwürdiges im Halse stecken.

Die Sprachkunst Nestroys kommt im dritten Stück noch einmal besonders zum Tragen. Der Dichter versteht es ganz meisterhaft, Wortspiele und verschiedene sprachliche Stilmittel einzusetzen. Theresia Benda-Pelzer gibt den Parapluimacher Staberl, der mit umständlichen Reden das Leben erklärt, über menschliche Ungenügsamkeit und Unzufriedenheit philosophiert und mitteilt, dass sich viele Selbstmörder dann doch nicht umbringen. Schwierige Textpassagen, die die Schauspielerin mühelos meistert.

Als Dialogpartner ist Gabi Neuner der wichtigtuerische Dorfrichter Sterzel.


Gabriele Steinberger als Undine. Foto: Petra Kurbjuhn

Gabriele Steinberger indes darf als Nixe Undine mit blauen Haaren bezirzen, schön und verführerisch sein.

Wenige Minuten vor 22 Uhr startet das furiose Finale mit dem Weltuntergangstag.

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Finale mit allen beteilgten Figuren. Foto: Becky Köhl

Applaus für eine gelungene Inszenierung mit großer Schauspielkunst und der Freude, Johann Nestroy, den österreichischen Shakespeare oder Karl Valentin besser kennenzulernen.


Schlussapplaus. Foto: Petra Kurbjuhn

„Tschiritschari“ von Johann Nestroy: Zusatzvorstellungen am 28.3. um 20 Uhr und am 29. 3. um 18 Uhr im Kulturzentrum Waitzinger Keller Miesbach. Karten sind ab sofort bestellbar unter Tel. 08025 7000-0 oder ticket@waitzinger-keller.de

Zum Weiterlesen: „Was uns hilft, ist der Schein“

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