Alexandra Kaufmann

Vom Sanften und Schweren Abschied von Alexandra Kaufmann

Alexandra Kaufmann mit Tochter Karla. Foto: Hans-Günther Kaufmann

Nachruf

Alexandra Kaufmann habe ich im Mai 2020, auf dem Stamm einer frisch gefällten Kastanie sitzend, kennen gelernt. Zu gerne würde ich wissen, wohin sie gegangen ist, denn ihr irdisches Leben endete für alle unfassbar am 20. Februar 2026.

Die Kulturszene hat Alexandra Kaufmann insbesondere durch ihre berührenden Dokumentarfilme bereichert. Alexandra wurde 1979 in München geboren und war am Schliersee daheim. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften in München und Kapstadt belegte sie Drehbuchkurse bei Martin Thau, Keith Cunningham und Tom Schlesinger, bevor sie Regie an der ZeLIG – Schule für Dokumentarfilm, Fernsehen und Neue Medien in Bozen studierte. Während und nach ihren Studien recherchierte sie für Episoden von Gernstl in Bayern, Griechenland und Venetien, einer von Megaherz Film und Fernsehen für das Bayerische Fernsehen (BR) produzierten Fernsehserie. Außerdem war sie am Projekt 24h in Bayern beteiligt, indem sie unter Anleitung des Regisseurs Volker Heise für einen der Protagonisten Regie führte.

Mit Leichtigkeit das Schwere erzählen

Als ich sie damals zum ersten Mal traf, saß Johannes, ihr jüngerer Bruder, an ihrer Seite. Johannes ist ein junger Mann, der, wie Nora Moschüring schreibt, „Wind und Sonne herbeizaubern kann, mit Tieren spricht und im entscheidenden Moment auf den Auslöser der Kamera drückt. Johannes ist behindert, weil er im Alter von einem Jahr zwei Minuten ohne Sauerstoff war. Von den Konsequenzen dieser kurzen Zeit der Atemlosigkeit erzählt Alexandra Kaufmann in ihrem Film „Being You, Being Me“, von Johannes‘ Welt, seinen Wutanfällen aber auch seiner Phantasie, seinem Humor und dem Leben der ganzen Familie und dem Umgang miteinander. Ein zauberhaftes Familienporträt, das mit Leichtigkeit auch das Schwere erzählt“.

Alexandra Kaufmann
Alexandra mit BLU am Schliersee. Foto: privat

So wie Alexandra ganz eins mit ihrem Bruder war, so war sie es auch mit der Natur, mit den Menschen, die ihr begegneten und ganz besonders mit Karla, ihrer dreijährigen Tochter. Die ganze Welt war für Alexandra etwas Besonderes. Sie wusste sanft damit umzugehen. Sie grollte auch den Baumfällern nicht, die an dem besagten Maitag des Jahres 2020 wegen der drohenden Ausbreitung des Asiatischen Laubholzbockkäfers in Miesbach ihrem Auftrag der „Entnahme“ von Gehölzen nachgingen. Aber sie dachte gründlich darüber nach und wie sie so versonnen dasaß, schien es, als würde sie bereits neue Bäume pflanzen.

Träume ins Leben lassen

„Anstatt dem Weg meiner Eltern in die Kunst zu folgen, habe ich Johannes‘ Behinderung zu meiner gemacht. Erst mit 30 Jahren habe ich es gewagt, die Kunst wieder ernst zu nehmen und Träume in mein Leben zu lassen.“ Entscheidenden Anteil daran hatte ihre Mutter. „Sie hat mich ermutigt, im Filmprojekt auch den Schmerz mitzuteilen, den ich durch Johannes erfahren habe.“


When dreams come true …— mit Chiara Kastner und Michele Fucich zum Film „Being You, Being Me“. Foto: privat

„Irgendetwas lässt dich nicht los. Du beginnst es einzukreisen und suchst einen Zugang zu dem Thema, hoffst, dass du daran teilhaben darfst.“ So beschreibt Alexandra Kaufmann den Beginn eines neuen Filmprojekts. Und dass sie sich Zeit nimmt.

Die Protagonisten lieben

Sieben Jahre hat sie in den Film „Las hermanas de Rocinante“ investiert, Menschen auf einer Pferdeauffangstation an der Costa Blanca begleitet und ihre Geschichte auf der Leinwand sichtbar werden lassen. Umso tiefer ist ihre Wahrnehmung. Wie findet sie die Themen für Dokumentarfilme? „Ich muss die Protagonisten lieben.“ Bei „Las hermanas de Rocinante“ waren es vor allem die jungen Mädchen, die am Pferdehof halfen und deren Entwicklung die Regisseurin mitverfolgen durfte. Behutsam werden sie von der Kamera beim Striegeln der Pferde, dem Erforschen des Ichs und der Welt und dem Austauschen von Zukunftsplänen begleitet.


Las Hermanas de Rocinante – Weltpremiere – mit Giulia Maniezzo und Vasilii Vas (links) Foto: Florian Bachmeier.

An der Dokumentarfilmschule ZeLIG in Bozen musste sich Alexandra Kaufmann damals entscheiden. Kamera oder Regie? „Wähle das, wo du der beste Mensch bist“, war der ungewöhnliche Rat ihrer Lehrerin. Somit war die Entscheidung gefallen. Als Kamerafrau erlebte sich Alexandra Kaufmann nervös, als Regisseurin taten ihr vor allem Verantwortung und Entscheidungsfreiheit gut und erlaubten ihr, sanft und bestimmt ihren Weg zu gehen. „Ich schlage mich auf keine Seite, nur auf die Seite des Lebens selbst.“ Leicht machte sie es sich selbst damit nicht und leichte Kost ist es auch nicht, was die Betrachter ihrer Filme erwartet.

Wie gerne hätten wir Alexandra Kaufmann weiterhin auf der Seite des Lebens gewusst.

Eine schwere Erkrankung zwang sie, die Seiten zu wechseln. Wie schade, wir vermissen sie schmerzlich.

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