Logbuch cineastisches Wochenende, Bayrischzell, Petra Seeger, Margarethe von Trotta, Isabella Heller

Leben für die Kunst

Petra Seeger und Margarethe von Trotta auf der Bühne der Peterhof-Lichtspiele. Nun ist das Logbuch zum cineastischen Wochenende erschienen, aus dessen Anlass die beiden Filmemacherinnen nach Bayrischzell gekommen waren. Foto: Florian Bachmeier

Buchpublikation zum cineastischen Wochenende

Vor ein paar Monaten fand in den Peterhof-Lichtspielen in Bayrischzell ein cineastisches Wochenende mit Margarethe von Trotta und Petra Seeger zu ihren jüngsten filmischen Werken statt. Nun ist ein Logbuch dazu erschienen, das die hochkarätige Veranstaltung nochmal in Wort und Bild aufleben lässt. Ein kleines Kunstwerk mit 88 Seiten.

Am Wochenende des 25. und 26. Oktobers 2025 herrschte große Aufregung in Bayrischzell. Denn das altehrwürdige Kino Peterhof-Lichtspiele wurde mit dem cineastischen Wochenende wachgeküsst: Unter dem Motto „Leben für die Kunst“ wurden nicht nur die jüngsten Filme der Regisseurinnen Margarethe von Trotta und Petra Seeger gezeigt – die beiden großen Frauen des Kinos waren auch live vor Ort und sprachen auf der Bühne über ihre Filme. Ein kultureller Leckerbissen, den der Verein Kultursprung mit viel Herzblut organisierte.

Logbuch cineastisches Wochenende, Bayrischzell, Petra Seeger, Margarethe von Trotta
Die altehrwürdigen Peterhof-Lichtspiele in Bayrischzell. Foto: Florian Bachmeier

Dass so eine erstklassige Veranstaltung nicht einfach undokumentiert vorbeiziehen darf, war den Organisatoren sofort klar. Nele von Mengershausen, Mitbegründerin von Kultursprung sowie „Herz und Kopf“ des Events, bat Isabella Heller, Filmwissenschaftlerin und Lyrikerin, einen Artikel darüber zu schreiben. Bei ihr regte sich sofort der Wunsch, zusätzlich noch etwas „Langlebigeres“ zu kreieren – das gefiel auch Nele von Mengershausen. Schlussendlich entwickelte sich die Idee, daraus ein Logbuch zu erstellen.

Logbuch zum cineastischen Wochenende – Tagebuch-Texte und Schwarzweiß-Fotografien

Das von der Layouterin und Grafikdesignerin Kathrin König gestaltete Paperback erschien vor wenigen Wochen. Es enthält die textlichen Zusammenfassungen des cineastischen Wochenendes aus der Feder von Isabella Heller und die Schwarzweiß-Fotografien von Florian Bachmeier. Der preisgekrönte Fotograf aus Schliersee ist für seine Fotoreportagen aus Krisen- und Kriegsgebieten wie der Ukraine bekannt.

Wie ein Tagebuch ist die Publikation, auf deren Cover die klassischen 35-Millimeter-Zelluloid-Filmrollen aus vergangenen Kinotagen zu sehen sind, aufgebaut. Isabella Heller fasst darin auch ihre eigenen Eindrücke zusammen. Etwa als sie die beiden Filmgrößen am Bahnhof Schliersee zum ersten Mal traf: „Margarethe von Trotta, einen Kopf kleiner als Petra Seeger, mit Sonnenbrille, mit Zigarette; Petra Seeger, einen Kopf größer als Margarethe von Trotta, keine Sonnenbrille, keine Zigarette“, beschreibt sie das Szenario und resümiert, dass beide Frauen Eindruck machten, ohne Eindruck zu schinden. Etwas, was Besucher des Events nur bestätigen können.

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Dialoge der beiden Protagonistinnen im Logbuch zum cineastischen Wochenende

Im Zentrum des Buches stehen die Dialoge, die die beiden Frauen, die mit tosendem Applaus vom Publikum empfangen wurden, auf der Bühne nach dem Screening ihrer Filme miteinander führten. Sie wurden von Isabella Heller mit „Unmengen handschriftlicher Notizen“ festgehalten.

Los ging es am ersten Tag mit Petra Seegers autobiografischem Spielfilm „Vatersland“. Er handelt von einer Filmemacherin, die eine Kiste mit Familienfotos und -filmen ihres Vaters entdeckt, einem Werks- und Hobbyfotografen. Beim Sichten des Materials durchlebt sie die unverarbeiteten Traumata ihrer Kindheit und Jugend in den 50er- und 60er-Jahren wieder: den frühen Krebstod der Mutter, die emotionale Kälte des Vaters, das strenge katholische Mädcheninternat, in das er sie steckt – und die patriarchal geprägten Rollenbilder, gegen die sie immer mehr rebelliert.

Logbuch cineastisches Wochenende, Bayrischzell, Petra Seeger, Margarethe von Trotta
Petra Seeger vor den Peterhof-Lichtspielen. Foto: Florian Bachmeier

„Ich bin erschüttert; voll Achtung, nicht allein vor der künstlerischen Leistung dieser Regisseurin, auch vor der seelischen Leistung dieser Frau“, beschreibt Isabella Heller ihre emotionale Reaktion auf den Film, der ihr eine schlaflose Nacht bereitete.

Wie mutig es sei, seine Geschichte zu erzählen, fasst Margarethe von Trotta zusammen und startete damit den Dialog auf der Bühne. „Ich finde das nicht mutig“, entgegnet Petra Seeger. Sie sei schließlich nicht die Erste, die so was mache.

Vor allem der Antiheld des Films, der strenge Vater, sorgt für Gesprächsstoff: „Er wirkt so hilflos, er hat mir irgendwo auch leidgetan“, sagt Margarethe von Trotta. Das bestätigt auch Petra Seeger, die mittlerweile mit einer Milde auf ihren Vater zurückblickt: „Sein Instrumentarium stammt aus dem Militär. Er hat zurückgegriffen auf Strukturen, die er kannte“, wird sie im Logbuch zitiert.

Geplatzte Filmförderung wegen der Rolle des Vaters

Ausgerechnet wegen der Figur des Vaters wurde Petra Seeger auch eine Filmförderung versagt, für die sie sich bewarb. „So einen Mann wie Sie ihn beschreiben, gibt es nicht“, entgegneten ihr die Männer in der Jury. Als sie ihn schließlich im Drehbuch weicher zeichnete, lehnten sie trotzdem ab. Eine große Enttäuschung für die Regisseurin: „Das ist eine Form von Zensur“, beklagt sie. Sie sage aus: „Wir Männer wollen so nicht gezeigt werden.“

Auch außerhalb dieses Kreises bekam die Regisseurin diese Vorbehalte zu spüren: „Du willst doch nur angeben“, warf ihr ein männlicher Kollege vor. Und in ihrem eigenen Team liefen Wetten, ob der Film funktioniere. „Ich habe immer einen längeren Atem gehabt als die, die mich bremsen wollten“, sagt sie rückblickend und selbstbewusst.

Isabella Heller liest Texte von Ingeborg Bachmann

In der Matinee am nächsten Tag dann das Screening des Films „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ von Margarethe von Trotta. Sie widmet sich darin der Beziehung der österreichischen Lyrikerin mit dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Zur Einstimmung auf den Film las Isabella Heller auf der Bühne des Kinos ausgewählte Texte von Ingeborg Bachmann vor und erntete dafür viel Beifall.

Den gab es auch für Margarethe von Trotta, die erst gegen Ende des Films das Kino betrat. Den Grund dafür beschreibt Isabella Heller im Logbuch so: „Nicht etwa, um auszuschlafen, oder, wie man munkelt, um ausgiebig zu frühstücken, sondern weil sie sich ihre eigenen Filme nicht immer, wenn sie in einem Kino gezeigt werden, selbst anschauen möchte.“

Logbuch cineastisches Wochenende, Bayrischzell, Petra Seeger, Margarethe von Trotta, Isabella Heller
Isabella Heller liest Texte von Ingeborg Bachmann. Foto: Florian Bachmeier

Warum sie genau diesen Lebensabschnitt von Ingeborg Bachmann für den Film gewählt habe, will Petra Seeger im anschließenden Gespräch wissen: „Es ist ein turning point in ihrem Leben […] sie kommt gerade aus der schwierigen Beziehung mit Paul Celan, dem Dichter, und dann trifft sie auf einen eindeutigen Mann wie Max Frisch.“ Schutz hätte sie bei ihm gesucht bis sie realisierte, dass er eifersüchtig und diktatorisch war und ihre Freiheit beschränken wollte – letztendlich zerbrach diese „selbstbewusste Frau“ an dieser Beziehung. „Ab da hat sie auch Drogen genommen, die später in gewisser Weise in den Tod geführt haben“, erzählt Margarethe von Trotta weiter.

„Ich habe seit meiner Jugend nie wieder so ein tolles Kino gesehen“

„Wieviel von dir ist in diesem Film?“, will Petra Seeger von Margarethe von Trotta wissen, die in ihrer zweiten Ehe mit dem Regisseur Volker Schlöndorff verheiratet war. Sie hätte sich nicht wie Bachmann gegen die Ehe gewehrt, wollte aber auch frei sein. „In diesem ständigen Widerspruch bewegt man sich dann“, sagt sie und schickt lachend hinterher, dass es bei ihr auch nicht geklappt hätte.

Logbuch cineastisches Wochenende, Bayrischzell, Petra Seeger, Margarethe von Trotta
Margarethe von Trotta vor den Peterhof-Lichtspielen. Foto: Florian Bachmeier

Beim Lesen des Logbuchs hält man immer wieder bei Florian Bachmeiers Schwarzweiß-Aufnahmen inne, die sich durch das gesamte Werk ziehen. Viele Nahaufnahmen dieser zwei charismatischen Frauen – auf der Bühne, aber auch als stille Beobachterinnen im Publikum. Ein besonders schöner Effekt: Transparentes Papier zwischen den Aufnahmen, das mit Worten bedruckt ist, wie etwa dem einprägsamen Satz von Isabella Heller über Ingeborg Bachmann: „Die Stimme einer Frau zu einer Zeit, als derlei Stimme spärlich nur Gehör fand.“

Auch Fotos von der Bühne, den alten Holz-Klappbänken im Kino, vom Vorhang, ja sogar von der Topfpflanze, die Kinobetreiber Jürgen Altmann zur Freude des Publikums auf der Bühne platzierte, sind zu sehen. Sie vermitteln die außergewöhnliche Atmosphäre des cineastischen Wochenendes und das Ambiente des Hauses, von dem Margarethe von Trotta sagt: „Ich habe seit meiner Jugend nie wieder so ein tolles Kino gesehen.“ Das kann man nur bestätigen – genauso wie Isabella Hellers Worte über das Logbuch, das ein kleines Kunstwerk geworden ist: „Eine Lektüre für alle, die dabei waren, und für all die, die gern dabei gewesen wären!“

„Leben für die Kunst – Logbuch zum Cineastischen Wochenende mit Margarethe von Trotta und Petra Seeger in den Peterhof-Lichtspielen Bayrischzell“. Eine Erinnerung in Wort und Bild von Isabella Heller, Florian Bachmeier und Kathrin König. Herausgeberin: Nele von Mengershausen.

Paperback, 88 Seiten, 20 Euro (zzgl. Versandkosten), limitierte Auflage. Bestellungen möglich per Email an cine@kultursprung.org – das Logbuch kann nach Absprache auch in Bayrischzell beim Verein abgeholt werden.

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