Tanja Kinkel

Historie und Emotionen

Tanja Kinkel im Stielerhaus. Foto: MZ

Lesung in Tegernsee

Tanja Kinkel las im Stielerhaus aus ihren zwei aktuellen historischen Romanen „Im Wind der Freiheit“ und „Sieben Jahre“. Die Schriftstellerin, die mit bisher 23 Romanen, die sie zum Teil auch am Tegernsee schrieb, ein Millionenpublikum erreichte, wurde kürzlich mit dem Bayerischen Kulturpreis und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

Welcher Ort würde besser zum Sujet der Autorin passen als das Stielerhaus, selbst ein Ort, in dem Geschichte geschrieben wurde. Im Hintergrund das Porträt von Caroline, Bayerns erster Königin, „der schönsten Dame des Königs“, wie Hausherr Andreas Greither es ausdrückte. Erst kürzlich stellte Christian Sepp hier eine Biografie der Gemahlin von Max I. Joseph anhand verloren geglaubter Briefe vor.

Caroline habe sich für die damalige Frauenbewegung eingesetzt, führte Sonja Still in den Abend ein und stellte die Verbindung zu Tanja Kinkels Roman „Im Wind der Freiheit“ her. Denn auch sie schreibe über Frauen und sorge zudem mit ihrem Verein Brot und Bücher dafür, dass Kinder in den Genuss von Bildung kommen. Spenden für die Lesung flössen in diesen Verein.


Sonja Still und Andreas Greither. Foto: MZ

Damit war die Klammer gesetzt. „Bildung war vor 200 Jahren zur Zeit Carolines wichtig, ebenso vor 100 Jahren zur Märzrevolution und ebenso heute“, fasste die Kuratorin der Veranstaltung zusammen.

„1848 war ein Wendepunkt der Geschichte“, stieg Tanja Kinkel ein. Zwar habe die Märzrevolution nicht geklappt, aber eine Frau habe sich nicht entmutigen lassen. Luise Otto, eine Journalistin und Romanautorin, habe die erste Frauenzeitschrift gegründet. Dieser historischen Figur habe sie mit Susanne eine fiktive Figur aus der Arbeiterschaft hinzugesellt. „Sie sollte denselben Erzählraum bekommen wie die Frau aus dem Bürgertum“, erklärte die Schriftstellerin.

Sie las den Part aus dem Roman, wie sich die beiden unterschiedlichen Frauen in Oederan, einer sächsischen Kleinstadt, begegnen. Hier arbeiten Susanne und ihre Freundin Doris in einer Weberei. Nach einem Unfall, bei dem Doris drei Finger verliert, wird sie entlassen und Susanne kämpft um das Leben ihrer Freundin. Dabei stößt sie auf Wände, auch der Pastor hilft nicht, aber dann prallt sie mit Luise Otto auf der Straße zusammen.

Die Autorin beschreibt die Schicksale und die Atmosphäre der damaligen Zeit detailreich und voller Kraft, die Zuhörenden werden in das Leben der armen und rechtlosen Arbeiter hineingezogen und emotional berührt.

Tanja Kinkel
„Im Wind der Freiheit“ und „Sieben Jahre“. Foto: MZ

Hundert Jahre zurück geht Tanja Kinkel mit ihrem zweiten Roman. In „Sieben Jahre“ erzählt sie die Familiengeschichte um Friedrich den Großen. Auch hier geht es um eine große soziale Kluft, aber auch um die katastrophalen Verhältnisse innerhalb der Königsfamilie.

Die Schriftstellerin liest aus dem Beginn des Romans, als Heinrich, der zweitjüngste Bruder Friedrichs vier Jahre alt ist. Der Vater, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., herrscht mit eiserner Strenge und die Kinder verstecken sich aus Angst vor ihm unter dem Tisch. Wilhelmine, die Königin, ordnet sich dem Gemahl unter. Der König ist wutentbrannt, denn der älteste Sohn Fritz wollte weglaufen, wurde aber gefasst und eingesperrt. Der Freund Hans Herrmann von Katte sei hingerichtet worden und Fritz habe bei der Enthauptung zusehen müssen, erzählt die Autorin.

Sie ist bekannt für ihre akribisch recherchierten Romane, in denen die Lesenden viel über historische Zusammenhänge erfahren, gleichzeitig aber tief eintauchen können in die menschlichen Schicksale. Auch in „Sieben Jahre“ geht es wieder um Emotionen und um gesellschaftliche Konflikte.


Tanja Kinkel während der Lesung. Foto: MZ

Im zweiten Teil der Lesung aus dem Buch über Friedrich II. stellt Tanja Kinkel die Beziehung der beiden Brüder Friedrich und Heinrich vor. „Friedrich II. war Intellektueller, Militärgenie und Musenkönig, er war Philosoph und heute würde man sagen Hippie“, charakterisierte sie den König. Friedrich und Heinrich hätten homosexuelle Neigungen gehabt und seien in denselben Pagen verliebt gewesen.

In dem Gespräch der beiden Brüder werden die Gäste im Stielerhaus Zeuge eines geplanten Versöhnungsgespräches, aber Heinrich sieht sich als Gegner und Friedrich spielt seine Macht aus, letztlich wiederholt sich die Geschichte. Heinrich will sein Regiment zurück und Friedrich braucht die Unterwerfung. Als perfekte Maßnahme zwingt er den Bruder zu einer Hochzeit.

Zur Versöhnung aber kommt es im dritten Part, als im Siebenjährigen Krieg die Preußen sich aus Böhmen zurückziehen müssen, die erste Niederlage Friedrichs. „Ich will sterben“, sagt er, aber Heinrich holt ihn mit einer Umarmung und Kuss zurück ins Leben.

Tanja Kinkel
Beim Signieren. Foto: MZ

„Persönliche Egos und Traumata führen zu Kriegen, wie heute“, eröffnete Sonja Still die Diskussion. Tanja Kinkel beschrieb auf Nachfrage, wie sie zu ihren Themen kommt. „Das komplexe geschwisterliche Verhältnis von Friedrich und Heinrich ist ein gutes Erzählthema“, sagte sie, denn Heinrich sei Kritiker und Unterstützer des großen Bruders gleichermaßen gewesen. Am Anfang stehe immer eine Idee, dann bestimme sie die geeigneten Personen und die Zeit, in der das Thema spielt.

Am Ende des Abends mussten die Gäste anstehen, um ein Buch von der erfolgreichen Autorin zu ergattern.

Tanja Kinkel „Im Wind der Freiheit“ und „Siebe Jahre“ bei Hoffmann & Campe. Mit den Spenden des Abends werden Bildungsprojekte für Kinder in Deutschland, Afrika und Asien über ihren Verein „Brot und Bücher“ unterstützt.

Zum Weiterlesen: Verschmähte Schönheiten und verschollene Bilder

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