Wie am Broadway

Edward John Smith, Kapitän der Titanic (gespielt von Jens O. Müller) muss den Untergang seines Schiffes miterleben. Foto: Marion Riedl

Musical im Waitzinger Keller

Das Freie Landestheater Bayern (FLTB) feiert grandiose Premiere mit „Titanic“ im Waitzinger Keller. Das Ensemble überzeugt schauspielerisch und gesanglich.

Die Bühne ist in diffuses Licht getaucht. Ein Nachthemd, ein Kronleuchter und ein Steuerrad schweben scheinbar im leeren Raum. Am Meeresgrund liegen Leichen. Die Toten klagen an. Sie erheben sich zum bizarren Totentanz. Die Anfangsszene erinnert stark an den Prolog aus „Elisabeth – Das Musical.“ Auch kommt einem unweigerlich die Choreografie von Dannis Callhan aus „Tanz der Vampire“ in den Sinn. Der Einstieg ins ist anders als das Originalscript, wo die Hafenszene vorbereitet, dass Besatzung und Passagiere im April 1912 die gigantische, einzigartige und „unsinkbare“ RS-Titanic am Pier von Southhampton bestaunen und voller Vorfreude den Luxus-Liner zu seiner Jungfernfahrt in Richtung New York besteigen.

Ein besseres Leben

Alle Gesellschaftsschichten sind vertreten. Die Gäste der ersten Klasse werden humorvoll von Alice Beane (gespielt von Melanie Renz) kommentiert. In Klatschreportermanier erzählt sie ihrem Ehemann Edgar Beane (Fabian Gailler) Geschichten zu den einzelnen Personen und fungiert indirekt als Erzählerin für das Publikum. Melanie Renz glänzt durch Witz und Spielfreude, so dass man getrost über kleine Schwächen in den hohen Gesangspassagen hinwegsehen kann. Während die Upperclass in Luxus schwelgt und sich mit Champagner und Kaviar selbst feiert, träumt unter Deck die 3. Klasse von einem Neuanfang in Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ausdrucksstarke Tanz- und Gesangsszenen wechseln sich ab und unterstreichen die Hoffnungen der drei Kates, dargestellt von Verena Eckertz, Sarah Sonnenschein und Stefanie Langer, die sich in der neuen Welt ein besseres Leben und ihr ganz eigenes Glück wünschen.

Perfektes Zusammenspiel

Auf der Brücke ein ganz anderes Bild. Der Besitzer der Reederei White Star Line, Bruce Ismay (Andreas Angler) ist ein Gefangener seiner eigenen Überheblichkeit und vor allem in seiner Besessenheit, Rekorde zu brechen. So bedrängt er Kapitän Edward John Smith (Jens O. Müller), der mit seiner fast statischen Rolle den perfekten Gegenpol zu Ismay bildet, sowie Konstrukteur Thomas Andrews (Robert Gregor Kühn) immer wieder die Geschwindigkeit zu erhöhen, um schneller als alle anderen Schiffe zuvor New York zu erreichen. Die drei Akteure bieten ein perfektes gesangliches und schauspielerisches Zusammenspiel, das seinen Höhepunkt im 2. Akt in der gegenseitigen Schuldzuweisung (Die Schuldfrage) findet.


Das Ensemble des Freien Landestheater Bayern (FLTB) tourt mit dem Musical „Titanic“ durch Bayern. Foto: Marion Riedl

Nachricht verhallt

Spät nachts begibt sich Heizer Frederick Barett, hervorragend dargestellt von Thomas Hiermeier, in den Funkraum und bittet den Funker Harold Bride (Philipp Gaiser), seinem daheim gebliebenen Mädchen ein Telegramm zu senden, in dem er sie bittet ihn zu heiraten. Bei der gefühlvollen Ballade „Der Heiratsantrag/Die Nacht halt wider“ wird einem sofort klar: Hier stehen die heimlichen Stars auf der Bühne. Fanatische Stimme, die perfekt miteinander harmonieren, sie lassen fast vergessen, dass die Nachricht in der Nacht verhalt. Denn er wird sie nie mehr in die Arme schließen.

Konkurrenz zum Lichtdesign

Und so kommt es, wie es kommen muss: Mensch und Maschinen werden zu Höchstleistungen angetrieben. Die Route wird auf Nord-Kurs geändert, Eisberg-Warnungen ignoriert. 14. April 1912, 23:40 Uhr, kein Mond, kein Licht, absolute Stille. Rechts Eisberg voraus. Während bei der Uraufführung am Broadway das Orchester hier seinen dramatischen Höhepunkt erreicht und das Publikum mit einer Gänsehaut und einer schier unerträglichen Beklemmung in die Pause entließ, entlädt sich im Waitzingerkeller die aufgebaute Anspannung in einem lauten, blitzartigen, furchtbaren Getöse. Visuell verstärkt wird die Kollision durch einen horizontalen Lichtstreifen am hinteren Bühnenvorhang, der den Riss im Rumpf des Schiffes darstellen soll. Hier wäre weniger mehr gewesen. Dieser Lichtstreifen ist im 2. Akt allgegenwärtig und konkurriert mit den wohldurchdachten und stimmungsvollen Lichtdesgins von Steven Vogel.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf

15. April 1912, 00:30 Uhr. Die Passagiere werden geweckt und unter einem fadenscheinigen Vorwand in den Salon gebeten. Schwimmwesten werden verteilt. Das Schiff sinkt schnell. Zu schnell. Beginnt sich langsam zu neigen. Notrufe werden abgesetzt. Ohne Erfolg, die nächsten Schiffe sind zu weit entfernt. Die Titanic sinkt mit großer Geschwindigkeit. An Deck spielt sich ein Drama ab. Zu wenig Rettungsboote und nicht voll besetzt. Frauen und Kinder in die Boote. Väter verabschieden sich von ihren Kindern. Das letzte Rettungsboot wird abgesetzt, auch Ismay bringt sich in Sicherheit.

Eiskalter Grab

Einsam an der Reling steht das Ehepaar Strauss. Die Ehefrau hat ihren Platz im Rettungsboot eingetauscht, um mit ihrem Mann zu sterben. Gleichzeitig sinniert Andrews unter Deck über sein Versagen und stellt fest, dass alle Menschen, egal welcher Klasse, gleich sind. Endlich erreichen die Passagiere der 3. Klasse, die auf Befehl des Kapitäns eingesperrt wurden, das Deck. Doch zu spät. Verzweifelt klammern sie sich an die Reling des fast senkrecht im Wasser stehend Hecks und stürzen in die Tiefe und in den Tod. Der Druck auf dem Rumpf wird zu groß. Der Ozeanriese zerbricht und sinkt in zwei Teilen in das 3.800 Meter tiefe, eiskalte Grab und mit ihm 1.517 Menschen.
Die Überlebenden der zur Rettung geeilten Carpathia besingen wie zu Beginn die „unsinkbare“ Titanic. Die Darsteller treten aus ihren Figuren heraus und halten große Portraits in der Hand. Fotografien. Erinnerungen an Menschen, die aufgrund von Größenwahn und Überheblichkeit ihr Leben lassen mussten.

Miesbach, London, New York

Titanic ist kein Musical, in dem es typische Hauptrollen gibt, sondern die Gesamtleistung eines druckvollen, schauspielerisch und gesanglich herausragenden Ensembles, das es versteht, die Stimmung von der Bühne auf das Publikum zu übertragen. Das FLTB braucht sich vor keinem Vergleich mit den Ensembles am Broadway in New York oder am Londoner Westend fürchten. Im Gegenteil: Sie können den ganzen Großen preisgekrönten Akteuren locker das Wasser reichen.

Lesetipp: Kreativität im Hintergrund

Am 16. Januar 2027 um 16.00 Uhr findet eine weitere Vorstellung von „Titanic“ im Waitzinger Keller in Miesbach statt. Weitere Infos und Termine sind auf der Homepage des FLTB zu finden (Link).

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