Was wir in der Spurwechselkonferenz hätten lernen können

Spurwechselkonferenz Najd Boshi

Die erste Kapitänin auf dem Tegernsee: Najd Boshi. Foto: Firas Al Masri

Spurwechselkonferenz um ein Jahr verschoben

Heute Abend hätte im Waitzinger Keller – Kulturzentrum Miesbach im Rahmen von „Anders wachsen“ die vierte Spurwechselkonferenz stattgefunden. Im Open Space hätten Publikum und Spurwechsler ihre Erfahrungen ausgetauscht. Die Coronakrise zwingt allerorten zum Spurwechsel, so mancher ist bei allen Problemen vielleicht auch positiv?

Ein prominenter Spurwechsler war eingeladen, um über sein Leben zu reflektieren und Gründe aufzuzeigen, warum er seinen sicheren Beamtenjob aufgab und in die zunächst sehr unsichere Existenz des Bildhauers wechselte.

Andreas Kuhnlein war 2013 einer der ersten Spurwechsler, dessen Geschichte wir veröffentlichten.

Spurwechselkonferenz
Der Bildhauer Andreas Kuhnlein. Foto: Wolfgang Zielonkowski

Lesetipp: Vom Bundesgrenzschutz zum Bildhauer

Heute ist er international anerkannter Künstler, damals war es alles andere als einfach. Er ist ein Beispiel dafür, dass es Mut und Beharrlichkeit braucht, um den richtigen Weg zu finden. Es braucht auch ein familiäres Umfeld, das die Entscheidung mitträgt.

Andreas Kuhnlein hat eine neue Skulptur erschaffen, sie heißt „Stillstand 2020“ und wurde vor wenigen Tagen nahe seines Hofes in Unterwössen aufgestellt. In einem Video hat er den Prozess aufgezeichnet.

Was will uns der Künstler damit sagen? Jeder Betrachter darf sich aus seiner aktuellen Situation selbst eine Antwort geben. Sie wird sehr unterschiedlich ausfallen. Der eine würde liebend gern die Schaufel wieder in die Hand nehmen, der andere ist dankbar, dass das Hamsterrad sich gerade weniger schnell dreht.

Skulptur in der Spurwechselkonferenz

Andreas Kuhnlein hätte für die heutige Spurwechselkonferenz eine seiner Skulpturen mitgebracht und wir hätten anhand des Werkes über das Menschsein philosophieren können. Denn der Künstler stellt immer wieder die Verletzlichkeit des Menschen dar.

Im Open Space war unter anderem Najd Boshi eingeladen. Die Syrerin wurde bekannt als die erste Kapitänin auf dem Tegernsee. Nach einer dramatischen Flucht aus ihrem Heimatland nahm die studierte Literaturwissenschaftlerin zunächst jeden Job und schließlich das Angebot an, das Kapitänspatent zu erwerben.

Erinnerungen an Aleppo

Das war im vorigen Sommer. Jetzt fahren keine Schiffe auf dem Tegernsee. Najd sagt, dass das eine schöne und eine schlechte Seite habe. „Ich kann viel Zeit mit den Kindern verbringen, wir lesen und wir fahren Fahrrad.“ Das müsse sie erst wieder lernen, denn in Syrien sei es nicht üblich, dass Erwachsene Fahrrad fahren.

Spurwechselkonferenz Najd Boshi
Najd Boshi übt Radfahren. Foto: Nai Boshi

Da sei es gut, dass jetzt in Tegernsee wenig Verkehr sei. Andererseits wecke das auch Erinnerungen an Aleppo. Auch da herrschte Ausgangssperre, die Polizei kontrollierte, die Grenzen waren dicht. „Aber in Deutschland ist es sicherer“, stellt sie fest. Nur die Kinder leiden, weil sie ihre Freunde nicht sehen können.

Genügsamkeit und Dankbarkeit

Najd Boshi, die Akademikerin, hat sich während des Winters mit Putzen über Wasser gehalten und ist jetzt in Kurzarbeit. Aber sie ist zufrieden, es reicht zum Leben und es gebe ja keine Gelegenheit, Geld auszugeben, kein Kino, keine Restaurants. Von ihr hätten wir eine Menge lernen können, was Genügsamkeit und Dankbarkeit, aber auch Durchsetzungskraft anbelangt, jammern gilt bei ihr nicht. Wer einmal von Schleppern auf einer unbewohnten Insel ausgesetzt wurde, ohne Wasser und Lebensmittel, den kann so schnell nichts erschüttern.


Steinskulpturen von Eva Wolfram. Foto: privat

Begleitend zur Konferenz hätte Eva Wolfram eine Ausstellung gezeigt. Die in Bayrischzell aufgewachsene Künstlerin erfüllte sich ihren Traum und zog 1995 nach Großbritannien, jetzt hat sie ihr eigenes Atelier in Schottland. Kurz vor Grenzschließung war sie in Miesbach und wir sprachen über ihren Spurwechsel.

Sie sei einfach immer ihrer inneren Stimme gefolgt, erzählte die sympathische Künstlerin, die ganz im Einklang mit sich und der Natur lebt und arbeitet. Auch von ihr hätten wir lernen können, denn dies ist vielen von uns verloren gegangen und vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, statt in fernen Ländern in der heimischen Umgebung die Natur zu schätzen und sich von ihr inspirieren zu lassen.


Balg & Bogen beim „Warngauer Dialog“ 2018. Foto: Petra Kurbjuhn

Das junge Musikerduo Balg & Bogen hätte zur Begleitung der Konferenz gespielt und wir hätten den Klängen von Geige und Akkordeon gelauscht. Jetzt müssen wir digitale Formate nutzen.

KulturVision hat vor drei Wochen gemeinsam mit Kultur Valley und der Kulturwerkstatt im Oberland die Sonntagsmatinee ins Leben gerufen. Immer sonntags um 11 Uhr öffnet die digitale Kulturbühne und lädt zu vier Videos ein: Musik, Literatur, Theater, Kunst. Die Vorstellung kann dann noch die ganze Woche besucht werden. Am kommenden Sonntag erleben Sie die Waller Brettlhupfer, Andreas Kuhnlein, Stephanie Groß und Bernd Stahuber.

Aber in einem Jahr holen wir alles nach. Die Spurwechselkonferenz mit Andreas Kuhnlein, spannenden Spurwechslern, moderiert von Markus Bogner und mir selbst und mit Musik von Tobias Thaller und Luis Henking findet am Freitag, 23. April 2021 statt.

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