
Räuber erobern Rottach-Egern
Das Team der Musikschule Tegernseer Tal begeistert in „Ronja Räubertochter“. Foto: Karin Sommer
Musiktheater in Rottach-Egern
Furchterregende Graugnome, ein schwarzer Wilddrude mit roten Augen, wildhaarige Rumpelwichte und ein ganzer Haufen Räuber zogen das Publikum im Seeforum Rottach-Egern schnell in ihren Bann. Bald vergaßen die Zuschauer, dass auf der Bühne Schülerinnen und Schüler der Musikschule Tegernseer Tal standen und fieberten mit den Räubern auf ihren Abenteuern mit.
Für ihre diesjährige Produktion wählte die Musikschule „Ronja Räubertochter“, den 1981 erschienenen Kinderroman von Astrid Lindgren. Freundschaft, Mut und die Überwindung von Gräben stellte die Autorin damals ins Zentrum ihrer Geschichte – Themen, die heute, 45 Jahre später, aktueller sind denn je.

Beginnende Freundschaft: Diana Golubitski als Ronja, Amelia Nägle als Birk. Foto: Karin Sommer
Gegen die Feindschaft
Rauh geht es zu auf der Mattisburg: Zwei verfeindete Räuberbanden leben hier, voneinander getrennt durch den tiefen Spalt des Höllenschlunds. In einer stürmischen Gewitternacht bekommen beide Anführer Nachwuchs – ohne zu ahnen, dass ihre Kinder zehn Jahre später das Schicksal der verfeindeten Gruppen verändern werden. Ronja (Diana Golubitski) und Birk (Amelia Nägle) wachsen zu eigenständigen jungen Menschen heran, die sich nicht länger von den alten Feindschaften ihrer Eltern bestimmen lassen wollen.

Familiäre Herausforderungen: Vicenzo Di Giulio als Mattis, Sophie Höchstetter als Lovis, Diana Golubitski als Ronja. Foto: Karin Sommer
Den Traditionen folgen
Die beiden Räuberhauptleute, der temperamentvolle Mattis (Vincenzo Di Giulio) und sein Rivale Borka (Lisa Bucher), tun sich jedoch schwer damit, alte Gewohnheiten zu überwinden. Besonders Mattis versteht seine Tochter nicht, als sie Freundschaft mit Birk schließt und sich damit gegen ihn stellt. Dabei hat er Ronja doch stets auf die Gefahren der Welt vorbereitet: „Am sichersten bist du, wenn du keine Angst hast“, gibt er ihr mit auf den Weg – und erwartet gleichzeitig, dass sie den Traditionen folgt, „weil das schon immer so war“.

Der gefährliche Walddrude (Lara Posztos) bedroht Ronja. Foto: Karin Sommer
Atmoshphärische Inszenierung
Auf sich allein gestellt erproben Ronja und Birk ihr Leben im Wald und begegnen dabei allerlei gefährlichen Wesen: den irre kichernden Rumpelwichten (Edda Barthel und Lara Posztos), den unheimlichen Graugnomen (Edda Barthel, Lara Posztos, Michael und Konstantin Poltawez) und den furchteinflößenden Wilddruden (Lara Posztos). Vor ihnen retten sich die beiden schließlich mit einem Sprung in den reißenden Fluss. Gerade diese spannungsgeladenen Szenen überzeugen nicht nur durch das engagierte Schauspiel der jungen Darsteller, sondern auch durch das gekonnte Zusammenspiel von Licht, Ton und der hervorragend aufspielenden Band unter der Leitung von Erich Kogler. Die Musik des Abends stammt aus der Feder von Wolfgang Hierl und trägt die Inszenierung atmosphärisch durch den Abend.

Die professionelle Band der Musikschule Tegernseer Tal unter der Leitung von Erich Kogler. Foto: Karin Sommer
Gänsehautmomente
Die geballte Energie der Mattisräuber (Benno Huber, Maria Taubenberger, Magdalena Bierschneider) trifft immer wieder auf die ihrer Kontrahenten (Edda Barthel, Lara Posztos, Michael und Konstantin Poltawez). Für Ausgleich sorgt Glatzen-Per (Lorena Gusman): alt, weise und mit trockenem Humor bringt er immer wieder heitere Momente ins Geschehen. Die Mütter der beiden Protagonisten, Lovis (Sophie Höchstetter) und Undis (Emma Lechner), stehen ihren Kindern und Männern mit bedingungsloser Liebe zur Seite – und sorgen nicht zuletzt dafür, dass sich die rauen Räuber am Ende des Winters auch einmal waschen. Wenn Lovis singt, sorgt das für echte Gänsehautmomente im Saal.

Mutterliebe: Lovis (Sophie Höchstetter) tröstet Ronja. Foto: Karin Sommer
Engagement von Idealisten
Die Begeisterung des Publikums war an diesem Abend deutlich spürbar – vielleicht auch, weil viele von der Professionalität der Aufführung überrascht waren. Vom liebevoll gestalteten Programmheft über das eindrucksvolle Bühnenbild (Matthias Brandstätter und Martin Moßbacher) bis zu Kostümen, Technik und den musikalischen sowie schauspielerischen Leistungen der Schüler: Hier greift alles überzeugend ineinander. In einer Zeit, in der Kultur ihren Stellenwert oft nur durch das Engagement vieler Idealisten behaupten kann, gelingt es der Musikschule Tegernseer Tal, eine positive Dynamik zu schaffen. „Viele warten auf den Schwan, der nie kommt“, beschreibt Musikschuldirektor Erich Kogler die Situation. „Wir bauen erst einmal den See. Wenn die Qualität stimmt, kommen auch Unterstützer dazu – und ermöglichen, dass wir im nächsten Jahr noch mehr auf die Bühne bringen.“

Ende gut, alles gut, alle auf die Bühne. Foto: Karin Sommer
„Nachtschicht, auf geht’s“
Eineinhalb Jahre dauerte die Vorbereitung insgesamt, ein ganzes Jahr probten die Schülerinnen und Schüler für die Produktion. In der letzten Woche vor der Premiere wurde täglich stundenlang gearbeitet, mit großer Konzentration und bemerkenswerter Disziplin. „Da blieben die Handys sogar zu Hause unbeachtet liegen“, berichtet Kogler nicht ohne Stolz. Kurz vor der Aufführung entstand noch eine Höhle für die Bühne und sogar Schnee wurde organisiert – „Schneefall notwendig, Nachtschicht, auf geht’s“, hieß es im Team.
Am Ende bedankten sich die Schülerinnen und Schüler bei allen Beteiligten – besonders bei Andreas Hüüs, der für Regie und Gesamtleitung verantwortlich war und mit viel Einsatz und Geduld „das Beste aus uns herausgeholt hat“.
Ein beseelter, aufregender Theaterabend ging schließlich mit großer Vorfreude auf das nächste Jahr zu Ende. Bleibt die Frage: Welche kreative Überraschung wird sich diese engagierte Gemeinschaft aus jungen und erfahrenen Theatermachern dann einfallen lassen?