Risiko: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten

Risiko

Waltraud Milazzo: Die Zukunft ist fragil. Foto: Riccardo Milazzo

Online-Vortrag bei der vhs Oberland

Diese Frage, auch als Risikoparadox bezeichnet, beantwortete im Rahmen von vhs Wissen online in Kooperation mit acatech am Dienstag Ortwin Renn anhand vieler praktischer Anwendungen für unsere gegenwärtige Zeit.

Was ist eigentlich Risiko, fragte zur Begrüßung der über 800 Teilnehmer aus ganz Deutschland acatech-Präsident Jan Wörner, seines Zeichens Bauingenieur. Und definierte Risiko als Versagenswahrscheinlichkeit mal Schadensumfang. Als Beispiele, vor denen sich die Menschen fürchten, nannte er Katastrophen wie Absturz der Concorde oder Tschernobyl. Andere Risiken wie Straßenverkehr oder Risikosportarten würden indes verharmlost. Der Mensch sei dann bereit ein Risiko einzugehen, wenn er meine, es beeinflussen zu können oder wenn er einen Vorteil für sich sehe. So sei die Wahrscheinlichkeit bei einem Autounfall zu sterben 10 hoch sechsmal höher als bei einem Flugzeugabsturz.

Risiko
Prof. Dr. Ortwin Renn. Foto: acatech/ D. Ausserhofer

Mit Ortwin Renn war ein prominenter Risikoforscher eingeladen, unter anderem acatech- und Leopoldinamitglied, der das Thema wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig verständlich und unterhaltsam darbot. Warum, so fragte er, seien die Steinzeitmenschen trotz sauberer Umwelt nur 30 Jahre alt geworden? Und warum haben wir heute eine Lebenserwartung von rund 80 Jahren? Weil Infektionen durch Hygiene und medizinischen Fortschritt zurückgingen, die Schutztechnik besser wurde, die Ernährung gesünder und weil diese Errungenschaften zunehmend allen Menschen zugänglich seien. Trotzdem meinten viele Menschen, dass wir heute risikoreicher als früher lebten. Aber die Zahl der Verkehrstoten und die Zahl der Arbeitsunfälle sei drastisch reduziert.

Systemische Risiken

Dem gegenüber stünden aber neue, sogenannte systemische Risiken, wie Pandemie, Klimawandel, Computerausfall oder Finanzkrise. Problematisch bei diesen Risiken sei, dass sie sowohl regional als ressortmäßig grenzüberschreitend und komplex, sowie nur mit Wahrscheinlichkeit berechenbar seien und Kipppunkte hätten, nach deren Überschreiten das System zusammenbrechen könne.

Diese Risiken würden sowohl von der Politik als auch der Gesellschaft oft unterschätzt. Ortwin Renn begründete dies am Beispiel Pandemie mit dem Silodenken der Menschen. Man habe anfangs nur die Virologen befragt, nicht aber Folgeschäden der Pandemie hinsichtlich Bildung, Wirtschaft, Gesundheit bedacht. Oft seien systemische Risiken unplausibel und komplex, aus eigener Erfahrung unbekannt und daher unterschätzt.

Falsches Weltbild durch confirmation bias

Am Beispiel des Impfens gegen Covid19 erklärte der Risikoforscher das Problem der Wahrscheinlichkeit. Das Risiko an der Impfung zu sterben sei um einen Faktor 100 geringer als für Ungeimpfte an Corona zu sterben. Aber dieses Thema polarisiere gerade die Gesellschaft. Und hier spiele der Medienkonsum eine besondere Rolle.

Confirmation bias nennt man den Aspekt, dass wir im Internet immer unsere Meinung bestätigt erhalten. Was wir anklicken, merken sich die Suchmaschinen und bieten uns immer wieder dieselben Informationen an. „Damit entsteht ein falsches Weltbild“, warnte Ortwin Renn und dies sei der Boden für Verschwörungstheorien, die das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit durch einfache Erklärungen und Schuldzuweisungen befriedigen.

Richtige Weichen stellen

Das Thema Klimawandel behandelte der Vortragende anhand des Kipppunktes. „Hier funktioniert unser Vorgehen mit Versuch und Irrtum nicht“, sagte er. Wenn der Kipppunkt erreicht sei, sei es zu spät, man müsse vorher etwas tun und er hoffe sehr auf die neue Bundesregierung, hier schon vor dem Eintritt katastrophaler Auswirkungen die richtigen Weichen rechtzeitig zu stellen.

Ortwin Renn riet, individuelle Risiken, wie Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung aus eigenem Antrieb zu reduzieren. Denn diese seien für fast zwei Drittel frühzeitiger Todesfälle in Deutschland verantwortlich. Darüber hinaus empfahl er, die systemischen Risiken als wahre Bedrohungen ernst zu nehmen und sich nicht Rattenfängern aus dem populistischen Lager anzuschließen, sondern fundierte Antworten, etwa bei Faktencheck oder Faktenfuchs einzuholen.

„Die Welt besteht aus Wahrscheinlichkeiten und nicht aus Gewissheiten“, stellte er abschließend fest, „aber die Welt in ihren Grautönen ist spannend.“

Fokus auf Stochastik richten

In der lebhaften Diskussion stellte der Redner noch einmal heraus, dass psychologische Effekte eine große Rolle spielen. Etwa, wenn ich mich selber ändern müsse, dann spiele ich das Risiko lieber herunter, wenn ich möchte, dass andere ihr Verhalten ändern sollten (etwa Industrie oder Politik) spiele ich es lieber hoch.

Auch dass wir gern einen Schuldigen suchen, sei menschlich und die Basis der Verschwörungstheorien. Er plädierte eindringlich dafür, dass in den Schulen ein Schwerpunkt auf Stochastik gerichtet werden müsse, um die Jugend auf den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten vorzubereiten. „Das ist im Bildungskanon noch nicht angekommen“, kritisierte er.

Zum Weiterlesen: Wege ins Ungewisse

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