Lisa Horn | Eine kleine Reise

Ich schließe die Augen.

Ein Tunnel öffnet sich, ein Tunnel aus Energie, in dem Zeit und Raum keine Rolle spielen. Ich werde herumgewirbelt, verliere die Orientierung. Oben, unten, davor, danach, vorne, hinten… bedeutungslos. Doch auf einmal kommt alles zum Stehen. Der Wirbel ist verschwunden und für den Bruchteil einer Sekunde ist alles ruhig. Und dann plötzlich geht ein Ruck durch meinen Körper und ich schwebe über einer Stadt. Im ersten Moment habe ich Panik. Werde ich abstürzen? Ich sehe an mir herunter und sehe… nichts. Ich lache auf – und stutze. Ich habe mich gehört, aber nur in mir. Ein tatsächliches Geräusch war nicht zu vernehmen gewesen. Ich besinne mich auf meine Ausbildung. Alles ist gut und so, wie es sein soll.

Langsam lasse ich mich, oder das, was ich gerade bin, nach unten sinken. Näher an die Stadt heran. Schon von weitem kann ich ihre verseuchte Luft riechen. Ich bin darauf vorbereitet gewesen, und doch trifft mich der Geruch wie ein Schlag und kurz habe ich das Gefühl, nicht atmen zu können. Kopfschüttelnd lasse ich mich weiter sinken. Unvorstellbar, dass hier tatsächlich noch Autos gefahren werden. Obwohl doch allen klar war, dass sie die Umwelt verpesteten. Die Luft, die sie zum Leben brauchten. Einmal mehr war ich froh, dass Autos bei uns längst Geschichte waren. Für Kurzstrecken innerhalb einer Stadt benutzten wir Fahrräder oder selbstfahrende Kabinen, die über Strom aus erneuerbaren Energien gespeist wurden. Für längere Strecken gab es den Hyperloop, in etwa vergleichbar mit einer Eisenbahn, wie sie da gerade vorfuhr.

Ich war jetzt so weit unten, dass ich die Gespräche der Menschen hören konnte. Ich war einer von ihnen. Oder wäre es gewesen, hätte ich einen Körper besessen. Ich sah mich um. Weit und breit keine einzige Grünfläche. Keine Bäume, keine Blühwiesen. Wie konnten sich die Menschen in so einer Stadt wohlfühlen? Ich war überzeugt, ich könnte das nicht.

Plötzlich horchte ich auf, da hinten schienen Leute in einen Konflikt verwickelt zu sein. Schnell machte ich mich auf den Weg in die Richtung, aus der die lauten Stimmen kamen. Mein Herz wurde schwer. Da standen zwei Frauen, Hand in Hand, und vor ihnen hatte sich eine Gruppe junger Männer aufgebaut. „Ihr ekligen Lesben!“, einer spuckte ihnen vor die Füße, „Ihr seid eine Schande für die Menschheit! Ihr nehmt zwei Männern die Weiber und Kinder!“ Die anderen aus der Gruppe lachten nur blöde. Ich ballte meine Fäuste. Ich wusste, ich konnte nichts tun, und genau das macht mich so wütend. „Du da!“, der eine Mann, vermutlich ihr Anführer, zeigt auf eine der Frauen, „Geh zurück in die Küche! Und du“, er blickte die andere an, seine Augen funkelten. Ich ahnte böses. „Geh zurück in dein Land!“ Die beiden Frauen sahen einander an, beide traurig, aber dennoch kämpferisch, und gingen einfach weiter. Die Gruppe Männer lachte ihnen hinterher und machte noch ein paar Sprüche, doch sie ließen sich nicht davon beirren. So sah es von außen zumindest aus. Mir war klar, dass diese kurze Situation homophobe, sexistische und rassistische Diskriminierung enthalten hatte. So etwas steckte niemand so leicht weg. „Haltet durch“, flehte ich stumm, „Es wird besser!“ Tatsächlich konnte ich mir so eine Situation in meinem Leben nicht vorstellen. Bei uns waren alle gleich. Die Sexualität eines Menschen spielte genauso wenig eine Rolle wie Herkunft und Geschlecht. Wir liebten, wen wir eben liebten, ohne uns erklären zu müssen. Wir sahen aus, wie wir eben aussahen, ohne uns verstecken zu müssen. Und ich war unendlich dankbar für diese Entwicklung, die für eine so lebenswerte und gleichberechtigte Welt sorgte. Doch bis dahin hatte es lange gedauert. Ich erinnerte mich an Bilder aus meinen Schulbüchern. Bilder von CSDs und „Black Lives Matter“-Demos. Bilder von Vorständen und Chefetagen, wo man mit Glück eine Frau fand. Der Wandel war nicht von einem Tag auf den anderen gekommen, sondern eher langsam. Immer mehr diskriminierte Menschen wurden laut, machten auf ihre Situation aufmerksam. Und immer mehr privilegierte Leute hörten zu, versuchten zu verstehen und nachzuvollziehen. Hinterfragten ihr eigenes Verhalten. Den Ausschlag hatte der Umstand gegeben, dass Deutschland eine Schwarze und bisexuelle Bundeskanzlerin bekommen hatte, die eine bundesweite Kampagne anstieß, bei der in jeder Stadt und jedem noch so kleinen Dorf Informationsplakate aufgehängt und Veranstaltungen organisiert wurden. Es war wie eine zweite Aufklärung gewesen.

Ich schwebte weiter durch die Fußgängerzone. An allen Ecken und Enden waren Cafés, Restaurants und Bars. Die Leute, die dort saßen, aßen und tranken alles Mögliche. Von Avocado-Broten über Bananen-Smoothies bis hin zu Schokokuchen. Und natürlich: Fleisch. Ich hatte von dem unglaublichen Fleischkonsum dieser Zeit gehört, doch es jetzt so vor mir zu sehen, schockierte mich sehr. Bei uns war schon längst ein Bewusstsein dafür geschaffen worden, wie Produkte, die von weit her kamen, und Fleisch der Umwelt schadeten. Und es waren Konsequenzen daran geknüpft worden, vor allem in Form von höheren Preisen durch höhere Mehrwertsteuern. Das bedeutete also nicht, dass jeder für immer darauf verzichten musste, doch der Konsum dieser Lebensmittel war extrem zurückgegangen. Dafür waren regionale und vegetarische Superfoods im Kommen. Und die konnten wir zum Großteil direkt in den Städten anbauen, in sogenannten „Vertical Farms“. Ich schwebte weiter, sah, wie ein Junge mit schwarzer Mütze eine Plastiktüte einfach so in den Restmüll warf. „Hey, du!“, möchte ich rufen, „Bring die Tüte zur Recyclingstation!“ Aber das konnte ich natürlich nicht. Und Recyclingstationen hatte es zu dieser Zeit ja auch noch gar nicht gegeben. Bei uns wurde jedes winzige bisschen Plastik recycelt. Dafür gab es speziell entwickelte KIs, die Plastik nach den verschiedenen Arten einteilen konnten.

Der Junge drehte den Kopf in meine Richtung, als hätte er mich doch gehört. Was natürlich unmöglich war. Tatsächlich galt sein Blick einem anderen Jungen, der direkt hinter mir stand. Gemeinsam gingen die beiden in einen Klamottenladen. Und mal wieder musste ich den Kopf schütteln. So viele Geschäfte gab es hier. Alle Menschen um mich herum kauften ein, als hinge ihr Leben davon ab. Und das alles neu! Ob sie sich Gedanken darüber machten, wie viel davon sie tatsächlich brauchen würden? Ob ihnen klar war, was für eine Industrie hinter diesen Produkten steckte? Als es damals Gesetz wurde, jedes Kleidungsstück mit einer Bewertung auszustatten, die anzeigte, wie umweltverträglich es hergestellt wurde, und, unter welchen sozialen Bedingungen, haben die meisten Leute nur ungläubig den Kopf schütteln können. Einige zuvor große Hersteller waren pleite gegangen, doch viele hatten auch einfach umgestellt. Und Second Hand Mode war gefragt, wie nie zuvor. Hier konnte ich diesen Wandel noch nicht so wirklich sehen, doch zumindest wusste ich, er würde kommen.

Ich merkte, wie sich die Welt um mich langsam wieder zu drehen begann und wusste, mein Besuch hier würde bald zu Ende sein. Die fünf Minuten, die mittlerweile gefahrlos möglich waren, hatten sich unendlich lange angefühlt. Und ich war dankbar, das alles gesehen zu haben. Natürlich hatte ich es zuvor bereits in der Schule gelernt, doch wirklich zu sehen, wie die Menschen damals ihren Planeten ausbeuteten und sehenden Auges beinahe zerstört hätten, macht mir klar, dass es so, wie es jetzt ist, gut ist.

Ich schließe die Augen.

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