Wörtlich oder ernst nehmen?

Stefan Wimmer

Stefan Wimmer in Holzkirchen. Foto: MZ

Vortrag in Holzkirchen

Eine Schrift ist heilig, wenn sie heute noch Lebenshilfe gibt. Was aber, wenn darin, wie in Bibel und Koran, der Aufruf zu Gewalt steht? Mit dieser Frage befasste sich gestern Abend im Thomassaal Privatdozent Stefan Jakob Wimmer aus München.

Der Arbeitskreis Ökumene hatte zu diesem Vortrag den Wissenschaftler von der Katholischen Fakultät der LMU eingeladen, der auch die Gesellschaft Freunde Abrahams gegründet hat, eine Vereinigung, die die Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Religionen historisch freilegt und den Bogen zu den heutigen Herausforderungen spannt.

Der Referent nahm sich zunächst die Bibel vor und zitierte Stellen, die an Grausamkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Im 137. Psalm ergeht die Aufforderung, Kinder des Feindes an Felsen zu zerschmettern. Die Geschichte Simsons ist die eines Selbstmordattentäters und in einer anderen Geschichte wird zum Genozid aufgerufen.

Wort Gottes oder des Menschen?

Daraus ergeben sich die Fragen, ob das das Wort Gottes oder das Wort der Menschen ist. Und: Muss mann die Bibel wörtlich, oder wie es der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide formulierte, ernst nehmen? Aber wie kann man solche Stellen ernst nehmen?

Auch im Neuen Testemant gibt es einige wenige Stellen, wo Gewalt auftritt, insbesondere in der Apokalypse bei Johannes, aber auch in einer Erzählung, wo ein Ehepaar wegen Unterschlagung auf der Stelle stirbt.

Zum Koran sagte Wimmer: „So scheußliche Sachen wie in der Bibel gibt es im Koran nicht, keine Selbstmordattentäter, keine zerschmetterten Kinder, keine Angriffskriege.“ Aber in der Sure 9 heißt es „Tötet die Götzendiener aus dem Hinterhalt.“ Da der Koran im Gegensatz zur Bibel für Muslime Handlungsanweisung sei, sei es besonders tragisch, dass dies manche Muslime, wie der derzeit der IS, in die Tat umsetzen. Den meisten Muslimen aber sei bewusst, dass man den Text in den historischen Kontext stellen müsse.

Menschheit Spiegel vorgehalten

Wimmer argumentierte, dass es zwei Möglichkeiten gebe, die Gewalt in den Heiligen Schriften zu erklären. Zum einen werde der Menschheit in aller Schonungslosigkeit ein Spiegel vorgehalten wie sie geworden ist. Aus dieser Diagnose müsse die Heilung dergestalt erfolgen, dass sich Menschen bewusst werden, so nicht zu sein.

Den zweiten Ansatz sieht Wimmer darin, dass Gott Hell und Dunkel, Gutes und Böses geschaffen habe. Und letztlich komme es nur darauf an, wie Gläubige mit den Schriften umgehen. Am Beispiel des Korans erklärte es der Vortragende so: Da steht geschrieben, dass die Frau nur die Hälfte dessen erben soll, was ein Mann erbt. Das sei damals in Ordnung gewesen, weil ja der Mann die Verantwortung für die ganze Familie hatte und drücke nur Gerechtigkeit und Gleichberechtigung aus. Und so muss diese Stelle auch heute gelesen werden.

Lesetipp: Die Bibelshow und was sie bewirkt

Koran nicht so anstößig wie Bibel

Es sei die Kunst herauszulesen, was in den Texten gemeint ist. Und keinesfalls dürften sich die Christen in Bezug auf Gewalt auf das Neue Testament, wo Jesus die Nächsten- und gar Feindesliebe predigt, berufen. Denn erstens gebe es nur einen Gott und auch Jesus habe mit diesem umgehen müssen, und zweitens würde man dann den Juden den Schwarzen Peter zuschieben. Und Wimmer betonte ein weiteres Mal: „Der Koran ist bei weitem nicht so anstößig wie die Bibel.“ Er schloss mit der Hoffnung, dass Gott weiterhin Hindernisse beseitigen werde. „Der Friede in Nahost wird kommen.“

Die sehr lebhafte Diskussion im Thomassaal fasste eine Zuhörerin mit dem Satz zusammen: „Ich gehe mit dem Ergebnis nach Hause, dass ich toleranter werde, wenn ich mehr vom anderen weiß.“

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