
„Nicht jede Kunst ist schön“
Wilhelm Vossenkuhl plante und moderierte acht Jahre lang das Korbinians Kolleg. Foto: Monika Ziegler
Interview mit Wilhelm Vossenkuhl
Dass es das Korbinians Kolleg im Hotel Bachmair Weissach gibt, ist nicht zuletzt auch Wilhelm Vossenkuhl zu verdanken: Acht Jahre lang war der emeritierte Philosophieprofessor Kurator und somit Programmchef der Vortragsreihe, die von Hotelchef Korbinian Kohler ins Leben gerufen wurde. Wie es zu der Zusammenarbeit von Philosoph und Hotelier kam und wie es um die öffentliche Philosophie bestellt ist, erzählt Wilhelm Vossenkuhl im Interview mit KulturVision.
Niveau hoch halten
KulturVision: „Sie waren seit Beginn des Korbinians Kollegs im Herbst 2017 Akademischer Kurator der Vortragsreihe. Worin bestanden Ihre Aufgaben?“
Wilhelm Vossenkuhl: „Eigentlich bekleidete ich mehrere Rollen, vom Planer bis zum Moderator. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit war es, die Experten auszuwählen und einzuladen. Das ist nicht wenig Arbeit, denn man muss viel recherchieren und dann, ganz wichtig, persönlich mit den Leuten sprechen. Als Moderator kam es für mich stets darauf an, den Redner in den Vordergrund zu stellen und mich selbst zurück zu halten.“
KulturVision: „Wie kamen es denn zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Korbinian Kohler?“
Wilhelm Vossenkuhl: „Wir beide haben uns an der Universität kennengelernt, Korbinian hat bei mir studiert. Er war damals ja schon Hotelier und hatte für sein Haus erste Ideen einer Bildungsveranstaltung. Aus diesen haben wir dann gemeinsam das Korbinians Kolleg entwickelt.“
KulturVision: „Ist es nicht auch eine besondere Herausforderung, wissenschaftliche Vorträge für ein Publikum zu organisieren, dass nicht zwingend vom Fach ist?“
Wilhelm Vossenkuhl: „Wir haben mit den Vortragenden immer vorab geklärt, an wen sich das Kolleg richtet. Die Redner sind ja allesamt hochkarätige Gäste. Unsere Idee war stets, dass wir das Niveau hoch halten wollten, immer leicht oberhalb des Publikums. Man muss ja nicht alles verstehen, bekommt aber bei den Veranstaltungen Impulse für neue Gedanken.“
Unbehagen an großen System
Von 1993 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 hatte Wilhelm Vossenkuhl den Lehrstuhl für Philosophie I an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München inne. Zudem ist er vielen bekannt durch die Sendung “Denker des Abendlandes”, bei der er mit dem Physiker Harald Lesch bedeutende Philosophen vorstellte. Wilhelm Vossenkuhl sorgte sich also schon früh um die Vermittlung von Wissenschaft, insbesondere der Philosophie, in der Öffentlichkeit.
KulturVision: „Wie wichtig ist es denn heutzutage, Philosophie in die Öffentlichkeit zu tragen?“
Wilhelm Vossenkuhl: „Als ich mit Harald Lesch die Sendung machte, gab es viele skeptische Stimmen. Heute sehen es viele pragmatisch. Und es sind eine ganze Menge populärwissenschaftlicher philosophischer Zeitschriften entstanden. Zudem gibt es gerade für die Ethik, die ja philosophische Teildisziplin ist, einen unendlichen Nachschub an Problemen in der Welt. Allerdings kann man auch als Ethiker nicht zu allem etwas sagen. Über allgemeine Aussagen etwa zu Verpflichtungszusammenhängen geht das nicht hinaus. Dazu kommt aber das Problem, dass die ganz großen philosophischen Entwürfe nicht mehr die Rolle spielen, die sie mal hatten.“
KulturVision: „Was bedeutet das?“
Wilhelm Vossenkuhl: „Früher war die Philosophie mit großen Namen und den Systemen verbunden, die diese Philosophen entworfen hatten, etwa die Diskursanalyse von Jürgen Habermas oder die Philosophie Friedrich Nietzsches. Das hat sich überlebt, weil es die Generalperspektive auf die Welt nicht mehr gibt. Wir empfinden heute ein gewisses Unhehagen an den großen Systemen, haben aber gleichzeitig ein Interesse an den Philosophen und ihrem Denken. Das ist die Spannung, in der sich Philosophen bewegen, wenn sie in die Öffentlichkeit gehen.“
Den Geschmack bilden
Ein Gebiet, zu dem Wilhelm Vossenkuhl viel gearbeitet hat, ist die Philosopie der Kunst, besonders des Designs. Zudem kooperierte er eng mit bekannten Gestaltern wie Otl Aicher und Norman Forster. Daraus entstanden mehrere Publikationen, zuletzt das von Wilhelm Vossenkuhl und Winfried Nerdinger herausgegebene Buch „Otl Aicher. Designer. Typograf. Denker“ (2022) und das von Vossenkuhl mitherausgegebene Buch „The State of Design” (2023). .
KulturVision: „In der jüngsten Ausgabe des Warngauer Dialogs beschäftigte sich KulturVision mit der Frage, wie politisch Kultur ist. Wie wäre ihre Antwort auf diese Frage?“
Wilhelm Vossenkuhl: „Ich würde zuerst einmal sagen, dass Kultur die Grundlage für die Politik ist, die Basis unseres Zusammenlebens. Kultur und Politik sind also Bereiche, die man nicht trennen kann. Und wenn wir auf Kultur im engeren Sinne, also Bildende Kunst, Literatur und dergleichen blicken, dann fehlte etwas, wenn wir keine Kunst hätten. Kunst ist ein Instrument, das Kultur und Politik kritisieren kann.“
KulturVision: „So gesehen hat Kunst einen politischen Anspruch. Aber hat es den immer? Oder anders gefragt: Darf Kunst auch mal einfach nur schön sein?“
Wilhelm Vossenkuhl: „Nicht jede Kunst ist schön. Nehmen wir religiöse Kunst: die hat keinen politisch-kritischen Anspruch, ist aber auch nicht zwangsläufig schön, wenn man darunter so etwas wie die höchste Form des Menschseins verstehen will. Es bedarf in jedem Fall der Geschmacksbildung, um Kunst zu verstehen. Um ein Bild anzuschauen, muss man wissen, welches Wertegerüst darin steckt. Gleiches gilt übrigens auch für die Politik, auch hier müssen Menschen ihren Geschmack bilden. Es ist daher ein Armutszeugnis, dass wir als Gesellschaft nicht viel mehr Geld in Bildung investieren.“