Alix von Melle, eine ganz normale Frau auf den Achttausendern der Welt?!

Frauenpower

Alix von Melle und ihre Ausrüstung für eine Expedition in großen Höhen. Foto: Veronika Muth

Multimedia-Vortrag in Miesbach im Rahmen von „Anders wachsen“

Mount Everest, Nanga Parbat, Manaslu….Wer an die höchsten Berge der Welt denkt, denkt unweigerlich an Reinhold Messner, an Hans Kammerlander, vielleicht noch an den Sherpa Tenzing Norgay. Aber mal ganz ehrlich, Frauenpower und Weiblichkeit kommen wohl den wenigsten bei diesem Thema in den Sinn?!

Sie ist weder groß, noch klein. Weder unsportlich, noch besonders drahtig. Kein wettergegerbtes, von tiefen Falten durchzogenes Gesicht blickt dem Publikum entgegen. Die blonde Frau mit dem roten Mikrofon in der Hand scheint auf den ersten Blick …ganz normal. Eine ganz normale Frau eben.

Frauenpower 8.000+, Höhenbergsteigen weiblich

Doch das stimmt so nicht ganz. Und das wird schnell klar, sobald die ersten Fotos auf der Leinwand erscheinen, mit denen Alix von Melle ihren Vortrag „Frauenpower 8.000+, Höhenbergsteigen weiblich“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Starke Frauen – Frauen stärken“, untermalt. Die fast 50-Jährige ist Hamburgerin. Hamburgerin und Höhenbergsteigerin. Bislang ist sie die einzige Deutsche, die sieben der 14 Achttausender der Welt erfolgreich bestiegen hat.

Frauenpower damals und heuteFrauen und die Berge: berühmte Bergsteigerinnen damals und heute. Foto: Veronika Muth

„Noch heute sind zirka acht bis neun Teilnehmer einer zehnköpfigen Expedition Männer.“

Ihre erste Expedition in höchster Höhe fand im Jahr 1998 statt. Damals hatte sie ihren heutigen Ehemann, den Allgäuer Luis Stitzinger, erst ein paar Monate zuvor kennengelernt und begleitete ihn auf einer von ihm geführten Tour in den Anden. Sie war die einzige Frau in der Gruppe und im Basislager angekommen, fragten die restlichen Teilnehmer, was sie denn nun die nächsten Wochen so machen werde. Von Melle machte das Gleiche, wie die Männer auch: sie bestieg den 6.961 m hohen Aconcagua, den höchsten Berg Südamerikas.

Für die Berge, gegen Kinder und Familie

Von diesem Zeitpunkt an wird das Höhenbergsteigen die damals 27-Jährige nicht mehr loslassen. Alles Geld fließt in diese Leidenschaft, die sie bis heute mit Luis Stitzinger teilt. Dafür habe sie auf Familie und Kinder verzichtet und sich bewusst mit ihrem Mann für die Berge entschieden, erklärt die Extremsportlerin. Denn für Alix von Melle war klar, dass sie nicht die daheimgebliebene Hausfrau sein wollte, die auf Kinder aufpasste, während ihr Ehemann die Berge der Welt erklomm. Wie sie so klar und pragmatisch von solch schwerwiegenden Entscheidungen spricht, wird deutlich, wie viel Kraft diese fast unscheinbare Frau in sich hat und mit welcher simplen Unaufgeregtheit sie für ihre Leidenschaft einsteht.

Nanga Parbat, Mount Everest und Manaslu

Für den Abend im Waitzinger Keller suchte sich die studierte Diplom-Geografin und PR-Spezialistin drei ihrer zahlreichen Expeditionen aus, um dem Publikum, drahtig-rüstigen, großteils schon ergrauten Männern wie Frauen, den Expeditionsalltag näher zu bringen. Fotos von beeindruckenden Bergpanoramen, Fotos von bunten Gebetsfahnen, zerfurchten Gesichtern uralt wirkender Einheimischer und Bergsteiger/innen im fluffig-dicken High-Tech-Ganzkörper-Daunenanzug wechseln sich während der 80 Minuten Vortragsdauer ab mit Anekdoten und Fakten über das Höhenbergsteigen an Nanga Parbat, Mount Everest und dem Manaslu.

Alix von Melle AufstiegVon Melle erörtert ihre Aufstiegsroute auf den Manaslu. Foto: Veronika Muth

Es ist nichts Aufbrausendes, Herrisches à la Reinhold Messner, was diese Frau verkörpert. Vielmehr Ruhe, Klarheit, zurückhaltende Freundlichkeit, Pragmatismus, Frauenpower und stille, tiefe Freude. Letztere blitzt beispielsweise auf, als sie ein Foto zeigt, „von dem sie so froh ist, es in letzter Sekunde doch noch geschossen zu haben“: dem Abstieg in die Wolken am Nanga Parbat.

Alex von Melle AbstiegAbstieg vom Gipfel des Nanga Parbat ins Ungewisse. Foto: Veronika Muth

Tote im Schnee, Massentourismus und Blutegel im Schuh

Scheinbar ohne große Gefühlsregung spricht die Ausnahmebergsteigerin von den Toten im Schnee, verbrannten Zelten auf über 7.000 m ü. NN, über Massentourismus am Mount Everest, genauso wie am Mont Blanc, und darüber wie sie sich während des großen Erdbebens 2015 am Mount Everest gefühlt hat. Als es um Blutegel geht, die heimlich durch die Schnürsenkellöcher in den Schuh gelangen und dann ein Blutbad anrichten darf auch mal geschmunzelt werden. Alix von Melle erzählt offen und ehrlich von ihren Schwächen und ihren Stärken am Berg. Davon, wie sie ab einer Höhe von 7.000 m erst so richtig in Fahrt kommt, während die meisten ihrer Mitstreiter gerade ab da große Schwierigkeiten bekommen, und davon, wie ekelhaft sie den Raureif findet, der frühmorgens von der Zeltdecke in den Hochlagern auf sie herunterrieselt.

Nicht der Gipfel ist das Ziel

Immer wieder betont von Melle, wie wenig wichtig ihr der Gipfel sei. Den Gipfel nicht zu erreichen sei niemals ein Scheitern für sie, Scheitern sei einzig und allein verletzt oder gar nicht zurückzukommen. Ihr Motto: „Du warst erst dort, wenn du wieder unten bist.“

Es sind keine vordergründig heroischen Bilder vom Höhenbergsteigen, die von Melle im Waitzinger Keller zeichnet. Und genau das macht den Abend für Bergsteiger/innen und solche, die es nicht sind, zu einer wunderbar angenehmen und interessanten Unterhaltung.

Eine Expedition ist mehr als nur der Berg

Ein Herzensthema spricht die Ausnahmesportlerin immer wieder an: es gehe für sie nicht um die Gipfel allein. Das Gesamtpaket hat es ihr angetan: das Kennenlernen fremder Kulturen, Religionen und Menschen und eben die Berge. Auch wenn sie zugibt, dass sie sich in einem Land wie Pakistan, dessen Religion und Kultur den Frauen verbiete, sich auf der Straße zu zeigen, immer weniger wohl fühle, je älter sie werde.

Frauenpower Fremde KulturenNicht nur die Gipfel interessieren Alix von Melle auf einer Expedition. Foto: Veronika Muth

Alix von Melles Vortrag im Waitzinger Keller handelt offiziell von Frauen im Hochgebirge, auf über 8.000 m ü. NN. Doch das, was sie erzählt, klingt eigentlich nicht explizit weiblich, vielmehr menschlich. Vielleicht ist auch das eine Erkenntnis, die so manch einer oder eine an diesem Abend mit nach Hause nimmt: dass nicht immer die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zählen, sondern die Gemeinsamkeit. Auf dem Berg, wie im Tal: Wir sind alle Menschen und uns oft sehr ähnlich…!

Zum Weiterlesen in Sachen Frauenpower: „Am Berg bist du nackt“

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