
Verzweiflung, Liebe, Wahnsinn
Eine harmonische Familie? Foto: MZ
Theater in Holzkirchen
Einen Glücksgriff hat Ingrid Huber, Leiterin des Sprechtheaters des Freien Landestheaters Bayern, nicht nur mit dem Stück, sondern ebenso mit dem Regisseur Heinz-Josef Braun gemacht. Die Inszenierung von „Die lieben Eltern“ im FoolsTheater ist von professioneller Perfektion mit großartig agierenden Schaupielern und riss zur Premiere das Publikum zu Begeisterung hin.
„Das ist eine tolle Gruppe und wir hatten eine wunderbare Zeit miteinander“, sagte der bekannte Schauspieler und Musiker, der gerade von einer Aufführung seiner beliebten Serie Bayerischer Märchen mit Stefan Murr aus dem Waitzinger Keller in Miesbach kam und mit seinem Schauspielkollegen und seiner Frau Johanna Bittenbinder der Premiere beiwohnte.
Eigene Kompositionen
In der Tat eine tolle Gruppe, diese fünf Schauspieler mit Regieassistentin Ingrid Huber, die sich Heinz-Josef Braun anvertrauten. Er strukturierte das Geschehen um Elternpaar und drei erwachsene Kinder in Kapitel, denen er jeweils Überschriften zuwies, und Intermezzi mit eigenen Kompositionen, die er selbst mit verschiedenen Instrumenten in seinem Studio einspielte. Diese Musik bereitet in ihrer Stimmung jeweils auf das Kommende vor.
Geld verdirbt den Charakter
Dieses lässt sich im Grunde in einem Satz zusammenfassen: Geld verdirbt den Charakter. Aber wie das Autorenpaar Armelle und Emmanuel Patron diese Geschichte schön langsam und genüsslich in überspitzter Form aufbereiteten, das ist sehenswert. So mancher im Publikum wird ein Déjà-vu-Erlebnis gehabt haben.
Nein, eigentlich lustig ist sie nicht, diese schwarzhumorige Familienkomödie und dennoch lacht sich das Publikum schlapp. Mag es an der Überzeichnung liegen oder an den geschliffenen Dialogen, die, in bairische Sprache übertragen, besonders wirksam sind, an der flotten, mitreißenden Inszenierung voller Überraschungen von Heinz-Josef Braun oder an der Schauspielkunst der fünf Mimen, egal.

Verzweiflung: Peter (Christian Selbherr), Jürgen (Korbinian Langl) und Lisi (Judith Heimerl) sorgen sich. Foto: MZ
Der Plot ist schnell erklärt. Das Elternpaar Johanna und Vinzenz bittet ihre drei erwachsenen Kinder Lisi, Peter und Jürgen zu einem Gespräch. Diese sind verzweifelt, weil sie Schlimmes befürchten. Krankheit? Gemeinsamer Suizid?
Aber die Eltern eröffnen nur, dass sie ein neues Leben in Kambodscha mit der Eröffnung eines Waisenhauses für Kinder planen. Möglich geworden durch einen Lottogewinn. Dem Nachwuchs dämmert schön langsam, dass sie von dieser unerwarteten Geldsegen etwas abhaben müssten.

Johanna (Andrea Rosskopf) und Vinzenz (Bernd Schmidt) erklären ihren Plan. Foto:MZ
Und so entwickelt sich die Geschichte, bestimmt von sehr viel Geld und was dieses viele Geld mit einem Menschen machen kann.
In einem kargen Bühnenbild (Korbinian Langl) nur bestehend aus einer Couch, einem Tisch und zwei Hockern, agieren die fünf Mitwirkenden.

Die Familie ist noch einigermaßen heil. Foto: MZ
Von düsterer Musik eingeleitet, versammeln sich die drei erwachsenen Kinder und beratschlagen, wie man sich dieser verzweifelten Situation nähern kann. Schon hier schwarzer Humor, „sie sind ja schon 67“.
Schon hier kommen die unterschiedlichen Charaktere zum Tragen. Peter, der zehn Jahre Ältere, von Christian Selbherr überzeugend selbstsicher, erfolgsgewohnt, ja arrogant gespielt, mit eigener Firma, die Solarpaneele verkauft, allerdings werden sie in China produziert.

Ob der Rotwein hilft? Foto: MZ
Von den jüngeren Geschwistern als Kapitalist geschmäht, denn beide sind noch nicht auf der Erfolgsspur. Lisi studiert seit acht Jahren Medizin. Judith Heimerl spielt die einsame Studentin, deren Beziehungsstaus sich seit Jahren auf Kater Heinrich beschränkt und der ständig ins Wort gefallen wird, zunächst zurückhaltend, ein wenig verbittert und empathisch.
Auch Jürgen ist der Brave, Mamas Liebling, wie Peter eifersüchtelnd bemerkt. Korbinian Langl ist der erfolglose Schriftsteller, dessen Roman auf Fertigstellung wartet und der sich mit Literaturkritiken über Wasser hält und der immer noch am elterlichen Geldtropf hängt, sowie seine Schmutzwäsche mitbringt, mit liebenswürdiger Unsicherheit.

Die „Kinder“ mit der Mama. Foto: MZ
Eigentlich lieben sie sich und eigentlich lieben sie auch ihre Eltern, aber eben nur eigentlich. Denn als diese ihren Plan unter der Kapitelüberschrift „Bitte, was?“ eröffnen, bricht totales Unverständnis aus.
Andrea Rosskopf ist als Johanna eine souveräne, von ihrer bisherigen Rolle als treusorgende Mutter überzeugte Frau im besten Alter, die jetzt den Sprung ins Ungewisse wagt. Auch Bernd Schmidt als Vinzenz spielt den Vater überzeugend, alles andere als autoritär, sondern befragt sogar nächtens einzeln die Kinder, wieviel sie denn vom Kuchen abhaben wollen.

Mutter Tochter. Foto: MZ
So scheint also alles harmonisch zu sein, bis Jürgen im Netz auf eine Nachricht stößt. „Diese Schweine“ ist das Kapitel nach der Pause überschrieben und die Geschichte eskaliert.
Jetzt können die Schauspieler exzessiv werden, insbesondere Judith Heimerl und Christian Selbeherr liefern grotesk überhöhte Emotionsäußerungen, die dem Stück ordentlich pikante Würze verleihen.

Beim Schlussapplaus: Ingrid Huber und Heinz-Josef Braun (Mitte) mit Judith Heimerl und Korbinian Langl. Foto: MZ
Denn jetzt kommt es zum Tragen; alles, was unter der Harmoniesoße versteckt war, kommt an die Oberfläche. Was Geld als beherrschender Faktor unserer Gesellschaft mit einer Familie anrichten kann, das führt dieser Theaterabend mit großartigen Schauspielern in einer überraschenden und emotionalen Inszenierung vor.
Sehr empfehlenswert, nicht nur für Menschen, die in absehbarer Zeit etwas vererben wollen. So viele Fragen. Haben die Kinder ein Recht auf Erbe? Haben die Eltern eine Pflicht zu vererben oder haben sie schon ein Leben lang alles für den Nachwuchs getan?
Zum Weiterlesen: Alle sind verdächtig