Corona in Politik und Wissenschaft

Coronavirus

Coronavirus. Foto: pixabay

Die ersten zwei Online-Veranstaltungen der Wissenschaftstage Tegernsee befassten sich mit Politik und Wissenschaft in Zusammenhang mit Corona. Hochkarätige Beiträge von Wissenschaftlern und praktische Beispiele aus der Region brachten dem zugeschalteten Publikum neue Einblicke in das aktuelle Geschehen.

Die Coronakrise ist ein Heilmittel zur Erneuerung der Demokratie mit Risiken und Nebenwirkungen. Die These vertrat Andreas Kalina, Politikwissenschaftler an der Akademie für Politische Bildung Tutzing. Er konstatierte, dass es schon vor Corona eine Vertrauenskrise gegenüber Politik und Wissenschaft gegeben habe, die zu einer gesellschaftlichen Spaltung und hin zu Verführbarkeit durch Populismus geführt habe.

Corona Demokratie
Demokratie. Foto: pixabay

Die Pandemie müsse man jetzt nutzen, um ein neues Verhältnis zwischen Politik und Gesellschaft aufzubauen. Als Ritterschlag für die Politik bezeichnete er die Krise, jetzt könne die Demokratie stabilisiert werden und Glaubwürdigkeit und Vertrauen aufgebaut werden. Dazu beitragen würde die erlebbare Solidarität unter den Menschen und die neue Legitimität von Wissenschaft.

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Allerdings gebe es eben auch Nebenwirkungen, die Andreas Kalina als Coronakratie bezeichnete. Damit verbindet er unter anderem Einschränkungen der persönlichen Freiheit, Entparlamentarisierung, sowie antipluralistische Momente. Daraus resultierten neue Spaltungen, die Nährboden für Populismus seien. Der Wissenschaftler sieht eine echte Erosionsgefahr für die freiheitliche Demokratie.
Aber er hat auch Rezepte für die anhaltende Gesundung parat. Dazu bedürfe es der Revitalisierung von pluralistischer Willensbildung und Entscheidungsfindung. Mit alternativen Positionen müsse konstruktiv umgegangen werden, liberale Grundfesten müssten hervorgehoben und den Grundrechten müsse das Primat eingeräumt werden.

Olaf von Löwis
Landrat Olaf von Löwis bei einer Veranstaltung im Landratsamt. Foto: MZ

Landrat Olaf von Löwis berichtete über die aktuelle Situation im Landkreis. Die Pandemie habe nicht auf seiner Agenda gestanden, als er das Amt übernommen habe. Aber jetzt verfüge er über ein tolles Team, das Gesundheitsamt sei mit 25 Personen gut besetzt und könne die Kontakte gut nachverfolgen. Er verstehe, dass bei machen Bürgern Frust wegen Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung herrsche, Verschwörungstheorien aber störten ihn sehr.

Wichtig für ihn sei Transparenz, der Newsletter vom Landratsamt informiere aktuell und er sei zuversichtlich, dass das Hygienebewusstsein zunehme. Positiv an der Krise sei die zunehmende Digitalisierung sowie das Homeoffice.

Prekäre Situation in Heimen

Bezirks- und Kreisrätin der Grünen Elisabeth Janner wies auf die prekäre Situation in psychiatrischen, Behinderten- und Pflegeeinrichtungen hin, in denen die Menschen besonders unter Kontaktarmut leiden. Sie fragte „Coronatod oder sozialer Tod?“ Darüber hinaus forderte sie vom Staat, aber auch von den Banken Unterstützung für Freiberufler.

Man müsse den Bürgern die Politik verkaufen, sagte Robert Kühn, neu gewählter Bürgermeister von Bad Wiessee. Jetzt komme es darauf an, Transparenz und Verständnis zu zeigen, Vertrauen aufzubauen, indem man mit den Menschen ins Gespräch komme.

Tegernsees Bürgermeister Johann Hagn, als „Hausherr“ der Wissenschaftstage resümierte, dass man letztlich im Landkreis gut aufgestellt sei und die Defizite mit Geld ausgeglichen werden müssen.

Wissenschaft ins Auge schauen

In der zweiten Diskussionsrunde ging es darum, der „Wissenschaft in die Augen zu schauen“, wie Marc-Denis Weitze, Organisator der Wissenschaftstage Tegernsee, sagte. Mit Dieter Hoffmann vom Institut für Virologie der TU München hatte er einen Experten eingeladen, der die Grundlagen der SARS-CoV-2 Pandemie verständlich darstellte. Der weltweite Anstieg der Fallzahlen sei auch darauf zurückzuführen, dass jetzt deutlich mehr getestet werde. Das Virus sei umweltlabil, leicht durch Aerosole, aber weniger durch Schmierinfektion übertragbar. Er verglich die unterschiedlichen Tests miteinander und konstatierte, dass die Schnelltests nur bei hoher Viruslast Ergebnisse liefern. Antikörper Detektion weise eine Ausheilung nach überstandener Infektion nach.

Corona-Tests
Coronatests. Foto: pixabay

Der Virologe empfahl zur Prävention die bekannten AHA-Maßnahmen, also Abstand, Hygiene und Alltagsmaske, sowie Lüften der Innenräume. Was Impfstoffe anbelange, so seien wohl genetische Impfstoffe auf RNA-Basis wie sie von BioNTech entwickelt würden, auf dem Vormarsch. In der Diskussion empfahl Dieter Hoffmann eine Grippeimpfung nur für Risikopatienten und medizinisches Personal.

Dies unterstützte Thomas Strassmüller, Leier der Notarztgruppe Tegernseer Tal, denn derzeit herrsche ein Engpass beim Influenza-Impfstoff, man habe mehr als doppelt soviel geimpft wie in anderen Jahren. Der Mediziner empfahl zur Information die Seite des Landkreises und die Seite des Robert-Koch-Institutes. Er selbst informiere sich über die Podcasts des Virologen Christian Drosten und andere wissenschaftliche Abhandlungen.

Corona
Covid-Impfstoff. Foto: pixabay

Was die künftige Coronaimpfung anbelange, stellte der Mediziner den Bezug zum Landkreis her. Schließlich investierten die Brüder Thomas und Andreas Strüngmann aus dem Tegernseer Tal in das BioNTech-Unternehmen. Der Impfstoff aber werde sicher nicht bei niedergelassenen Ärzten verfügbar sein, sondern nur an zentralen Stellen, da er bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden müsse.

Zum Thema Unsicherheiten in der Wissenschaft äußerte sich Klaus Mainzer, Emeritus der TU München. Man sei es gewohnt, dass Aussagen absolut wahr sind, das sei aber in der Wissenschaft nicht der Fall. Hier arbeite man mit Hypothesen und Messdaten und Wahrscheinlichkeiten. Wissenschaft könne also eine Meinung ändern und auch irren. Das müsse der Bevölkerung klar gemacht und auch in den Schulen gelehrt werden.

Corona
Wissenschaft arbeitet mit Messdaten. Foto: pixabay

Andererseits beschleunige Corona die Digitalisierung, die Umstrukturierung der Wirtschaft und des Gesundheitssystems. Das müsse man als Chance begreifen. Was die Politik anbelange, habe es eine Diktatur wie China leichter, Maßnahmen durchzusetzen, um Infektionsketten zu unterbrechen.

„Die Natur hat uns eine Zwangslage vorgegeben“, konstatierte der Philosoph, „wir brauchen Einsicht und ein vernunftbegleitetes Handeln.“ Er sehe eine Gefahr in den relativierenden Äußerungen so mancher „pensionierter Hausärzte“, da müsse Journalismus und Bildung eingreifen, damit es nicht zur Ausübung von Triage in den Krankenhäusern kommen müsse.

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