Mit „Ada“ folgt Christian Berkel dem „Apfelbaum“

Ada Christian Berkel

Cover von „Ada“ von Christian Berkel. Foto: Petra Kurbjuhn

Buchtipp der Redaktion – Neuerscheinung auf dem Buchmarkt

Wieviel ist wahr, wieviel ist Fiktion in der Familiengeschichte eines der bekanntesten Schauspieler Deutschlands? Christian Berkel berichtet in seinem neuen Buch über das Leben seiner Familie vom Nachkriegsdeutschland bis zum Mauerfall aus einer anderen, nämlich aus weiblicher Perspektive und verrät viel über persönliche und politische Identitäten.

In seinem Debütroman „Der Apfelbaum“ erzählte Christian Berkel von seiner jüdischen Familie, seiner Mutter und Großmutter, vom Leben zwischen den Welten und der Weltgeschichte.

Mit „Ada“ legt er nun die Fortsetzung vor. Sie aber ist weit mehr als eine Biografie. Sie ist vielmehr ein Roman über politisches und gesellschaftliches Leben in der Bundesrepublik, über die Zeit des Wiederaufbaus, die Studentenunruhen, die 68er-Generation und deren Aufbegehren bis hin zum November 1989. Hier wird das Lebensgefühl einer ganzen Generation zum Thema, die mit dem Schweigen und Verschweigen der Elterngeneration aufgewachsen und auf der Suche nach ihrer eigenen Identität ist.

Fremd in der neuen Heimat

Ada kommt Anfang der 50er Jahre mit ihrer jüdischen Mutter aus Buenos Aires nach Berlin zurück. Die Ich-Erzählerin, die „Schwester“ des Autors, aus deren Perspektive den Roman erzählt wird, empfindet die neue Heimat als kalt, als hart. „In Deutschland war der Himmel mal grau, mal blau, aber immer hart und straff gespannt. Und wohin man auch kam, Gehorsam, Zurechtweisungen…“ Fremd und sprachlos, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, fühlt sie sich der Kälte ausgeliefert und weiß im Grunde ihres Herzens nicht, wer sie ist. Eine Mauer des Schweigens umfängt sie. „Niemand sprach. Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, war nichts geschehen. Angst wurde zu unserer Mitgift.“

Fragen wurden nicht beantwortet. Nicht vom Vater, den Ada und ihre Mutter Sala in Berlin wiederfanden, nicht von der Mutter, die zwischen Depression und Hysterie schwankend, vieles einfach nur „zum Piiiiiiepen“ fand. Keine Antworten auf all das Ungesagte in der Familiengeschichte, auf die Zeit des Nationalsozialismus, auf den Krieg und seine Gräuel. Nur durch Zufall und ihre Freundin Uschka erfuhr Ada von Hitler. „Wer ist Hitler, Mama?“ fragte sie. Die traf die Frage völlig unvorbereitet. Und Ada merkte sogleich an Salas Reaktion, dass sie völlig falsch gewesen sein musste.

Und dann kam Sputnik

Kurz nachdem „der erste sowjetische Satellit auf seine Umlaufbahn geschossen worden“ war und in der westlichen Welt den Sputnik-Schock ausgelöst hatte, ereilte Ada ihr ganz persönlicher Sputnik-Schock. Ihr Brüderchen „Sputnik, 54 Zentimeter“ katapultierte sich in ihr Leben. Stundenlang auf das Geschwisterchen aufpassen, so war das damals. Verständlich, dass da nicht alles glatt ging. Und so kam Ada aufs Internat und Klein-Sputnik lernte schon mit vier das Lesen. Christian Berkel nimmt die weibliche Rolle ernst, erzählt aus dieser Perspektive gekonnt, flüssig, mit Charme und Ironie, sucht nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten.

Immer auf der Suche nach sich selbst

Ada wird auch als junge Erwachsene nicht glücklich. Erste Liebe, Studium, mittendrin in der Studentenrevolte, in einer Hippiekommune, Drogen – sie probiert alles aus. Zu Besuch bei ihrer Tante in Paris wird sie auf ihr Judentum gestoßen und erfährt so manches aus der Familiengeschichte, woher sie kommt. Aber wohin will sie? Nach Amerika will sie und so erlebt sie Woodstock mit. Freiheit und Leben, Musik und LSD. Die ganze pralle Welt, alles fühlt sich gut an.

Christian Berkel
Christian Berkel. Foto: Gerald von Foris

Leben in Deutschland. Schließlich folgt am 9. November 1989 der Fall der Berliner Mauer. Ada ist an diesem Abend im Theater und verfolgt nach Jahren ihren Bruder auf der Bühne. Er spielt in Shakespeares „Maß für Maß“. Sie will sich mit ihm treffen. Aber sie kommt zu spät. Sputnik ist schon davongebraust in seinem weißen Mercedes, dahin, wo sich alle in dieser Nacht treffen. Da bleibt Ada in der Folgezeit nur die Gesprächstherapie zur Aufarbeitung ihres Lebens.

Christian Berkel gelingt großartiger Roman

Christian Berkel gelingt mit „Ada“ ein großartiger Roman, in dem er persönliche Schicksale mit dem Bild der jungen und der älteren Bundesrepublik verwebt und kritisch, aber auch liebevoll auf die Menschen und ihre Zeit, auf ihre unbeantworteten Fragen und deren gesellschaftspolitischen Folgen blickt.

Ada von Christian Berkel, Ullstein Verlag, Berlin, Oktober 2020
ISBN: 978-3-550-20046-5

Lesetipp: Emanuel Rund: Kämpfer für Verständigung

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