Von einer unseligen Beziehung

Brombeerhecke

Hier begann unsere Beziehung: Die Brombeerhecke. Foto: MZ

Sonntagskolumne

Ja, ich weiß, sie sind nützlich und ja, ich weiß, ihr Zusammenleben ist vorbildlich und ihr Fleiß sensationell. Und trotzdem, ich musste ihnen den Kampf ansagen, denn sie haben die Herrschaft über mein Anwesen an sich gerissen: Ameisen.

Die schwarze Wegameise ist ein nützliches Tierchen, denn sie melkt Läuse und ernährt sich von deren Kot, dem Honigtau. Allerdings züchtet sie auch die Läuse und schützt sie vor anderen Fressfeinden. Und die Wegameise vernichtet allerlei Unrat. Sie liebt Süßes und marschiert auch gern in Häuser.

Ameisen an der Lärche
Sie siedeln am Fuße der Lärchen, wohl um Läuse zu melken. Foto: MZ

In Niederösterreich, so lernte ich, wurden in der Vergangenheit die Puppen der Ameisen als Vogelfutter und als Grundlage zur Herstellung von Arzneimitteln verkauft, sogenannte Ameisler züchteten sie. Der Heimatdichter Peter Rosegger setzte ihnen ein literarisches Denkmal. Die Population ist auch heute noch sehr verbreitet. Ebenso wie der Borkenkäfer, der weite Teile des Waldes in der Umgebung vernichtete.

Lesetipp: Borkenkäfer: 300 Millionen Klimaflüchtlinge

Vor Jahren hatte ich unter meiner Brombeerhecke ein großes Nest von Ameisen. Das Pflücken der Brombeeren war nur in Gummistiefeln möglich, die Biester sondern bekanntlich das gegen Rheuma helfen sollende Ameisengift ab.

Als meine Enkel sich beschwerten, dass sie nicht mehr an der Brombeerhecke Fußball spielen können, musste Abhilfe geschaffen werden. Im Freundeskreis diskutierten wir die Möglichkeiten. Gift, Delogierung, wie man in Österreich zu sagen pflegt oder per Familienaufstellung die Ameisen fragen was sie wollen.

Die Birke und die Ameisen

Ich entschied mich für Delogierung und bat meinen Nachbarn mit der Baggerschaufel das Nest auszuheben und in den Wald zu transportieren. Ab sofort war die Brombeerhecke begehbar. Zeitgleich hatte Freundin Petra in der Dachrinne ein winziges Birklein entdeckt, hegte und pflegte es und setzte es schließlich einige Meter entfernt von der Brombeerhecke ein.

Es wuchs und gedieh und schon bald bildete sich ein Hügel. Ich entschied, den Ameisen ein Asyl zu geben, meinte, hier stören sie nicht. Das war ein Fehler, denn im Laufe der nächsten Jahre übernahmen sie die Herrschaft.

Ameisen Straßen
Der Weg zu den Lärchen führt durch die Himbeeren. Foto: MZ

Sie bildeten Straßen quer durch das gesamte Gelände, um zu den Lärchen zu gelangen, an denen sie emsig hinauf- und herabkletterten, wohl um die Läuse zu melken. Die Straßen verliefen durch die Heidelbeer- und Himbeersträucher.

Ein schöner Sitzplatz wurde unbenutzbar, meine inzwischen stark angewachsene Enkelschar lehnte es ab, in den Obstgarten zu gehen, nur der Eineinhalbjährige marschierte nach wie vor barfuß umher und sagte von Zeit zu Zeit lapidar: Aua.

Immun gegen Rheuma

Ich entschied wieder einmal die Delogierung, gekoppelt mit einem Ameisenmittel, das als Fressgift in das Nest getragen wird. Petra und ich beförderten schubkarrenweise den gesamten Hügel weit weg, ertrugen es, dass die Ameisen in unsere Gummistiefel krabbelten. Rheuma werden wir sicher nie bekommen. Und wir gossen das Ameisenmittel in das entstandene Loch.

Ameisen an der Birke
Die Birke musste dran glauben. Foto: MZ

Letztlich fällten wir sogar die Birke, denn das Nest war um die Wurzeln herum entstanden. Wir entschuldigten uns, dass das leider notwendig sei. Ich goss das Mittel auch auf die langen Ameisenstraßen und an die Baumscheiben der Lärchen.

Und freute mich, dass es offensichtlich weniger wurden. Dann aber entdeckte ich eine neue Straße. Sehr emsig marschierten hier die schwarzen Gesellen hin und her. Und dann sah ich, dass sie in einer Richtung weiße Kügelchen transportierten, die Puppen.

Ich verfolgte die Straße und kam, richtig, zur Brombeerhecke. Hier war an der Mauer bereits wieder ein ordentliches Nest entstanden. Ich goss in meiner Verzweiflung den letzten Rest des Mittels über den neuen Haufen, wohl wissend, dass die Ameisen stärker sind.

Ameisen
Und sie siedeln wieder an der Brombeerhecke. Foto: MZ

Ich habe größte Hochachtung vor ihrem Fleiß, vor ihrer Todesverachtung, vor ihrem Gemeinschaftssinn, aber können sie das nicht irgendwo an einem beliebigen Weg, weg von meinem Grundstück ausleben?

Und jetzt scheint mir, wollen sie sich an mir rächen. Sie kommen nämlich ins Haus. Trotz der kleinen grünen Köder, die ich umgehend aufgestellt habe. Sie zwingen mich dazu, penibel sauber zu sein, keine Lebensmittel dürfen herumstehen, alle Abfälle müssen sofort entsorgt werden.

Die Frage ist, überlasse ich ihnen das Grundstück oder gebe ich meine Arbeit bei KulturVision auf und werde Ameisler?

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