
Im grünen Atem des Waldes
Beim Waldbaden den Wald und seine Heilkraft spüren. Foto: iw
Geführte Tour am Tegernsee
Erholsames, kühlendes Erlebnis für alle Sinne: Waldbaden mit der Tegernseer Heimatführerin und Waldgesundheitstrainerin Elisabeth Schönleben in Bad Wiessee.
Vor der Tourist-Information in Bad Wiessee scheint die Sommerhitze am Morgen bereits über dem Asphalt zu flimmern. Der Himmel spannt sich wolkenlos über den Tegernsee, die Sonne meint es gut – vielleicht zu gut. Doch die Heimatführerin und zertifizierte Waldgesundheitstrainerin Elisabeth Schönleben lächelt nur. „Der Wald wird uns mit Kühle empfangen“, sagt sie. Und tatsächlich: Schon wenige Minuten später, vorbei an grünen Wiesen und dem Sportplatz, verändert sich die Welt. Der Zeiselbach übernimmt das erste Wort.
Er murmelt neben dem Weg, gluckst über Steine und trägt Kühle in den heißen Tag. Sein Wasser funkelt silbern zwischen Farnen, Moosen und Steinen. Elisabeth Schönleben lädt die kleine Gruppe ein, langsamer zu werden. Nicht einfach loszuwandern, sondern im Wald und bei sich selbst anzukommen. Die Schritte werden kürzer, die Gespräche leiser, bis sie verstummen. Es geht nicht darum, möglichst schnell viele Höhenmeter zu sammeln, sondern den Wald zu spüren – und sich selbst: den Atem, den Puls. Wer aus der Puste gerät, geht noch immer zu schnell. Ihr Wissen gibt Elisabeth Schönleben unterwegs gerne weiter. Es sind Erläuterungen, Anregungen und einfache Übungen, die sich auch später gut in den Alltag integrieren lassen.

Bewusst langsam gehen und dabei den Wald erspüren. Foto: iw
Waldbaden – auf Japanisch Shinrin Yoku, das „Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes“ – entstand in den 1980er-Jahren in Japan als Teil der Gesundheitsvorsorge. Inzwischen belegen zahlreiche Studien, dass der achtsame Aufenthalt im Wald Stress reduzieren, den Blutdruck senken, das Immunsystem stärken und das allgemeine Wohlbefinden fördern kann. Gerade das Heilklima am Tegernsee mit seiner klaren, allergenarmen Luft verstärkt diese wohltuenden Effekte zusätzlich. Doch Zahlen spielen hier oben keine Rolle. Jeder erlebt das Waldbaden anders, auf seine eigene Weise.
Bald geht es weg vom Bach. Ein schmaler Pfad führt tiefer hinein in den Wald, wo das Licht weich durch die Baumkronen fällt. „Wir werden hier eine kleine Gehmeditation machen“, schlägt Elisabeth Schönleben vor und geht mit ganz langsamen Schritten voran. Der Boden federt unter den Füßen wie ein natürlicher Teppich. Moose wachsen über Wurzeln, Farne entfalten ihre filigranen Wedel, dazwischen winzige Pilze, Flechten und Blätter in allen Schattierungen von Grün. Das langsame Gehen lässt die Gruppe schnell eins werden mit dem Wald. Fauna und Flora treten intensiver hervor, ebenso der eigene Atem und die Berührung der Fußsohlen mit dem weichen Waldboden.

Der Rahmen hilft, den Blick auf Details zu fokussieren. Foto: iw
Auf einer kleinen Lichtung verteilt Elisabeth Schönleben Lupen. Das Hilfsmittel lenkt den Blick – und plötzlich eröffnet sich eine neue Welt. Was eben noch wie ein gewöhnliches Moospolster wirkte, entpuppt sich als kleiner Urwald. Jeder Zentimeter erzählt Geschichten von Leben, Wachstum und Vergänglichkeit. Dann hält sie einen schlichten Rahmen aus Filz in die Landschaft. Nicht zum Fotografieren. Zum Schauen. Auf den Mikrokosmos des Waldes oder in die Weite – jeder Blick durch den Rahmen wird zum Bild. Wer den Blick wieder hebt, erkennt den Wald als Ganzes: ein lebendiges Mosaik aus Farben, Strukturen und Düften.
Die Stille ist voller Leben
Immer wieder lädt Elisabeth Schönleben zum Innehalten ein und leitet kleine Wahrnehmungs- und Meditationsübungen an: die Augen schließen, dem Bach lauschen, die Kühle des Windes auf der Haut spüren, den würzigen Duft feuchter Erde einatmen. Die Stille ist hier keine Abwesenheit von Geräuschen. Sie ist voller Leben. Der Wald verlangt nichts. Er bewertet nicht, beschleunigt nicht, fordert keine Leistung. Vielleicht liegt genau darin seine Heilkraft.

Blick von der Prinzenruh in Bad Wiessee auf den See und die Berge. Foto: iw
Schließlich öffnet sich der Wald
An der Prinzenruh liegt der Tegernsee plötzlich zu Füßen der Gruppe. Tiefblau glitzert das Wasser in der Sonne. Bad Wiessee schmiegt sich ans Ufer, auf der anderen Seite des Sees steigen die Berge empor. Nach all den kleinen Blicken auf Moose, Rinden und Blätter wirkt diese Weite beinahe überwältigend.

Elisabeth Schönleben hat Fichten- und Tannnadeltee vorbereitet. Foto: iw
Die Waldgesundheitstrainerin holt ihre Thermoskanne und kleine Schälchen hervor. Zu Beginn der Tour hat sie junge Fichten- und Tannenzweige mit heißem Wasser aufgegossen, nun ist der Tee fertig. Sein Duft erinnert an den Wald selbst – harzig, frisch, beinahe zitronig. Ein Löffel selbstgemachter Blütenhonig rundet den Geschmack ab. Es ist ein stiller Abschluss. Und vielleicht die schönste Erkenntnis dieses Vormittags: Der Wald hat sich nicht verändert. Nur die Menschen, die ihn betreten haben.
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