Hans Widmann

Tauchgänge in Holzkirchen

Hans Widmann vor dem Tresor mit seinen historischen Schätzen im Holzkirchner Archiv. Foto: KB.

Buchtipp von KulturVision

Hans Widmann, der Archivar der Marktgemeinde Holzkirchen, hat ein mehr als informatives Buch über den Ort und seine nähere Umgebung geschrieben. Schon der Titel Tauchgänge in Holzkirchen macht neugierig und vor allem hält er, was er verspricht: tief in die Geschichte -und auch die Geschichten -Holzkirchens einzutauchen.

Ursprünglich als Ingenieur tätig, ist Hans Widmann erst spät zu seiner jetzigen Berufung gekommen. Obwohl er sich schon im Studium mit Geschichte befasste – er wählte es als Nebenfach – arbeitete er jahrzehntelang als Entwickler für Satellitensoftware bei der Firma MBB in Ottobrunn, die später im Luft-und Raumfahrtkonzern Airbus aufging. Erst im Ruhestand begann er sich direkt mit Geschichte zu beschäftigen. Die Erforschung seiner Familiengeschichte und die damit verbundenen unzähligen Besuche im Staatsarchiv in München, ließen ihn in das Sujet, nun ja: eintauchen. Und schließlich fand er Gefallen an der Anfrage des damaligen Kreisarchivpflegers, im Archiv der Gemeinde Bad Wiessee zu arbeiten. Vor zwölf Jahren wurde er dann mehr oder weniger nach Holzkirchen ‚abgeworben‘ und ist seitdem der Archivar der Marktgemeinde.

Der Alltag eines Archivars

Im Gespräch mit Hans Widmann kommt ein passionierter Historiker zu Vorschein. Er weiß unzählige interessante Begebenheiten quer durch die Jahrhunderte lebhaft zu schildern und ist mit der Materie und den Zusammenhängen mehr als vertraut. Immer wieder hat er einen neuen ‚Ableger‘ einer Geschichte aus seinem reichen Repertoire parat. So spannt sich schnell ein Netz aus unzähligen Fakten, Erzählungen und Verbindungen. Hans Widmann lebt seit Jahren in Holzkirchen und hat immer ein offenes Ohr und einen neugierigen Geist, wenn es um Geschichtliches geht.

Neben der Archivierung von geschichtswissenschaftlich und administrativ relevantem Material bestünde seine Arbeit hauptsächlich aus der Bearbeitung von Anfragen diverser Kanzleien, so erzählt er. Oftmals wird dabei nach deutschen Verwandten von verstorbenen ehemaligen Auswanderern, meist Amerikanern, gefragt. Dabei müssten hier ansässige potenzielle Erben über das Personenstandsregister, in dem die Daten zu Geburten, Eheschließungen und Sterbefällen amtlich verwaltet werden, ausfindig gemacht werden. Für den Archivar, dem Hüter dieser Verzeichnisse, mitunter eine detektivische Aufgabe.

Digitalisierung

Bei der Verwaltung und Archivierung wird heutzutage auf die Digitalisierung – Stichwort papierfreies Büro – gesetzt. Hans Widmann sieht das mit Skepsis, da fast jedes Amt andere Software verwendet und es fraglich ist, ob in 100 Jahren überhaupt noch die Dateien zu lesen sind. Paradebeispiel hierfür seien die Floppy Disks, die in den 1980er Jahren gang und gäbe waren. Heutzutage bereiten sie Schwierigkeiten aufgrund ihrer geringen Lebensdauer von 10-30 Jahren und der nicht mehr vorhandenen Lesbarkeit, da inzwischen regulär keine Diskettenlaufwerke mehr in Computern verbaut werden.

Hans Widmann
Cover des Buches Tauchgänge in Holzkirchen von Hans Widmann. Foto: KB.

Die Recherche

In Hinblick auf diese Vergänglichkeit sind die handschriftlich verfassten, teilweise noch auf Pergament geschriebenen Bücher wahre Schätze. Nicht nur die 36 Bände umfassende Chronik des ehemaligen Holzkirchner Dekans Imminger, aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sind Grundlage für Widmanns Buch. Alte Urkunden und Bücher, besonders des Klosters Tegernsee, dem die Gemeinde Holzkirchen als Markt früher zugehörig war, bieten ebenso wertvolle Einblicke in die Vergangenheit und sind wichtige Quellen. Hinzu kommen Aufzeichnungen und Bildmaterial von Privatleuten. Meist handelt es sich hier um auf die Familie, das Anwesen oder den Beruf bezogene Daten und Ereignisse, die dem Archiv vermacht wurden und die Geschichte des Ortes ergänzen.

Was wir nicht wissen

Immer wieder beschreibt Hans Widmann auch den Prozess der Recherche und der dabei mitunter auftretenden Lücken und Unstimmigkeiten in der Geschichtsschreibung. Dadurch macht er die Arbeit von Historikern nachvollziehbar und stellt dar, wie fragil unser vermeintliches Wissen um die Vergangenheit ist, da vieles noch ungeklärt ist und erforscht werden kann. Diesem Umstand geschuldet lässt er einige Geschichten, bei denen es keine endgültige Wahrheit gibt, ungelöst im Raum stehen – zweifelsohne ein Merkmal für die ehrliche wissenschaftliche Vorgehensweise beim Verfassen des Buches.


Reich bebildert ist das Kapitel Historische Grenzsteine. Foto: KB.

oral history

Einen festen Platz in den Geschichtswissenschaften hat inzwischen die oral history eingenommen. Durch die mündlichen Überlieferungen formte sich über Jahrhunderte ein kommunikatives Alltagsgedächtnis, das lange Zeit nicht schriftlich fixiert war. Wenngleich individualpsychologische Erinnerungen die Basis dieses Gedächtnisses waren, so sind diese Erzählungen unverzichtbare Elemente der Geschichte und können – wie im Fall der Grenzsteine in Hans Widmanns Buch – verifiziert und niedergeschrieben werden.

Blick über den Tellerrand

In den Tauchgängen reihen sich viele kleine Erzählungen aneinander und ergeben eine umfassende Übersicht der Historie Holzkirchens. Der Archivar hat fast Vergessenes wieder ans Licht gebracht, Verstecktes ausgegraben und interessante Bezüge dargestellt. Dabei weitete er seinen Blick, sprich: er zog die Grenze seiner Betrachtungen nicht um die Marktgemeinde, sondern hat auch das Umland bei seiner Arbeit mit eingebunden.


Auszug aus dem Kapitel über Holzkirchens Wappen. Foto: KB.

Ein Entdecker- und Lesebuch

Das Buch geht weit zurück in Holzkirchens Geschichte und beginnt bei den Ursprüngen und der Entwicklung des Wappens mit der Kirche samt ihrem markanten Turm. Schon nach den ersten Seiten wird klar, dass es Hans Widmann hervorragend versteht, geschichtswissenschaftliches Quellenstudium, Literaturrecherche und Erzählkunst so zu kombinieren, dass keine staubtrockene Anhäufung von Daten und Fakten entsteht. Es ist eine fundierte als auch unterhaltsame Sammlung von Geschehnissen aus der Vergangenheit, die Hans Widmann selbst als „geschichtliches Entdecker- und Lesebuch“ bezeichnet. In dem Buch bringt er vieles unter einen Hut: Geschichte und Geschichten, Heimatkunde und Heimatverbundenheit, Überliefertes und Erinnerungskultur. Er vermittelt so mitreißend und umfangreich Wissen über unsere Gegend, dass das 239 Seiten starke Buch auch für Nicht-Holzkirchner eine bereichernde Lektüre ist.

Weitere Kapitel beleuchten unter anderem die Glocken in der Umgebung und die historischen Gebäude Holzkirchens, die Sage einer merkwürdigen Heiligen, prägnante Persönlichkeiten, bahnbrechende Neuerungen und einige Kuriositäten.

Das Buch Tauchgänge in Holzkirchen von Hans Widmann ist im Maurus Verlag erschienen und in Buchhandlungen unter der ISBN 978-3-940324-13-9 zum Preis von 27,00 € erhältlich.

Beim regionalen Fernsehsender münchen tv ist unter Heimatgschichtn ein Portrait der Marktgemeinde Holzkirchen in der Mediathek abzurufen, in dem Hans Widmann einen kleinen Einblick in das Holzkirchner Archiv gibt.

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