Medizin gegen Wischerei am Handy

Der berühmte Wiener Praterkasperl zu Besuch in Bayern. Foto: Hannes Kohlmaier

Kasperltheater in Schliersee

Das Kasperltheater-Festival im Markus Wasmeier Freilichtmuseum in Schliersee lockte heuer wieder eine Vielzahl kleiner und großer Kasperlfans an. Das abwechslungsreiche Programm und das Wetter, das bis auf wenige kurze Schauer standhielt, sorgten für ausgelassene Stimmung auf dem Gelände des Museums. Gaststar war ohne Zweifel der Praterkasperl aus Wien.

Bereits zum elften Mal organisierte Traudl Schröder das Kasperltheater-Festival und war auch heuer wieder mit dem Kasperls Spuikastl, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Peter Schröder führt, vertreten. Kasperls Spuikastl ist die Hausbühne des Freilichtmuseums und brachte diesmal eine Geschichte rund um ein Kuchenmonster mit. Vier weitere Kasperlbühnen zeigten ihre Stücke an unterschiedlichen Orten des Museums. Überall offene Münder, strahlende Gesichter, laut schreiende, und dann wieder mucksmäuschenstille Kinder mit großen Augen, staunende Erwachsene. Die Welt des Kasperls fasziniert seit Jahrhunderten mit gleichbleibenden Grundmustern und Rahmenbedingungen.


Die Hausbühne des Freiluftmuseums, das Kasperl Spuikastl. Foto: Hannes Kohlmaier

Der Kasperl und seine ewige Welt

Immer schon trug der Kasperl eine Mütze, immer schon hatte er für die Herausforderungen des Lebens Freunde an seiner Seite, auf die er sich verlassen kann. Sehr oft den nicht besonders klugen Seppl, im Falle des österreichischen Praterkasperls war es beim Fest in Schliersee der reizende Vogel Boing. Schönheit in Gestalt einer Prinzessin darf ebenfalls nicht fehlen. So küsst der mutige Kasperl Prinzessin Tausendschön auch dann, als sie in Form eines Monsters ganz und gar nicht appetitlich erscheint – dargebracht von Kohlmaiers kuriosem Kasperltheater aus Planegg. Und natürlich braucht auch das Böse seinen Platz. Beim Regenbogenkasperl aus Maisach ist es der Räuber, der am liebsten Torten und Kuchen stiehlt, beim Praterkasperl aus Wien raubt der Bösewicht bevorzugt Mützen, beim Kasperltheater Zirbelzunder aus München macht sich der Räuber an die goldenen Becher der Prinzessin heran, obwohl er zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen ist.


Der sympathische Regenbogenkasperl. Foto: Hannes Kohlmaier

Nahbar und liebenswert

Dass die Prinzessin im Stück des Kasperltheaters Zirbelzunder aus München so unverschämte Wünsche hat und ihren Vater, den König, so offensichtlich manipuliert, um ihren Geburtstagswunsch erfüllt zu bekommen, dass der Räuber trotz Einladung seiner Gier wieder verfällt – gerade diese kleinen menschlichen Schwächen machen die Puppen auf den Bühnen so nahbar, so liebenswert und so menschlich, dass sie keine Puppen mehr zu sein scheinen.


Glücklich mit dem Kasperl: Schirmherr Gerhard Polt mit dem Ehepaar Wasmeier. Foto: Hannes Kohlmaier

Vor Aufregung auf den Stühlen

Ganz wie schon vor Jahrhunderten will der Kasperl das Krokodil mit seinem gefräßigen Maul besiegen, versteckt sich und braucht die Kinder im Publikum, damit sie ihn warnen. Kasperl sieht das Krokodil nicht, die Kinder schon. Sie schreien immer lauter, wollen helfen, einige stehen vor lauter Aufregung sogar von ihren Stühlen auf, deuten mit den Händen und sind außer sich.

Ende gut, alles gut

Besonders beim Original Wiener Praterkasperl gibt es keine Zurückhaltung mehr. Bühne und Publikum werden eins, alle sind voll im Geschehen. Kasperl haut auf das Krokodil – kurzer Einwurf im breiten Wiener Dialekt von unter der Bühne: „Wir sagen, das ist pädagogisch korrekt.“ Und am Ende ist alles gut. Die kleinen und großen Menschen strömen glückselig aus dem Heustadel, freuen sich über die herumlaufenden Hühner, kraulen die fetten Schweine, sitzen unterm Nussbaum bei der Jause. Der feine Nieselregen stört nicht.


Schweine kraulen im Freiluftmuseum. Foto: Karin Sommer

Kasperl besiegt das Handy

Schirmherr Gerhard Polt hat offensichtlich recht, wenn er sagt, dass Kasperltheater „Medizin gegen die Wischerei am Handy“ sei. Nicht einmal zum Fotografieren holen die Zuschauer ihre Handys aus den Taschen. Alle scheinen mühelos im Hier und Jetzt zu sein – etwas, das sonst Meditationskurse und gute Vorsätze oft nicht zu schaffen scheinen. Der Kasperl als Antiheld macht es möglich.


Historische Puppen aus der Sammlung von Fritz Haug. Foto: Karin Sommer

Vorfreude auf das nächste Jahr

Seit 2023 zeigt das Markus Wasmeier Freilichtmuseum rund um das Kasperltheater-Festival auch historische Handpuppen. Die aus der Sammlung des Puppenspielers Fritz Haugg stammenden Figuren entstanden während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten von ihnen wurden von Fritz Herbert Bross und Else Hecht geschaffen, zwei bedeutenden Vertretern des Puppenbaus im 20. Jahrhundert.
Nach der elften Ausgabe des Kasperltheater-Festivals im Jahr 2026 bleibt am Ende des Tages nur eines: die Vorfreude auf den Kasperl und seine Freunde und Gegenspieler im nächsten Jahr.

Informationen zu den nächsten Veranstaltungen im Markus Wasmeier Freilichtmuseum sind auf der Website des Museums zu finden (Link).

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