
Zwischen Glas, Klang und Stille
Angela Koppenwallner, Florian Lechner und Ingala Fortagne (v.l.) Foto: Ursula-Maren Fitz
Eine konzertante Begegnung aus Glas und Licht, Cembalo, Sopran, Wörtern, Klang und Stille – Ingala Fortagne, Angela Koppenwallner und Florian Lechner begeisterten mit einem außergewöhnlichen Konzert im lichtdurchfluteten Werkstattatelier in Urstall.
Manchmal beginnt ein Konzert nicht mit dem ersten Ton. Manchmal beginnt es mit Licht, das durch Glas bricht. Mit dem Schimmern einer Glasschale, dem Schatten einer Bewegung, mit einem Raum, in dem es plötzlich zu schwingen beginnt. Im Werkstattatelier des Glaskünstlers Florian Lechner in Urstall bei Nußdorf wurde am Sonntag aus Glas, Stimme, Cembalo und Wort eine außergewöhnliche Begegnung – ein Nachmittag, an dem Glaskunst und Musik nicht nur betrachtet und vernommen, sondern gefühlt und verinnerlicht wurden.

Licht, Glas und Klang: Im Atelier von Florian Lechner verschmelzen Material und Musik zu einer besonderen Atmosphäre. Foto: iw
Zwischen den transparenten Glasobjekten und -skulpturen, die das Licht in immer neuen Facetten aufnahmen und brachen, eröffnete sich ein Klangraum besonderer Art. Die Sopranistin und Schauspielerin Ingala Fortagne, die Cembalistin Angela Koppenwallner und der Glaskünstler Florian Lechner verbanden Musik, Literatur und Klangkunst zu einer poetischen Konzert-Performance. Es war eine Begegnung dreier Künstlerpersönlichkeiten, die sich aufeinander einließen: Die menschliche Stimme traf auf den historischen Klang des Cembalos, die Schwingung des Glases antwortete darauf. Der Raum selbst wurde zum Instrument.
Dass dies überhaupt möglich wurde, bewegte den Glas- und Klangkünstler Florian Lechner zutiefst und ließ ihn aufrichtig danken. Waren die beiden Musikerinnen doch eigens aus Zürich und Wien angereist – nicht nur zu diesem Konzert, sondern zuvor bereits zu einer gemeinsamen Probe. Die Verbindung aus Musik, Gesang und Texten war eine höchstpersönliche, getragen von einem hohen Satz Improvisation, bei der jeder Ton, jedes Wort, jede Note und jede Nuance punktgenau passten. Gebannt, mucksmäuschenstill und gleichsam die Luft anhaltend, wohnten etwa fünfzig Gäste dieser außergewöhnlichen Begegnung bei.

Blick ins Glasatelier während der Performance. Foto: Philipp Doermer
Der Klang des Glases
Durch Jahrzehnte seines Schaffens hindurch ist Florian Lechner fasziniert von der Frage, welche Möglichkeiten im Material Glas verborgen liegen. Seine Skulpturen sind nicht nur Objekte, die das Licht brechen – sie sind geheimnisvolle, erstaunliche, unglaubliche Klangkörper. Etwa die gut zwei Meter lange Schale, deren Herstellung allein an ein Wunder grenzt, oder die Scheibe, auf der, sobald man sie dreht, Hunderte kleiner Glasscheiben erklingen.

Florian Lechner bringt Glas zum Schwingen und Klingen. Foto: iw
Mit unterschiedlichen Schlegeln brachte der Glaskünstler die Glasschalen zum Schwingen: Mal entlockte er ihnen klare, helle Töne, mal tiefe, geheimnisvolle Resonanzen, die lange im Raum nachklangen. Das Glas beantwortet jede Berührung auf eigene Weise, jede Schale hat ihre eigene Stimme. Seine Arbeiten machen erfahrbar, dass Glas nicht nur Licht aufnehmen und weitergeben kann, sondern auch Schwingung und Zeit.
Von Purcell bis Mati Lechner
Das künstlerische Programm spannte einen weiten Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Werke für Stimme und Cembalo von Henry Purcell aus dem 17. Jahrhundert begegneten Haikus von R. Stevenson und den kurzen, eindringlichen Texten von Matthäus (Mati) Lechner, dem vor vier Jahren verstorbenen Sohn des Glaskünstlers – eine Verbindung, die dem Nachmittag eine besondere Tiefe verlieh.
Purcells Musik entstand in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche, geprägt von Konflikten, politischen Spannungen und der Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens. Die Künstlerinnen stellten diese historische Erfahrung bewusst neben die Herausforderungen unserer Gegenwart, in der demokratische Werte erneut auf dem Prüfstand stehen. Die Haikus wiederum lenkten den Blick auf den Augenblick. Nicht Schönheit allein steht im Mittelpunkt, sondern Lebendigkeit – das Zulassen von Freude und Schmerz, von Vergänglichkeit und Hoffnung. Die Texte von Mati Lechner berührten durch ihre Klarheit. Kurze Gedanken voller Licht, Humor und Wahrhaftigkeit wurden zu Momentaufnahmen eines Lebens. Sie verbanden Erinnerung und Gegenwart, Abschied und Weiterleben.

Ingala Fortagne ließ die Texte von Mati Lechner und die Musik Purcells in einem intensiven Dialog lebendig werden, während Florian Lechner das Glas zum Klingen brachte. Foto: iw
Zwei Musikerinnen auf gemeinsamer Spur
Die musikalische Verbindung zwischen Ingala Fortagne und Angela Koppenwallner entstand vor etwa einem Jahr nach einem Konzert für aktuelle Musik in Wien. Schnell entdeckten sie eine gemeinsame künstlerische Sprache: eine Offenheit für unterschiedliche Epochen und Ausdrucksformen. Die klassisch ausgebildete Sopranistin Ingala Fortagne verbindet Alte und aktuelle Musik mit zeitgenössischer Performance und gesellschaftlich relevanten Themen. Angela Koppenwallner bewegt sich mit großer Erfahrung zwischen barocker Aufführungspraxis, Improvisation und neuer Musik. Auf Cembalo, Clavichord und Flügel sucht sie immer wieder nach neuen Verbindungen zwischen Tradition und Gegenwart. In Urstall fanden die beiden Künstlerinnen, eingeladen von Florian Lechner, einen Ort, an dem all diese Erfahrungen zusammenfließen und mit dem Klang des Glases verschmelzen konnten.

Ingala Fortagne und Angela Koppenwallner: Stimme und Cembalo im Dialog zwischen Alter Musik und Gegenwart. Foto: Ursula-Maren Fitz
Der Augenblick als Komposition
Die konzertante Begegnung, die die Gäste in Urstall erlebten, war neben dem Genuss von Sopran, Cembalo und Glasklang vor allem eine Einladung zum Innehalten. Die Musik erklang nicht nur aus Kehle und Instrumenten – sie entstand aus dem Zusammenspiel von Raum, Schwingung, Erinnerung und Gegenwart. Einmal mehr wurde das Atelier von Florian Lechner zu einem Ort der Begegnung: zwischen Kunstformen, zwischen Generationen und zwischen Menschen.
Am Ende blieb der Eindruck eines besonderen Moments: Das Glas hatte gesungen, die Stimme hatte erzählt, das Cembalo Erinnerungen wachgerufen – auch bei Florian Lechner, dessen Mutter eine gefeierte Cembalistin war und deren Instrument heute wie eines der großen, hellen, fragilen Glasobjekte in Urstall weiterlebt. Für einen Nachmittag wurde der Augenblick selbst zur Komposition.
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