Das ist Kultur, checkst Du

Nicht cringe, sondern tough: Die Baseballcap des Autors, die ihn zu Gedanken über Jugendsprache anregte. Foto: Andreas Wolkenstein

Kolumne

Sprache verändert sich laufend, genauso wie Mode. Das führt mitunter zu einem Knirschen im Verhältnis der Generationen: Die Jüngeren sehen die Generationen vor ihnen als begriffsstutzig an, während sich die älteren Jahrgänge über den Kulturverlust der Jungen aufregen. Dabei könnte man doch ganz einfach mit einem Staunen auf das Wunder der Sprache blicken, schlägt unser Autor Andreas Wolkenstein vor.

Jüngst erst benötigte mein ältester Sohn, 14 Jahre alt ist er, meine Baseballcap. Weil ich Erfahrung darin habe, Dinge an meine Kinder zu verleihen und nicht wieder zurück zu bekommen, zögerte ich. Warum genau er die Kappe denn brauche, fragte ich. „Na, das ist für meinen Drip“, erhielt ich zur Antwort. Für den Drip also, klar, da konnte ich nicht nein sagen. Nur: Was ist denn eigentlich Drip?

Leichte Bedeutungsverschiebungen

Ich wurde schnell ins Bild gesetzt. Drip ist das Wort, das Jugendliche heutzutage für den Style verwenden. Auch das ja ein Teil der Jugendsprache, auch wenn die Jugend, die das Wort „Style“ in den Sprachgebrauch einführte, heute nicht mehr wirklich jugendlich ist. Vor allem aber lässt sich unschwer erkennen, dass „Style“ den Stil meint. „Drip“ ist also der Kleidungsstil und um seinen zu perfektionieren, benötigte mein Sohn meine Baseballcap.

Drip ist bei Weitem nicht das einzige neue Wort, das in unserem Haus zu hören ist und bei dem ich die Bedeutung regelmäßig erfragen muss. „Cringe“ und „weird“ etwa gehören dazu, sind inzwischen aber schon keine Exoten mehr, genauso wenig wie „triggern“ oder „das crazy“. Und auch wenn ich bei vielen dieser Wörter, die überwiegend aus dem Englischen stammen, die Bedeutung kenne als jemand, der einigermaßen ordentlich englisch spricht, so liegt der springende Punkt doch darin, dass sich mit dem Transfer ins Deutsche leichte Bedeutungsverschiebungen ergeben haben. Und die fordern die Übernahme in mein Vokabular heraus.

Nicht mehr ganz zurechnungsfähige Uncs

Wo die Menge der neuen Wörter ins gefühlt Unendliche ausgeweitet wird und die Bedeutungsverschiebungen nicht mehr alle nachzuvollziehen sind, führt die neue Sprache bald zu Spannungen zwischen den Generationen. Denn alle, die an alten Wortverwendungen festhalten oder gar „komischer Kautz“ für „weird“ verwenden, werden von den Eingeweihten des neuen Idioms als nicht mehr „up to date“ bezeichnet.

Meine Kinder urteilen dann, ich sei ein „Unc“, meinen es aber mit der Milde von Angehörigen, die den Opa für irgendwie ganz goldig, aber halt nicht mehr so ganz zurechnungsfähig halten. Interessanterweise rückt hier die Generation eins nach vorne, denn es werden nicht „Gramps“ oder ähnliche Wörter für Opa verwendet, sondern eines, das offensichtlich den Onkel, englisch: Uncle, meint.

Untergang des Abendlandes?

Von der anderen Seite wiederum kommt meist Unverständnis und ein Beklagen des nun wohl endgültig bevorstehenden Untergangs des Abendlandes. Denn nicht wenige Uncs und andere Nutzer längst überholter Wörter stehen der Jugendsprache und ihren Sprechern eher kritisch gegenüber. Weil die Bedeutung aus dem Englischen nicht korrekt übertragen wurde und weil sich die Jugend ja eindeutig vom Bildungsideal des Alexander von Humboldt verabschiedet, kann man den Jugendslang eigentlich nur ablehnen, so scheint die gängige Meinung zu lauten. Und überhaupt: Gedichte lernen die jungen Menschen ja ohnehin nicht mehr auswendig und sind (deswegen vielleicht) am besten als die vier apokalyptischen Reiter aus dem biblischen Buch der Offenbarung zu verstehen, die das Ende der Welt ankündigen.

Die Welt aneignen und gestalten

Dabei muss man die Sache keineswegs so sehen. Denn blickt man genauer auf die Reibungen des alltäglichen Sprachverstehens, dann kommt da eine zauberhafte Welt zum Vorschein: Die Welt des Sprachwandels. Ist es nicht ein Wunder, dass junge Menschen kreativ mit dem Wortmaterial umgehen und sich frei daran bedienen? Dass sie manche Gedanken, Begriffe oder Phänomene in anderen Sprachen viel besser ausgedrückt sehen?

Ich finde es faszinierend zu sehen, wie Sprache sich weiterentwickelt und jede Generation auf’s Neue ihren Sound findet. Ja, Wörter funktionieren oft auch über den Sound. Es hört sich halt auch viel cooler an, von einer cringen Person zu sprechen als davon, wie peinlich sie ist. Das zeigt doch gerade, dass Menschen kreativ sind und sich im Handeln genauso wie im Sprechen ihre Welt aneignen und sie im gleichen Zug auch gestalten.

Herausfordern lassen

Und ja, natürlich werden dadurch „in-groups“ und „out-groups“ geschaffen: Wer die neue Sprache spricht, gehört dazu, andere nicht. Aber genau das brauchen heranwachsende Menschen doch, um ihren Platz zu finden in dieser Welt. Die Gruppen, die so kreiert werden, sind ja auch nicht undurchlässig – wir haben nahezu unendlich viele Wörter, bei denen wir uns ganz gut verstehen.

Aber manche Dinge sehen Jugendliche einfach anders als ältere Zeitgenossen. Dann ist es doch in Ordnung, wenn sie durch Sprache den Kreis derjenigen markieren, die diese Dinge ähnlich sehen. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Lassen wir uns doch manchmal auch in unserer eigenen Weltsicht herausfordern. Vielleicht bietet der neue sprachliche Zugriff auf die Welt auch für die Uncs etwas bedenkenswertes.

Tougher Drip

Mein Sohn braucht meine Baseballcap also für seinen Drip. Mich stellt das nun zwar vor die Aufgabe, den Verbleib der Kappe genauestens zu beobachten. Was an der Geschichte aber das wirklich Schöne ist: Offenbar kann der junge Mann dem Drip seines Dads (ich bin nämlich kein Vater, sondern ein Dad!) noch etwas abgewinnen. Schließlich hielt er ihn für so tough, dass er sich der Baseballcap bedienen wollte. Das, liebe Leserinnen und Leser, ist einfach Kultur, checkst du?

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