
Die Verdunklung der Welt
Die beiden Bücher von Stefan Zweig und Armin Thurnher. Foto: MZ
Buchtipp von KulturVision e.V.
„Unsternstunden der Menschheit“, so hat der österreichische Publizist und Verleger Armin Thurnher sein aktuelles Buch in Anlehnung an die Zwölf historischen Miniaturen „Sternstunden der Menschheit“ von Stefan Zweig genannt. Er indes fand 30 Momente, „wie die Welt unerträglich wurde“.
Ein Jahr nach Stefan Zweigs Tod erschien 1943 die Ausgabe mit den zwölf Aufsätzen, die der Schriftsteller ab 1927 verfasst und immer wieder erweitert hat. In seinem Vorwort schreibt er von „Weltstunden“, die in einem bestimmten Augenblick Entscheidungen von Jahrzehnten und Jahrhunderten schaffen. Er beginnt mit der Entdeckung des Pazifischen Ozeans im Jahr 1513 und endet mit der Rückkehr Lenins nach Russland im Jahr 1917.
Er habe damit in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus das Leben der Menschen erhellen wollen, schreibt Armin Thurnher in seinem Vorwort. Das Unheil, das seine Unsternstunden stiften, möge die Menschheit „zu phantasievollen Widerstand anregen, zu moralischer Standhaftigkeit und zur Verteidigung der Wahrheit“.
Wendezeit
Ja, es sei ein pessimistisches Buch, schreibt er. Die Wendezeit, in der wir uns befinden, etabliere eine neue Ordnung. 1945 habe sich ein Sozialstaat mit demokratischer Ordnung gegründet und nach 1989 sei dies nun in Gefahr.
Zudem sei die Wendezeit geprägt durch Digitalisierung und KI, deren Segnungen und Möglichkeiten der Autor nicht leugnet, deren negative Auswirkungen indes in mehreren der 30 Kapiteln dargelegt werden.

Falter-Herausgeber Armin Thurnher bei einer Lesung in der Galerie Reinberg 2024. Foto: MZ
Die „Unsternstunden der Menschheit“ starten im Jahr 1947 am Genfer See, als sich auf Einladung des Ökonomen Friedrich August von Hayek 39 bedeutende Menschen trafen und den Neoliberalismus aus der Taufe hoben. Dieses Ereignis wie auch zahlreiche der folgend beschriebenen, wurde vermutlich von wenigen Zeitgenossen wahrgenommen.
Deshalb ist es spannend zu lesen, wie der Autor seine Recherche genüsslich ausbreitet. Die Urheber der Unsternstunden sind in der ersten Hälfte des Buches zumeist US-Milliardäre und Politiker wie Elon Musk, Donald Trump, Peter Thiel, Bill Clinton oder Rupert Murdoch, unterbrochen von europäischen Akteuren wie Viktor Orbán oder Sebastian Kurz.
Streifzug durch die Geschichte
Dabei zeichnet er genaue Charakterstudien und ist in seiner Darstellung unerbittlich, was die Motivation und die Handlungen der Entscheidungsträger, heute nennt man sie Player, anbelangt. Da die von ihnen ausgelösten Ereignisse zumeist unerkannt blieben, ist der Streifzug durch die Geschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts erhellend zu lesen. Eines der wichtigsten ist zweifellos die von Bill Clinton 1996 unterzeichnete Section 230 und damit die Einführung des Internets.
9/11 und Facebook
Historisch bedeutsame und allgemein wahrgenommene Ereignisse folgen ab 2001. „Die Wetterbedingungen hätten besser nicht sein können“ titelt Armin Thurnher sein Kapitel über 9/11, den islamistischen Terroranschlag auf die Twin Towers in New York und fasst noch einmal alle nachprüfbaren Vorgänge an diesem Tag, der die Welt erschütterte, zusammen.
Auch die Gründung von Facebook durch Mark Zuckerberg oder das erste iPhone von Apple-Gründer Steve Jobs sind in Erinnerung und haben die sozialen Strukturen weltweit verändert. Die negativen Auswirkungen von Social Media sind heute wissenschaftlich belegt.
„Wir schaffen das“
Zwei Momente der Weltgeschichte zeichnet Armin Thurnher ambivalent. Zum einen ist es der berühmt gewordene Ausspruch von Angela Merkel im Jahr 2015 „Wir schaffen das“. Angesichts der vielen Flüchtlinge hatte die Bundeskanzlerin Optimismus verbreitet. „Der falsch verstandene, verständliche Humanismus“, so bewertet es der Autor, und zeigt damit die Zweischneidigkeit. Einerseits sei eine humanitäre Willkommenskultur insbesondere in Deutschland ausgebrochen, andererseits aber habe es die Politik eben nicht geschafft, Migration angemessen zu organisieren und habe dem Rechtspopulismus Tür und Tor geöffnet und damit zum Erstarken der AfD geführt.
Nachrichten aus einer vervirten Welt
Auch die Coronapandemie schätzt der Autor in doppelter Hinsicht ein. Sie habe in kürzester Zeit durch die Entwicklung der Impfstoffe zu modernster Forschung geführt und andererseits zur Spaltung der Gesellschaft. Von Politiker- und Medienschelte bis hin zu Verschwörungstheorien ging die, wie er sie nennt „atavistische Gegenaufklärung“, die bis heute nachhallt. Während der Pandemie begann Armin Thurnher eine tägliche Seuchenkolumne zu verfassen, die er „Nachrichten aus einer vervirten Welt“ nannte und die es heute noch gibt. In ihr versuchte er den Unterschied zwischen Meinung und wissenschaftlicher Gewissheit darzustellen. Dass auch wissenschaftliche Gewissheit revidierbar ist, kam in der Coronazeit deutlich zum Vorschein.
Ultimative Unsternstunde
Eindeutig dunkel indes bewertet er Putins Überfall am 24. Februar 2022 auf die Ukraine ebenso wie den Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Und dass er die zweite Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA als Unsternstunde als letztes Kapitel seines Buches aufnimmt, überrascht nicht. Ihn hat er in mehreren vorangegangenen Kapiteln bereits als großsprecherischen Mafioso gegeißelt. Und er zählt die Wahlkampfspender aus dem Silicon Valley von Sam Altmann von OpenAI bis Mark Zuckerberg von Meta auf. Als ultimative Unsternstunde bezeichnet er die Inauguration Trumps. Hinter ihm stehen als Marmorstatuen Abraham Lincoln und Ulysses S. Grant, Väter des demokratischen Amerikas.
Das Buch ist in seiner genauen Darstellung der Ereignisse der vergangenen 80 Jahre nach dem 2. Weltkrieg und ihrer Einordnung sowie ihrer weitreichenden Wirksamkeit eine Schatzkiste für den gesellschaftlich Interessierten. Und es ruft in der Tat dazu auf, Widerstand zu leisten gegen die Unwahrheit. Stefan Zweig nannte sein Buch einen „geistigen Spiegel“ der Zivilisation. Armin Thurnhers Buch aber stellt eine Verdunklung des Spiegels und damit der Welt fest. Kann daraus wieder neues Licht blitzen? fragt der Klappentext.
Zum Weiterlesen: „Preis und Klage“ von Armin Thurnher