100. Todestag von Ludwig Thoma: Nicht nur „Bayerndichter“ und Satiriker

Ludwig Thoma

Das Grab von Ludwig Thoma in Rottach Egern am Tegernsee. Foto: Jakob Romy

Gedenktag an Ludwig Thoma

Erst vier Jahre ist es her, dass rund um den 21. Januar 2017 der 150. Geburtstag Ludwig Thomas begangen wurde. Dieses Jahr, am 26. August, folgt sein 100. Todestag und natürlich soll auch dieser Anlass sein, sich mit Thoma sowie seinem Wirken bis in die heutige Zeit zu befassen.

Förstersohn, Jurist, Literat

Als Sohn von Katharina und Max Thoma, der königlicher Oberförster war, wuchs Ludwig Thoma mit seinen Geschwistern in Oberammergau auf. Insbesondere zu seinem Vater unterhielt er wohl ein gutes Verhältnis, wollte Thoma später sogar in dessen berufliche Fußstapfen treten und begann 1886 das Studium der Forstwissenschaft, welches er jedoch 1887 zu Gunsten der Rechtswissenschaft beendete. Letzteres schloss er schließlich ab und vollbrachte ab diesem Zeitpunkt unterschiedliche juristische Tätigkeiten, etwa als Rechtspraktikant und Verteidiger in Traunstein sowie als Anwalt im Dachauer Land. Diese frühen 1890er Jahre, in welchen er sich nun befand, dürfen auch als Ausgangspunkt von Thomas Schreiben gewertet werden, waren ihm zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht die erst später kommenden Erfolge beschieden, jedoch erste Veröffentlichungen seiner Gedichte und Artikel. 1897 gelang ihm mit seinem Roman Agricola schließlich der Durchbruch und damit einhergehend die Niederlegung der Juristerei zugunsten der Literatur.

Nicht nur „Bayerndichter“ und Satiriker

Nachdem Thoma, wie bereits erwähnt, 1897 der literarische Durchbruch gelang, gewann er schnell an Bekanntheit. Es waren jedoch nicht nur Geschichten und Romane sondern auch politische Inhalte, mit welchen er sich befasste, insbesondere nachdem er 1899 Teil der Satirezeitschrift Simplicissimus wurde. Für diese schrieb er Gedichte, die sich etwa gegen Kaiser Wilhelm II. richteten oder antiklerikal gebaren, weshalb er 1906 sogar zu sechs Wochen Haft in Stadelheim verurteilt wurde. Mitunter aufgrund dieser Tätigkeit für den Simplicissimus wird Thoma an vielen Stellen sogar als links-liberal bezeichnet.

Lesetipp: „Der heilige Hies“ im Thomahaus

Doch Thoma war nicht nur der bayerisch-romantische Heimatdichter und beißende Satiriker des Simpl, als welcher er in vielen Teilen betrachtet wurde, sondern äußerte sich vor allem mit dem beginnenden Ersten Weltkrieg stets radikaler. Hatte er noch Jahre zuvor Wilhelm II. verspottet, so stellte er sich nun an seine Seite, sprach sich für den Krieg aus und meldete sich 1915 sogar als Freiwilliger. Ein weiterer Zeuge dieser Tage, der Anarchist Erich Mühsam, schreibt in seinem Tagebuch über Thoma, den er zu einem Gespräch während seines Fronturlaubs 1915 traf, folgendes: „Er (Thoma: Anmerk. d. Autors) sehe jetzt ein, daß die von ihm betriebene Opposition großenteils Blödsinn war. Er ist jetzt also entschlossen, im vorhinein alles zu billigen, was die „Verantwortlichen“ unternehmen und durchaus darauf zu verzichten, sie verantwortlich zu machen.“ (Mühsam, E.: Tagebücher, Heft 14, Eintrag vom 9. Juli 1915, online unter: muehsam-tagebuch.de) Doch damit nicht genug. Thoma war einer der Erstunterzeichner des bayerischen Ablegers der annexionistischen Deutschen Vaterlandspartei und schrieb ab 1920 bis zu seinem Tod rund 170 Artikel für den Miesbacher Anzeiger, eine zu dieser Zeit der NS-Propaganda und dem NS-Sprachgebrauch nahestehende Tageszeitung. Seine Artikel, wenn man sie so nennen möchte, waren durchzogen von Antisemitismus.

Ludwig Thoma
Stellungnahme Thomas im Miesbacher Anzeiger vom 22. Juni 1921. Foto: Jakob Romy

Doch Thoma in „vor“ und „nach“ 1914 einzuteilen, wäre ein falscher Ansatz, lassen sich doch bereits anhand seiner schriftstellerischen Anfänge manche Grundlagen seines späteren Schreibens erkennen, insbesondere seine in vielen Teilen diffamierende Haltung gegenüber Frauen. So beschimpfte er etwa diejenigen, die politisch aktiv waren, insbesondere Sozialistinnen, wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin. Kollegen des Simplicissimus wiesen schon früh auf seine Frauenverachtung hin und bereits in seinen berühmten, 1905 veröffentlichten Lausbubengeschichten zeigt sich, etwa in Bezug auf die Person des Gretchen Vollbecks, dass Frauen besser Strümpfe stricken sollten als für die Schule zu lernen. Ebenso ist auch davon auszugehen, dass er bereits vor 1900 eine antisemitische Haltung besaß.

Der Umgang mit Thomas Erbe

Thoma starb am 26. August 1921 in seinem Haus am Tegernsee an Magenkrebs. Als einer der bis heute wohl bekanntesten bayerischen Schriftsteller hinterließ er in vielerlei Hinsicht ein großes Erbe. Ein Blick auf Bayern zeigt dabei deutlich, dass ihm noch heute großes Ansehen zu Teil wird, tragen etwa stets noch Straßen, Schulen, Parks und Gasthäuser seinen Namen. In Rottach Egern am Tegernsee ist eine Bronzefigur von ihm zu finden und selbst in der Münchner Ruhmeshalle ist eine Büste von ihm ausgestellt.

Ludwig Thoma
Ausstellung Ludwig Thoma in Miesbach 2021. Foto: Stadt Miesbach (l.) Hans Reiser: Ludwig Thoma. Foto: Hans Reiser

Ist dies aber der richtige Umgang mit einem Literaten, der sich zwar über einen langen Zeitraum gegen die wilhelminische Ära und den Klerikalismus verachtend zeigte, sich jedoch früh misogyn gebar und dessen Antisemitismus sich mehr und mehr radikalisierte? Diese Frage tauchte während eines Symposiums im Waitzinger Keller in Miesbach vergangenen Donnerstag immer wieder auf. Zum 100. Geburtstag von Ludwig Thoma wurden Expertinnen und Experten geladen, welche zu Thoma, seinen Lebensphasen, seinen Bezugspersonen, aber auch zu seinen Tätigkeiten für die Deutsche Vaterlandspartei und den Miesbacher Anzeiger referierten. Hohes wissenschaftliches Niveau prägte das Symposium und durch die Wahl, Thomas Tätigkeit für den Anzeiger gleich einleitend in einem Vortrag darzustellen, wurde ein entscheidender Wegweiser für den Ablauf des Symposiums gesetzt. Leider wurde aber gerade sein Verhältnis zu Frauen, sein Umgang mit und seine Vorstellungen von ihnen sehr einseitig thematisiert und teils einsilbig abgetan, was seiner verachtenden Haltung keineswegs gerecht wurde.

Wie mit Thoma als Namensgeber umgegangen werden soll, konnte auch an diesem Abend nicht endgültig geklärt werden, eine reine Tilgung schien für die meisten jedoch keine Option. Vielleicht wird ein Gremium der Stadt München, welches sich derzeit um problematische Namen kümmert, unter denen auch Thoma zu finden ist, Neues darlegen.

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