Mariya Kalesnikava

Zwischen Krieg und Frieden

Mariya Kalesnikava, belarussische Oppositionspolitikerin und Musikerin, im Literaturhaus während der Münchner Sicherheitskonferenz 2026, Foto: Josef Fuchs

Veranstaltungen in München

Im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) fand ein Symposium statt, in dem internationale Experten über die aktuelle Situation des ukrainisch-russischen Kriegs diskutierten. Ebenfalls im Kontext zur MSC unterhielten sich im Literaturhaus die belarussische Dissidentin Mariya Kalesnikava und der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel zum Thema Demokratie.

Russlands hybrider Krieg

Schon der Titel des zweitägigen Symposiums „Russlands hybrider Krieg und Auflösung der Wahrheit: Wiederherstellung der Grundlagen von Sicherheit und gerechtem Frieden“ lässt die Komplexität des Themas erahnen. In seinem empathisch gehaltenen Hauptvortrag umriss der Experte für osteuropäische Geschichte Karl Schlögel, Träger des Friedenspreises 2025 des Deutschen Buchhandels, die aktuelle Situation des ukrainisch-russischen Krieges und dessen Auswirkungen auf ganz Europa. Zuvor konstatierte der stellvertretende Vorsitzende und CEO der Münchner Sicherheitskonferenz Benedikt Franke in seinem Grußwort, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der Sicherheit und Wahrheit der Vergangenheit angehören.

Mariya Kalesnikava
Der Historiker Karl Schlögel bei seinem Impulsvortrag in der Aula der LMU. Foto: Josef Fuchs

Das Symposium als Ort der Begegnung

Das Symposium wurde zum dritten Mal von der Ludwig-Maximilians-Universität München in Kooperation mit der Ukrainischen Katholischen Universität Lviv und der Universität Notre Dame, Indiana USA, organisiert. Ein ökumenisches Gebet für den Frieden in der Ukraine am Anfang der Veranstaltung zeigte, dass es nicht nur um den wissenschaftlichen Austausch geht. Besonders für die ukrainischen Landsleute war das Symposium darüber hinaus ein Ort der persönlichen Begegnung. In diesem Jahr wurde der Expertenkreis im Rahmen eines öffentlichen Forums einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

Instrumentalisierung der Religion

Ein zentrales Thema war, dass Religion für machtpolitische Zwecke instrumentalisiert wird. Im Falle des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine lässt sich die russisch-orthodoxe Kirche nicht nur passiv instrumentalisieren, sondern stellt sich aktiv hinter die Kriegsziele von Präsident Putin. Der russische Patriarch Kyrill legitimiert den Ukraine-Krieg als „Heiligen Krieg“, der Tod, Gewalt und Unrecht rechtfertigt. Für Kardinal Reinhard Marx ist diese Position nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar.

Mariya Kalesnikava
Gespräch zwischen Kardinal Reinhard Marx (sitzend), Karl Schlögel (links) und Jan Tombinski, polnischer Botschafter in Deutschland. Foto: Josef Fuchs

Erstes Opfer des Krieges: die Wahrheit

Der Krieg darf nicht Krieg genannt werden, sondern „militärische Spezialoperation“. Seit jeher wird die Wahrheit manipuliert, aber mit Hilfe der digitalen Technik und der sozialen Medien gelingt es den Machthabern, dass die Menschen Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheiden können. Zudem wird die Geschichte umgedeutet und ideologisiert. Putin rechtfertigt mit seiner Sicht auf die Geschichte den Angriffskrieg gegen die Ukraine.


Für diese junge Frau steht das Urteil zur jüngeren Geschichte der Ukraine fest: „2022, das Jahr der Mutigen“. Foto: Josef Fuchs

Offene Zukunft

Der russische Angriffskrieg ist nicht nur gegen die Ukraine als Territorium gerichtet. Für den russischen Präsidenten ist die eigentliche Zielscheibe Europa mit seiner Idee, in Demokratie und Freiheit zu leben. Diese Lebensweise ist ein Dorn im Auge aller Autokraten dieser Welt, da es eine Alternative zur Unterdrückung in ihren eigenen Ländern aufzeigt. Putin führt dabei nicht nur einen Krieg gegen das ukrainische Volk. Er schreckt auch nicht davor zurück, seine eigene Bevölkerung bluten zu lassen, um seinen Machtanspruch durchzusetzen.

Bei allen Beiträgen und Gesprächen war eine gewisse Ratlosigkeit zu spüren, wie Putin gestoppt und ein gerechter Frieden erreicht werden kann.

Lesetipp: Kunst und Kultur im Krieg


Markus Vogt, Sozialethiker an der LMU und Mitorganisator des Symposiums im Gespräch mit Olha Vorozhbyt, Mitglied im außenpolitischen Rat „Ukrainisches Prisma“ und Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr. Foto: Josef Fuchs

Die lähmende Angst überwinden

„How to make democracies great again“ (Wie man Demokratien wieder groß macht) hieß eine Diskussion im Literaturhaus am Sonntag während der MSC 2026. Sie wurde von den „Zeit“-Redakteuren Alice Bota und Heinrich Wefing souverän moderiert. Auf dem Podium saßen Karl Schlögel und die belarussische Oppositionelle, Dissidentin und Musikerin Mariya Kalesnikava. Sie berichtete von ihren Erfahrungen während ihrer Gefangenschaft von 2020 bis Dezember 2025 in Belarus. Sie begegnete dem Wachpersonal ohne Hass und Aggression – für die Machthaber eine Provokation, die sie mit über zwei Jahren Einzelhaft bezahlte. Sie sperrten sie in eine Zelle von etwa zwei mal drei Metern, aber „ihre innere Freiheit haben sie ihr nicht nehmen können“. Für Kalesnikava ist der erste Schritt zur Verteidigung der Demokratie, die lähmende Angst zu überwinden. „Wir müssen laut sein, aber ohne Hass und Gewalt“, lautete ihr Appell an die Zuhörerschaft. „Ohne Hass sind wir stärker!“ Als ausgebildete Musikerin weiß sie aus Erfahrung, wie wichtig Bildung und Kultur für eine freie und demokratische Zivilgesellschaft sind. Am Ende der Veranstaltung bedankten sich die Menschen mit Standing Ovations für ihre Worte und für die Hoffnung, die sie ausstrahlte.


Mariya Kalesnikava im Gespräch mit Karl Schlögel, Foto: Josef Fuchs

Wir alle für Demokratie, Frieden und Freiheit

Es scheint, als ob die Stunde der Wahrheit eine Ewigkeit der Lüge folgt. Aus dem Ausnahmezustand wird ein Dauerzustand. Gewohnte Begriffe und Definitionen verschwimmen im Meer der Propaganda. Digitale und physische Grenzen werden verschoben. Schweigen und Gleichgültigkeit unterstützen Gewalt und Unterdrückung. Menschen wie Mariya Kalesnikava zeigen, was ein einzelner Mensch mit Mut und Zivilcourage bewegen kann. Sie steht existentiell mit ihrem Leben für ihr Handeln ein. Nicht alle sind dazu in der Lage, aber wir alle hier in Deutschland können uns immer wieder für Demokratie, Frieden und Freiheit einsetzen, z.B. bei der nächsten Wahl!

Lesetipp: Facetten von Freiheit

Literaturhinweise: Karl Schlögel: „Auf der Sandbank der Zeit“, 2025 Carl Hanser Verlag, München
Martin Schulze Wessel: „Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“, 2025 Verlag C.H. Beck, München

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