Veredelte Schicksale

Werner Bischof: Dschunken in der Bucht. Foto: Ausstellungskatalog

Fotoausstellung in München

Er war Poet und Realist zugleich: Der Schweizer Fotograf Werner Bischof, dem in München eine umfangreiche Retrospektive zum 100. Geburtstag gewidmet ist.

„Der Mann, der den leisesten und zartesten Dingen nachspürte, wie nur je ein Dichter und Träumer, dieser Mann schob eines Tages alles, was er konnte und erreicht hatte, beiseite, setzte sich in einen Jeep und fuhr in die vom Krieg verwüstete und geschändete Welt: nach Deutschland, Holland, nach Norditalien“, so schildert der Schweizer Journalist Manuel Gasser den Aufbruch des späteren Magnum-Fotografen.

Von Angst und Entbehrung gezeichnete Gesichter

Werner Bischof wollte „die tiefe soziale Verantwortung des Fotografen“ wahrnehmen. Sie ist dokumentiert in hunderten von Kontaktbögen mit Ansichten aus dem Nachkriegsdeutschland, aus Frankreich, Italien, Griechenland, Rumänien, Polen, Ungarn und Holland. Sie stammen aus dem Bestand des Werner Bischof Estate von Isabel Siben und Marco Bischof, dem Sohn des Künstlers und dokumentieren die beginnende Normalität, den zaghaften Neubeginn nach einem verheerenden Krieg. Straßen und Plätze werden aufgeräumt, Brücken repariert, Zug- und Fährverkehr laufen wieder. Da ist ein Junge zu sehen, der mit Kreide ein Haus auf eine Steinplatte zeichnet. Gesichter, die von Not, Angst, Schrecken und Entbehrung gezeichnet sind.

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Werner Bischof: Selbstporträt. Foto: Ausstellungskatalog

Am 18.12.1947 schreibt Werner Bischof tieferschüttert an seinen Vater, „ich mache diese Reisen nicht aus Sensationsgier, sondern um menschlich eine vollständige Wandlung zu erleben“. Und des gelingt ihm bei allem Respekt die unendlichen vielen Gesichter der Not zu zeigen. „Veredelte Schicksale“ wird sie der Fotograf Ernst Haas später nennen. Weil sie keine Spur sensationsheischend sind, sondern das pure Leben abbilden. „Es trieb mich hinaus, das wahre Gesicht der Welt kennen zu lernen. Unser gutes, gesättigtes Leben nahm vielen den Blick für die ungeheure Not außerhalb unserer Grenzen“, so Werner Bischof, der als Bildjournalist für die Magazine „Life“ und „Picture Post“ tätig war. Volle zwei Jahre, von 1946 bis 1948, wird diese Spurensuche im Nachkriegseuropa dauern.

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Werner Bischof: Grenze Schweiz – Deutschland. Foto: Ausstellungskatalog

Verlangen nach Schönheit

In einem undatierten Brief aus der Nachkriegszeit an seine Frau Rosellina bekannte Werner Bischof, „mehr und mehr habe ich wieder Verlangen, mich dem Schönen zu widmen nach all dem Morast“. Ab 1950 begibt sich der Fotograf auf Reisen nach Großbritannien, Indien, Japan, Indochina, in die USA. Bilder der Schönheit entstehen insbesondere in Japan, aber auch bei einem Auftrag zur Dokumentation der neuen Autobahnen in den USA, der ihn zu faszinierenden Städteporträts inspiriert. Am 16. Mai 1954 verunglückt Werner Bischof, erst 38 Jahre alt, tödlich in den Anden.
Im zum 100. Geburtstag beim Verlag Scheidegger & Spiess erschienenen Bildband „Werner Bischof. Standpunkt“ wird das Leben und Schaffen von Werner Bischof anhand seiner Briefe, Tagebücher, Notizzettel, Fotografien und Zeichnungen erzählt. Der Bildband ist bewusst unnummeriert, damit sich der Betrachter frei in Bischofs Kosmos bewegen kann.

Bis 11. September 2016 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung, München, Maximilianstraße 53, Infotelefon 089 21602244, www.versicherungskammer-kulturstiftung.de. Täglich 9 bis 19 Uhr, Eintritt frei.

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