Seelengröße war einmal eine Tugend

Der Philosoph Christoph Quarch. Foto: Nomi Baumgartl

„Nietzsche sagt einmal, das Schöne an der Größe sei, dass man so vieles unter sich sehe, wenn man sie erst habe. Der große Mensch, heißt es nicht zufällig, steht über den Dingen. Sie reichen nicht an ihn heran – erst recht nicht, wenn sie klein sind. Ein großer Mensch ist daher auch nicht gleich beleidigt, wenn irgendjemand ihn verspottet oder schlecht über ihn redet. Er lächelt mild darüber, denn er ist sich seiner sicher. Das eben macht den großen Menschen aus: Er weiß um seinen Wert, um seine Würde, seine Ehre. Sie sind mit ihm durch Leid und Schmerz gewachsen, durch Liebe und durch Glück. Sie sind die Frucht, bewusst gelebten Lebens. Und also braucht er nicht um sie zu fürchten, wenn andere ihn veralbern.

Beleidigt sein zeugt von großem Ego

Wer schnell beleidigt ist oder sich rasch empört, verrät, dass seine Seele klein ist. Wer stets um seine Ehre oder seiner Würde fürchtet, zeigt damit, dass sie nicht viel wiegen. Beleidigtsein ist das Symptom des aufgeblähten Egos, das sich bloß künstlich aufplustert, um seine Unreife, Unsicherheit und Untauglichkeit zu vertuschen. Die Gleichung ist einfach und geht immer auf: Je schneller ein Mensch sich beleidigt fühlt, desto größer ist sein Ego, desto kleiner seiner Seele.

Hat man von Jesus je gehört, dass er beleidigt war? Hat Sokrates sich je empört? Verspottet wurden beide reichlich. Grund zum Beleidigtsein gab es für sie genug. Doch ihre Seelen waren dafür viel zu groß. Sie waren weit und groß genug, um auch die Albernheiten und Gehässigkeiten anderer Menschen zu umfangen. „Man muss ein Ozean sein, um einen schmutzigen Strom aufnehmen zu können“, sagt Nietzsche. Jesus und Sokrates waren solche Ozeane.

Seelengröße atmet die Luft der Liebe

Seelengröße war den Griechen eine Tugend. Sie wohnt im Herzen eines Menschen, dessen Ego klein geworden ist. Sie atmet eine Luft der Liebe, nicht der Angst. Sie fürchtet nicht um ihre Würde, weil sie weiß, dass die Würde der Seele unantastbar ist. Antastbar – und zu beleidigen – ist nur das Ego, das sich eine Würde anmaßt, die ihm gar nicht zukommt. Die große Seele bangt auch nicht um ihre Ehre, denn ihre Ehre liegt in ihrer Liebe – und die ist grenzenlos.

Es ist kein gutes Zeichen unserer Zeit, dass alle Welt sich andauernd beleidigt fühlt. Mit Nietzsche möchte man dann seufzen: „Es ist alles so klein geworden!“ Und seien Sie ehrlich: Wann ist Ihnen zuletzt ein großer Mensch begegnet – einer, der liebend-lächelnd sich der Welt zuwendet, seiner selbst gewiss und schön? Ach, gäbe es von diesen Menschen mehr – und weniger der aufgeblähten kleinen Geister, die sich noch nicht einmal entblöden, nach dem Staatsanwalt zu rufen, wenn einer sich auf ihre Kosten einen Spaß erlaubt.“

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