Über die Schönheit

Die Initiatorin der Ausstellung Dr. Ingrid Strauß und Fotografin Isabella Krobisch. Foto: Doris Woelki

Ausstellung in Rottach-Egern

Als Hommage an Carla von Branca findet in der Auferstehungskirche Rottach-Egern vom 1. bis 29. August 2021 eine Ausstellung mit dem Titel „Schönheit“ statt. Zu sehen sind Fotos von Isabella Krobisch, zu denen Carla von Branca lyrische Texte verfasste. Begleitend dazu bringen wir hier eine Kolumne der Künstlerin.

Die diplomierte Architektin, geboren 1929 in Chur/Schweiz, war auch als Bildhauerin erfolgreich, hat ein literarisches Werk geschaffen sowie bühnenbildnerische und fotografische Fähigkeiten verwirklicht. Seit 1955 war sie verheiratet mit dem Architekten Alexander Freiherr von Branca, der 2011 verstarb und wurde Mutter von fünf Kindern. Die Familie zog 1985 auf den Böberg nach Miesbach, das geliebte Wahlheimat wurde. Sie starb am 2. Mai 2021 in Miesbach.

Zum Tode von Carla von Branca

Von Beginn an war Carla von Branca KulturVision sehr verbunden. Für die 19. Ausgabe der KulturBegegnungen mit dem Titelthema „Schönheit“ schrieb sie die Kolumne, die wir nachstehend noch einmal veröffentlichen:

„Wenn ich mir vorstelle, wie oft im Laufe der vergangenen Jahrtausende Schönheit verschieden definiert und empfunden wurde, kann mich nur der Griff zum Wörterbuch der Symbolik retten. In diesem weist Manfred Lurker darauf hin, dass entsprechend der „analogia entis“ das Schöne in christlicher Hinsicht Widerschein der göttlichen Schönheit und Vollkommenheit sei. Aber auch Plato antwortete auf die Frage nach dem metaphysischen Charakter des Schönen mit den Hinweis auf die Teilhabe an einem ewigen Urbild. Das gilt für das Abendland. Andere Kulturen weisen in dem, was uns direkt übermittelt wird, den Tempeln und ihrer Ausschmückungen auf andere Urbilder hin.

Schönheit
Besucherin in der Ausstellung. Foto: Isabella Krobisch

Der christlichen und platonischen Deutung der Schönheit folgt eine Reihe weiterer über Kant und Goethe, Schelling, Ruskin, Hegel, Jaspers bis hin zum Marxismus geprägten des ungarischen Philosophen Lucács.

Allein diese Vielfalt zeigt, dass ich mich den verschiedenen Auffassungen von Schönheit nicht werde entziehen können und ich mich dem stellen muss, was die meine ist. Klar, dass dabei die „Feder“ stockt. Die „meine“ hat nur eine persönliche Gültigkeit. Sie ist an mich, meinen Charakter, mein Erleben gebunden. Dabei stelle ich fest, dass auch dieses sich verändert hat. Eine Madonna von Raffael löst kein frommes Erstaunen mehr aus, wie ich es damals in den Nachkriegsjahren beim Durchschreiten der ausgelagerten „Ambrosiana“ empfand.

Und wenn ich mich umschaue, habe nicht nur ich mich, es haben vielmehr die Menschen und die Welt, in der sie leben, sich wesentlich verändert. Die Erlebbarkeit scheint mir ein Auslöser für das zu sein, was wir als schön empfinden, wobei „schön“ nur bedingt gleich bedeutend mit „Schönheit“ ist.

Unsere erlebbare Welt ist komplexer geworden, lauter, aufdringlicher, vielfältiger. Haben wir die Fähigkeit, noch auf das Leise, Bescheidene zu achten, seinen Wert, seine Schönheit wahrzunehmen, oder liegt sie begraben unter der Banalität der Masse? Ist nicht sie es, die alles überdeckt, die Einzigartigkeit des Erlebens stiehlt? Lauter Fragen, lauter offene Fragen. Ist Masse banal? Oder wann wird Masse banal? Was bedeutet banal? Nicht nur die Welt, jeder dieser Begriffe ist komplex. So komplex wie die Schönheit.

Schönheit
Hauke Thomas (Rupertihof Rottach-Egern) liest die Gedichte von Carla von Branca. Foto: Isabella Krobisch

Dennoch ist es nicht zu übersehen, dass es das Erleben in der Masse immer schon gab, aber seine heutige Dimension krankhafte Formen angenommen hat. Kolonnen von Bergsteigern verursachen Staus auf den alpinen Routen. Scharen menschlicher Ameisen bevölkern die Pisten, drängen sich vor und durch Sehenswürdigkeiten. Der Kick ist wichtig, das Event, nicht das Sehen. Schönheit aber bedeutet Wahrnehmung, Empfindung, sinnliche Erkenntnis, sagt Lurker in seinem Buch. Haben wir das Empfinden von Schönheit dem materiellen Reichtum geopfert, der alles erreichbar werden lässt, keine Grenzen setzt? Oder hat es sich verändert? Ist der „Kick“ schön? Er muss es sein, sonst würden wir ihn nicht suchen. Aber hat er etwas mit Schönheit zu tun? Mit der göttlichen wohl kaum.

Was ist sie denn, diese göttliche Schönheit? Ich bin kein Philosoph. Ich bin ein Mensch, der acht Jahrzehnte lang gelebt hat, der durch sein Elternhaus, die verschiedenen Schulen, kurz, durch sein Leben geprägt wurde. Leben bedeutet erfahren, bedeutet erleben. Meine Erlebnismöglichkeit wurde geprägt. Sie hat sich aber auch durch die Erfahrung gewandelt, durch die Erkenntnis, dass es keinen Zufall gibt, dass alles in dem Einen mündet, das Sinn gibt. Dieses Eine ist die göttliche Schönheit. Es ist die Schönheit des Unbegreifbaren. Es ist das, was unseren Maßstab sprengt, das Unvollkommene vollkommen werden lässt. Es ist der Maßstab der Liebe.

So gesehen haben die ganzen unlösbar scheinenden Begriffe und Ausführungen über das Thema „Schönheit“ ihren Schlüssel gefunden. Ob das nun meine persönliche Ansicht ist oder das, was von außen als Schönheit bezeichnet wird, die wahre Schönheit zeigt sich nur dem Auge der Liebe.“

Die Ausstellung in der Auferstehungskirche in Rottach-Egern ist bis zum 29. August täglich von 9 bis 17 Uhr zu sehen. Unsere Fotos stammen von einer Veranstaltung am 12. August, bei der Initiatorin Ingrid Strauß Carla von Branca würdigte und Hauke Thomas ihre Gedichte las.

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