
Nachruf auf Hilge Dennewitz
Hilge Dennewitz und ihr Mann Norbert Herbert. Foto: Petra Kurbjuhn
Nachruf
In der Nacht des 6. März verstarb die Künstlerin Hilge Dennewitz aus Gmund. Mit ihr verliert der Landkreis Miesbach eine großartige Malerin und einen besonders liebenswerten Menschen.
Ich lernte Hilge Dennewitz vor etwa 35 Jahren bei einer gemeinsamen Bekannten kennen. Wir waren uns sofort sympathisch, hatten wir doch gemeinsame DDR-Erinnerungen. Zwar war sie Österreicherin, nachdem die Familie aus dem Sudetenland vertrieben worden war, und hatte in Graz die Kunsthochschule besucht. Dort hatte sie auch ihren ersten Mann kennengelernt und ihren Sohn bekommen. Aber die Ehe scheiterte und bei einem Besuch der Großmutter in Rostock lernte sie ihren zweiten Mann kennen und kam der Liebe wegen in die DDR, wo sie mit dem Theaterintendanten Ekkehard Dennewitz in Cottbus, Leipzig und Dresden lebte.
Nach der Scheidung kam Hilge Dennwitz Mitte der achtziger Jahre nach Bayern, um ihre kranke Mutter in Bad Wiessee zu pflegen. Sie etablierte sich im Tegernseer Tal als Künstlerin. Leben konnte sie von der Kunst nicht und musste sich ihren Unterhalt als Verkäuferin verdienen.

Wasserfall bei Siebenhütten. Foto: MZ
Als Kulturjournalistin hatte ich die Freude, immer wieder über ihre Werke und Ausstellungen berichten zu dürfen. Hilge lud mich aber auch ein, ihre Ausstellungen zu eröffnen. In meinem Wohnzimmer hängt ein großes Bild, das sie mir schenkte, nachdem ich eine umfassende Ausstellung ihres Werkes in der ihk Feldkirchen-Westerham eröffnete. Es zeigt einen Wasserfall, abstrahiert, aber der Natur nachempfunden. Sehr oft wanderte sie in die Natur, etwa ins Josefstal, und skizzierte dort ihre Eindrücke, um sie später in ihrem bescheidenen Atelier in Farbe umzusetzen.

Hilge Dennewitz und Kurt Gmeineder. Foto: Petra Kurbjuhn
Wasser war ihr großes Thema, das sie ein Leben lang beschäftigte. Die 7. Ausgabe unserer Zeitung KulturBegegnung war dem Wasser gewidmet und für den Titeltext durfte ich Hilge Dennewitz interviewen:
„Ich glaube, dass vom Wasser eine Energie ausgeht, die nicht nur von den Sinnen wahrgenommen wird“, erklärte die Malerin Hilge Dennewitz die magische Natur des Wassers, die sie immer wieder zu Bildern anregte, in denen sie Wasser in seiner sehr unterschiedlichen Bedeutung festhielt. Unbewusst habe sie festgestellt, dass sie sich am Wasser unheimlich wohlfühle. Kinder, so meinte sie, spürten diese Anziehungskraft noch deutlicher, denn nichts macht Kindern mehr Spaß als am Wasser zu spielen.

Feuchtgebiet. Foto: Norbert Herbert
Wer einmal einen Tag in so einer Einöde im und am Wasser verbringen durfte, kehrt energiegeladen an sein Tagwerk zurück und sehnt sich nach einer erneuten Begegnung. Hilge Dennewitz hat mehrere solcher Plätze erkundet und gemalt. In den verschiedenen Jahreszeiten, in verschiedenem Licht fand sie hier ihre Motive. „Ich sehe den Bach als Metapher zum Menschenleben“, sagte sie. Höhen und Tiefen gebe es, Strudel, Fälle und tiefe Ruhe.

Studie zu La Mer von Claude Debussy. Foto: Norbert Herbert
Einmal lud sie Isabella Krobisch und mich an einen ihrer geheimen Plätze unterhalb des Achenpasses ein. Den halsbrecherischen Abstieg hinunter in das enge Tal nahm sie leichtfüßig und gewandt, während wir Jüngeren leicht zitternd unterwegs waren. Diesen Tag da unten am Wasser werde ich nie vergessen. Isabella und ich genossen wie die Kinder Wasser, Sonne, Stille und Hilge zeichnete. Auch uns, wie wir in den Gumpen tollten.

Musiker. Foto: Petra Kurbjuhn
Ein zweites Thema, das Hilge Dennewitz zeit ihres Lebens begleitete, war die Musik. Zum einen skizzierte sie immer wieder Musiker beim Spielen, insbesondere hatten es ihr Jazzmusiker angetan. Zum anderen aber malte sie Musik. „Wieso soll man den Klang nur hören und nicht auch sehen können?“, fragte sie. Sie machte Klang in kräftigen Farben und Pinselstrichen sichtbar. Während sie Schostakowitschs Streichquartett Nr. 1, Gustav Mahlers Sinfonien oder Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ hörte, entstanden farbenfrohe Gemälde mit Ölfarben. Ton für Ton wurden kräftige Schwünge zu Klangbildern. In diesen Augenblicken war sie ganz in der Musik und im Fluss der Pinselbewegung.

Malen nach Musik. Foto: Petra Kurbjuhn
Ebenso intensiv hat sich Hilge Dennewitz dem Wachsen von Pflanzen zugewandt. Sie hat den Pflanzen zugehört. Hat ihnen beim Wachsen zugesehen. Hat sich auf die Frequenz der Pflanzen eingeschwungen, auf die Stimmen und den Herzschlag der Lauchstengel und Tomaten, der Maiskolben und Kamillenblüten, Kohlrabi und Kohlköpfe, Cosmea und Ringelblumen. All das hat sie gemalt.

Pflanzen. Foto: Ines Wagner
Und vieles mehr, wie die heimische Landschaft. Ihre Werke stellte sie regelmäßig bei der Tegernseer Kunstausstellung und der gmundart aus und war Mitglied der Künstlergruppe Delta. Gemeinsam mit ihrem Partner Norbert Herbert, den sie 1995 kennenlernte, sowie Peter Remmling, Heinz Stoewer und Günter Unbescheid trat sie in Fotografie, Malerei und Installation zu verschiedenen Themen an die Öffentlichkeit.

Am Tegernsee. Foto: MZ
Noch vor einem Jahr war die Künstlerin bei der gmundart präsent. Ehemann Norbert Herbert sorgte dafür, dass sie, obwohl schon längere Zeit erkrankt, nicht in Vergessenheit geriet. Er pflegte sie hingebungsvoll bis zu ihrem Tod in ihrer Gmunder Wohnung. Und auch bei der diesjährigen gmundart werden Werke von Hilge Dennewitz zu sehen sein. Ihre Künstlerkollegen und ihr Witwer halten die Erinnerung an diese besondere Künstlerin wach.