Lázár

Niedergang einer Familie

Cover von „Lázár“. Foto: Petra Kurbjuhn

Buchtipp von KulturVision

Mit seinem zweiten Roman „Lázár“ hat der junge Schweizer Autor Nelio Biedermann, wie Daniel Kehlmann schreibt „einen Donnerschlag“ ausgelöst. Die Feuilletons sind voll mit Rezensionen, der Roman wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. Warum sorgt dieser Roman so für Furore?

Zugegeben, das Cover der US-amerikanische Künstlerin Jaime Corum hätte mich nicht zum Kauf des Buches gereizt. Aber nach dem Lesen erschließt sich, warum darauf dieses starre edle halbe Porträt eines Schimmels vor einer altmodisch-märchenhaft anmutenden Tapete zu sehen ist.

Es kann als Metapher für den Familienroman derer von „Lázár“ dienen, des Adelsgeschlechts aus Ungarn, aus dem Nelio Biedermann stammt. Es zeigt gleichermaßen die strenge, gefühlsarme Welt des Adels, die die Menschen in Affären, den Wahnsinn, der Selbstverletzung oder gar Tod treibt, eine halbe Welt, eine glücklose Welt, die dem Untergang geweiht ist. Und es zeigt das Märchenhafte, das der junge Autor dem ersten Teil des Romans verleiht.

Ein Kind mit transparenter Haut

Das Buch startet bereits mit einem Geheimnis. Da wird zum Jahresbeginn 1900 ein Kind geboren, das Kind Lájos mit transparenter Haut, unter der man die Organe sehen konnte, das offensichtlich einen anderen Vater hat als diesen Baron Sándor von Lázár.

Es ist die Folge einer Affäre von Mutter Mária mit dem Stallknecht Pál, der kurz danach stirbt. Während Sándor seine Erfüllung bei Frau Virág in Pécs fand, wurde Mária immer einsamer und tröstet sich schließlich mit dem Hauslehrer der Kinder Ilona und Lájos. Nur ist Ilona selbst in den Hauslehrer verliebt, der erschlagen nach einer von ihr geschmiedeten Intrige aufgefunden wird, woraufhin sich Mária ertränkt.


Nelio Biedermann. Foto: Ruben Hollinger

Mit diesen spektakulären Ereignissen wird der Lesende in den Roman hineingezogen, der zunächst hauptsächlich Psychologisches seiner Figuren in einer wundersamen Sprache erzählt. Immer wieder tauchen Geister und Mythen auf, der Wald hinter dem Waldschloss scheint düstere Geheimisse zu bergen.

Darüber hinaus wird schon über eine zweite Erzählebene der Einfluss von Literatur auf die Figuren spürbar. Sándors Bruder Imre wird durch die Lektüre von E.T.A. Hoffmanns „Nachtstücke“ verrückt. Später greift Nelio Biedermann diese Ebene des Romans mit Thomas Mann, Marcel Proust, Joseph Roth oder Francoise Sagan wiederholt auf und verleiht damit dem Geschehen eine philosophische Tiefe.

Verquickung von Familie mit Historie

Eine dritte Ebene ist Sexualität. Sie spielt mit zahlreichen erotischen Schilderungen eine wichtige Rolle bei den Figuren und offenbart in aller Deutlichkeit die Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Geborgenheit, die offenbar die Familie nicht zu geben vermag.

Eine wichtige vierte Ebene kommt mit Ausbruch des ersten Weltkriegs hinzu. Fürderhin sind die historischen Ereignisse auf das Engste mit der Familiengeschichte verquickt. Zunächst geht es um den Niedergang des Habsburgerreiches, später um das Erstarken von Faschismus und Antisemitismus in Ungarn. Im zweiten Weltkrieg ist Lájos als Offizier am Holocaust nicht unbeteiligt, obwohl er sich „nur um das organisatorische kümmert“.

Pista spricht mit seinem Schatten

Das Psychologisch-Philosophische kommt jetzt in Sohn Pista zum Ausdruck, der mit seinem Schatten spricht und damit die schreckensvolle Zeit, den Untergang der Familie, dokumentiert. Der Einmarsch der Russen, ihre brutale Herrschaft, die Vergewaltigungen. All das erzählt der junge Autor als wäre er dabei gewesen.

In Interviews hatte er berichtet, dass er die Geschichte seiner Familie sehr genau recherchiert habe, mit seinem Großonkel in Budapest sprach, die Erzählungen seiner Großmutter über die Familienereignisse speicherte und gemeinsam mit allgemeinen zeitgeschichtlichen Berichten eine umfassende Kenntnis über die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erhielt.

Realität und Fiktion

Die Familie wird aus ihrem Waldschloss vertrieben, enteignet, auch aus Ihrer Wohnung in Budapest nach dem zweiten Weltkrieg und muss in ärmlichsten Verhältnissen leben. Nelio Biedermann erzählt auch diese Phase seines Romans in der ihm eigenen bildreichen Sprache, so dass der Lesende mitfiebert.

Wird Pista seine große Liebe Mathilde wiederfinden? Wie überlebt die Familie den Aufstand 1956 in Ungarn? Wie gelingt die Flucht? Gerade dieses Thema sei in der Familie häufig beschrieben worden, sagt der Autor, so kann er die Erlebnisse von Pista und seiner Schwester Eva detailreich und spannend erzählen.

Und doch ist es nicht nur die Geschichte der eigenen Familie. Es gelingt dem Autor, Realität und Fiktion so zu verbinden, dass der Roman zu einem Lesegenuss wird und gleichzeitig tiefe Einblicke in die Zeitgeschichte vermittelt.

Facettenreiche Sprache

Nelio Biedermann wurde in einem Gespräch mit der ZEIT gefragt, welche Frage von Journalisten ihn am meisten nerve, und er antwortete, die Frage nach seinem Alter. Und doch sie muss gestellt werden, denn 2003 geboren, schrieb er den Roman mit etwas über zwanzig Jahren und das ist überaus erstaunlich und bemerkenswert. Nicht nur die packende psychologisch-philosophisch-zeitgeschichliche Geschichte, sondern ebenso die facettenreiche, sinnliche, fantasievolle Sprache lassen die Leserin begeistert zurück.

Nelio Biedermann „Lázár“, Rowohlt Verlag 2025

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