
Welcher Mensch möchte ich gewesen sein?
Hotelchef Korbinian Kohler, Gastrednerin Maria Furtwängler und Karsten Fischer, akademischer Kurator des Kollegs (von links nach rechts). Foto: Kerstin Brandes
Umweltschutz zwischen Individuum und Politik
Im Rahmen des Korbinian Kollegs hielt Maria Furtwängler einen Impulsvortrag unter dem Motto „Wohlstand und Sicherheit: Ein etwas anderer Blick auf die Natur“. Korbinian Kohler, Initiator der Vorlesungsreihe, konnte die bekannte Schauspielerin, studierte Ärztin, Stiftungsgründerin und vielseitig engagierte Frau als Rednerin in seinem Hotel Bachmair Weissach gewinnen. Es wurde ein lebhafter Abend, der eine in Sachen Umweltschutz passionierte und kompetente Maria Furtwängler zeigte.
Liebe zur Natur
Maria Furtwängler sprach während des Vortrags immer wieder ihre Liebe zur Natur an. Sie selbst sei von klein auf tier- und naturbegeistert. Und so erzählte sie vom Ziegenbock, den sie vom Nachbarsbauern anschleppte oder ihrem Bienenkrankenhaus, in dem sie versuchte, die im See fast ertrunkenen Bienen zu retten. Sie kenne tatsächlich jede Pflanze, bestätigte auch ihr Berggeh-Freund Korbinian Kohler. Ihr Ort der Glückseligkeit sei eine Sommerwiese: Im Gras liegen und dem Summen der Insekten zuhören. Sie habe eine Leidenschaft für Insekten und vor sieben Jahren sogar mit dem Imkern begonnen.
Natur erzeugt Heimat
Im Laufe des Vortrags ließ Maria Furtwängler immer wieder Überlegungen aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen einfließen. So auch die der Klimapsychologin Katharina van Bronswijk. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Umweltveränderungen auf die menschliche Psyche. Dabei hat sich gezeigt, wie durch die Veränderungen in Flora und Fauna die Menschen das Gefühl haben, Heimat zu verlieren. Die eigene Kultur werde immer mit Landschaft verbunden.

Blick vom Taubenstein. Foto: Kerstin Brandes
Ehrfurcht vor dem Leben
Maria Furtwängler bezog sich auch auf Albert Schweitzers Motto von Liebe und Verantwortung. Nach ihm dürfe sich Ethik nicht nur auf „Mensch zu Mensch“ beschränken. Wäre mehr Verantwortung gegenüber Flora und Fauna vorhanden, profitiere auch der Umweltschutz. Im Verlauf des Abends kam an verschiedenen Stellen immer wieder das Thema Nahrungsmittelerzeugung auf. Maria Furtwängler führte beispielsweise die Fleischproduktion und die Fischzucht als massive CO2-Treiber an. Für beide Formen der Lebensmittelerzeugung müssen unverhältnismäßig viel pflanzliche Futtermittel, meist Soja aus Südamerika, produziert und verfüttert werden. Als Konsument könne man hier ansetzen und bewusst etwas für den Klimaschutz – und demnach auch Naturschutz – tun.
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Wirkungsmacht des Einzelnen
Im Verlauf des Abends kam an verschiedenen Stellen eine Skepsis gegenüber der Wirkungsmacht des Einzelnen auf. Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, die Politik stärker in die Pflicht zu nehmen. Maria Furtwängler forderte, dass die Politik nicht mit übermäßiger Bürokratie – vor allem die Bauern – gängeln solle, sondern stattdessen Weichen stellen müsse, indem sie sinnvolle Rahmenbedingungen für mehr Naturschutz schaffe. Aus dem Publikum kam die Anmerkung, dass man nicht in eine Falle geraten dürfe, indem man sich einreden ließe, alles hinge vom Einzelnen ab. Stattdessen müsse man auch die Politik fordern. Maria Furtwängler stimmte dem zu und betonte, dass man sich nicht reduzieren lassen dürfe. Sie erwähnte an dieser Stelle, dass zum Beispiel der „carbon footprint“ eine Erfindung des Mineralölkonzern BP gewesen sei. Sie wollen Verantwortung abschieben, indem den Verbrauchern Fehlverhalten unter die Nase gerieben werde.
Bewahrender Konservatismus
Den Umweltschutz möchte Maria Furtwängler politisch in keine Schublade gesteckt wissen. Auch wenn der ein oder andere Besucher ihren Vortrag in der links-grünen Ecke verorte, so sehe sie den Schutz unserer Umwelt als konservativ an. Für sie seien konservative Politiker wie Alois Glück und Klaus Töpfer Pioniere des Umweltschutzes gewesen. Allerding bedauere sie, dass im Moment konservative Parteien nicht mehr klar Stellung zu dieser Thematik beziehen würden. In ihren Augen sei zudem generell das Engagement im Naturschutz zurückgegangen. Sie habe das Gefühl, dass sogar eine gewisse Erleichterung herrsche angesichts dessen, dass der Umweltschutz aufgrund vieler anderer Krisen hintenanstünde.

Impulsvortrag von Maria Furtwängler. Foto: Kerstin Brandes
Demokratien schneiden besser ab
Maria Furtwängler sieht in diesem Zusammenhang einen weiteren Grund für den Rückgang von Naturschutz. Es sei eine Art von Männlichkeit à la Donald Trump auf dem Vormarsch, die froh sei, dass Themen wie Naturschutz eine weniger wichtige Rolle spielen. Dies bestätigte indirekt die Aussage Karsten Fischers später, am Ende der anschließenden Diskussion: Es sei nachgewiesen, dass freiheitliche Demokratien eine bessere Ökobilanz vorwiesen als autoritäre Systeme.
Vorbild sein
Einen wichtigen Punkt brachte ein Besucher der Veranstaltung in der an die Diskussion anschließenden Fragerunde ins Spiel. Wolfgang Stefinger, Vorsitzender des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Deutschen Bundestag, forderte einen internationalen Blick auf die Thematik. So stünden afrikanische Länder unter einem enormen Druck und müssten die Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen im Blick haben. Die Europäer dürften nicht mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Welt gehen, zumal sie selbst ein schlechtes Vorbild in Sachen Umweltschutz abgäben. Man müsse auch soziale Strukturen der einzelnen Länder berücksichtigen. Und: Man müsse es sich finanziell leisten können. Dem stimmte Maria Furtwängler zu und betonte, dass immer noch imperiale Gedanken vorhanden seien und man Regeln schaffen müsse, die es den Ländern ermöglichen nachhaltig zu handeln. Neben einer Generationengerechtigkeit sei auch eine Kulturgerechtigkeit notwendig.

Das Korbinians Kolleg befasst sich mit Fragen der Zeit. Foto: Kerstin Brandes
Die Mischung macht‘s
Die an den Impulsvortrag anschließende Diskussion mit Korbinian Kohler, Karsten Fischer und Maria Furtwängler als auch die nachfolgenden Fragen aus dem Publikum zeugten von einem regen Interesse an diesem Thema. Es zeigte eine große Facette von Handlungsansätzen und Überzeugungen. Als Fazit des Abends kann die Übereinstimmung der Anwesenden gesehen werden, dass man in mehrere Richtungen tätig werden müsse. Lokal handeln und global denken – die Mischung macht’s. Und bezüglich der Ethik, die bei Fragen des Naturschutzes nicht außer Acht gelassen werden dürfe, betonte Maria Furtwängler, dass jeder Einzelne in sich gehen und sich fragen müsse: Welcher Mensch möchte ich gewesen sein?