Gott als Bibliothek der Bibliotheken

Der italienische Autor, Sprachwissenschaftler und Philosoph Umberto Eco (1932-2016) besaß eine Bibliothek mit über 30.000 Büchern. Foto: mindjazz pictures

Filmmatinée im FoolsKINO

Die Privatbibliothek von Umberto Eco umfasste über 30.000 zeitgenössische Bücher, dazu kommen noch rund 1.500 antike Werke. Der Film „Umberto Eco. Eine Bibliothek der Welt“ würdigt den 2016 verstorbenen italienischen Universalgelehrten mit einem Portrait dieser Bibliothek. KulturVision zeigte den Film von Regisseur Davide Ferrario nun in der Filmmatinée.

Staunen und fragen

Gleich in der ersten Szene folgt die Kamera dem italienischen Autoren und Sprachwissenschaftler Umberto Eco, während dieser offensichtlich zielgerichtet durch verwinkelte Gänge, vorbei an einer nicht enden wollende Menge an Büchern, auf ein spezielles Buch zusteuert. Bereits die ersten Augenblicke des Films „Umberto Eco. Eine Bibliothek der Welt“ lassen den Zuschauer staunen – aber auch fragen: In diesem Büchermeer will sich der Besitzer der Bibliothek auskennen? Ja, so scheint es. Denn die Einteilung der Bibliothek erfolgte, so lassen Umberto Ecos Familienmitglieder die Zuschauenden wissen, nach den Vorstellungen des Besitzers. Sie ist indes keine Einteilung nach streng bibliothekarischen Kriterien, etwa dem Alphabet oder einer sauberen sachlichen Kriteriologie. Vielmehr entspricht sie dem, was man mit dem Denken der französischen Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari „Rhizom“ nennen könnte.


Der wohl berühmteste Roman Umberto Ecos ist „Der Name der Rose“. Er wurde in eine Vielzahl an Sprachen übersetzt. Foto: mindjazz pictures

Wissen als Wurzelgeflecht

Der Begriff „Rhizom“ bezeichnet in der Botanik und Biologie ein verzweigtes Wurzelgeflecht. In der Philosophie wird damit zum Ausdruck gebracht, dass sich Wissen im postmodernen Verständnis nicht hierarchisch darstellen lässt, wie etwa in der Metapher des Baumes, sondern vielmehr dezentral und in sich verflochten. Genauso lässt sich auch Umberto Ecos Bibliothek verstehen: Als verschachteltes, durch Interessen und Assoziationen geordnetes System an Wissensbeständen. Auch die Aufteilung des Wissens in Fakt und Fiktion ist eine, die durch das Rhizom überholt ist. Umberto Eco selbst spielt in all seinen Arbeiten immer wieder mit der Grenze, die wir üblicherweise zwischen Wahrheit und Erfindung ziehen. Und so ist es nur folgerichtig, dass er auch die Unterteilung der Literatur in hohe und niedere Kunst für überzogen hält.


Ein weit verzweigtes Wurzelgeflecht gilt manchen Philosophen als Repräsentation der Struktur menschlichen Wissens. Foto: pixabay

Fakt und Fiktion

Grundlage dafür ist sein Verständnis menschlicher Sprache. Für den italienischen Gelehrten zeichnet diese sich dadurch aus, dass sie auf Nichtanwesendes verweisen und sogar Falsches zum Ausdruck bringen kann. Auf dieser Beobachtung fußte Umberto Ecos Interesse an Autoren und Werken, die auf wissenschaftliche Weise völlig Falsches zu Blatt gebracht hatten. Athanasius Kircher (1602-1680) ist so ein Beispiel, lernen wir im Film: Der Jesuit habe aus allerlei Quellen Fakt und Fiktion auf derart kundige Weise zusammengebracht, dass sich darin die Vollendung des Gebrauchs von Sprache zeigt.

Lesetipp: Die Erinnerungskriegerin

Fantasievolle Reise

Das besondere an Davide Ferrarios Film ist, dass er die Struktur des Wissens und der Sprache gewissermaßen mimetisch nachvollzieht. Auf der einen Seite nämlich teilt er den Film in verschiedene Kapitel auf, die sich besonderen Themen aus Umberto Ecos Werk widmen. So entsteht eine Ordnung, die auf den ersten Blick dem menschlichen Verlangen nach Struktur entspricht. Innerhalb dieser Kapitel jedoch verzweigen sich die Inhalte und folgen einer fantasievollen Reise durch Orginalaufnahmen mit Umberto Eco, Interviewsequenzen mit Freunden und Familie sowie Zitaten aus seinem Werk, die von Schauspielern dargestellt werden. Und auch hier bricht Regisseur Davide Ferrario die strenge, uns Zuschauern mitunter so wichtige Dualität zwischen Fakt und Fiktion auf: Während wir die Rezitation wahrnehmen und eine Dokumentation von Umberto Ecos Denken erwarten, fragt der Rezitator an einer Stelle in einer Art Metafiktion den Regisseur, der offenbar hinter der Kamera sitzt, ob seine Performance gut ist.

Was hätte Eco gesagt?

Umberto Eco war ein Mensch mit Humor, das wird den gesamten Film hinweg deutlich. Wenn er etwa erzählt, dass er zwar ein Handy besitzt, dieses aber immer ausgeschaltet lässt, weil er keine Nachrichten empfangen (und auch keine senden) mag, dann tut er dies auf sehr humorige Weise. Dahinter steckt indes eine Einsicht: Dass wir nicht schon deswegen mehr wissen, weil wir mehr schreiben. Auch das World Wide Web sieht er nicht als Endpunkt des Strebens nach Weisheit an, denn es fehlten ihm strukturierende Filter: Einfach alles aufzuschreiben reicht nicht aus, um alles zu wissen. Man möchte gerne erfahren, was Umberto Eco heute zu Künstlicher Intelligenz und Plattformen wie ChatGPT sagen würde.


Andreas Wolkenstein (KulturVision) erzählte in seiner Einführung von seiner Faszination für Umberto Eco. Foto: Monika Ziegler

Bibliothek der Bibliotheken

Umberto Ecos Bibliothek ist heute im Besitz des italienischen Staates. Regisseur Davide Ferrario sollte vor der Übergabe den Bestand dokumentieren. Herausgekommen aber ist ein filmisches Schmuckstück, das den prächtigen alten Folianten aus der Bibliothek des Mailänder Gelehrten in nichts nachsteht. Der Film lädt ein, sich ins Denken Umberto Ecos zu vertiefen und die Welt gleichsam als Text zu verstehen, wie dies der Philosoph vorschlägt. Ist die Welt ein Text, so ist ein Buch gewissermaßen das Urbild der Welt und nicht einfach, wie Andreas Wolkenstein (KulturVision) in seiner Einführung betonte, deren Abbild. So philosophiert Umberto Eco denn auch mit Dante Alighieri, dass Gott dann wohl die Bibliothek der Bibliotheken sei. Wer diesen finden wolle, so hören wir am Schluss des Films, könnte dies nur in der Stille tun. Davide Ferrarios Film ist eine herrliche Einladung dazu, sich auf die Reise in diese bibliophile Stille zu begeben.

Am 08. Februar 2026 zeigt KulturVision in Kooperation mit dem Holzkirchner FoolsKINO den Spielfilm „Oxana – Mein Leben für Freiheit“. Beginn der Filmmatinée ist um 11.00 Uhr, Tickets können an der Kasse oder vorab online erworben werden.

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Bitte besuchen Sie uns auf