
„Ich mache einfach weiter“
Sabine Lessig bei den Fastenpredigten von KulturVision. Foto: Petra Kurbjuhn
Die Künstlerin Sabine Lessig hat durch ihre Entscheidungen und politische Entwicklungen einen konsistenten Lebensweg verloren: Weil sie aus der ehemaligen DDR auswanderte, wurde sie der Anerkennung ihrer früheren Kollegen verlustig. Und in der neuen Heimat tat sie sich schwer, künstlerisch Fuß zu fassen. Zudem sind viele ihrer früheren Werke verschwunden, wie bei der zweiten Veranstaltung der Reihe „Fastenpredigten“ von KulturVision deutlich wurde.
Die Geschichte wiege immer noch schwer, selbst berichten könne sie aus ihrer Vergangenheit daher noch nicht, erklärte Sabine Lessig vor 25 Zuhörenden in der Kapelle zur Heiligen Familie in St. Josef in Holzkirchen. Aufgeschrieben hat Sabine Lessig ihre Geschichte daher für Monika Ziegler, Vorsitzende von KulturVision, die sie in der passenden Mischung aus Engagement und Distanz vortrug. Weil beide Frauen ihre Wurzeln in der ehemaligen DDR haben, lässt die Wahl der Erzählerin ein authentisch gezeichnetes Bild der Vergangenheit aufscheinen.

Erzählt authentisch Sabine Lessigs Lebensgeschichte: Monika Ziegler, erste Vorsitzende von KulturVision. Foto: Petra Kurbjuhn
Subtiler Widerstand
Sabine Lessigs Vergangenheit begann in Leipzig, wo sie 1950 geboren wurde. Nach dem Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig arbeitete sie als Künstlerin in ihrer Heimatstadt. Sie fertigte, ganz in der Tradition ihres künstlerischen Lehrers Werner Tübke und der ersten Generation der Leipziger Schule stehend, Bilder auch für staatliche Aufttraggeber an. Dabei bediente sie sich subtiler Maßnahmen, um Widerstand zu leisten, wie Monika Ziegler vortrug: Auf einem Bild zeichnete sie einen Arbeiter, der die Hände in seiner Hosentasche hatte.
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Für Shoah-Foundation tätig
1986 erfolgte die Ausreise, zunächst nach München, dann nach Otterfing. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Seefeld (Landkreis Starnberg), wo sie auch ein eigenes Atelier betreibt. Ihre Kunst ist geprägt durch die Leipziger Schule, deren Vertreter ihr Lehrer Werner Tübke, aber auch prominente Figuren wie Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer gehören.
Richtig angenommen sei sie im ihrer neuen Heimat indes nicht, wie Monika Ziegler vortrug. Ihre Bilder stießen auf Ablehnung, sie hätte sich mehr Kontakte und Ausstellungsmöglichkeiten gewünscht, erklärte Sabine Lessig selbst auf Nachfrage des Publikums. Weil sie von der Kunst allein nicht leben konnte, absolvierte die Künstlerin eine Ausbildung zur Psychotherapeutin (nach Heilpraktikergesetz) und war als Kunsttherapeuting tätig. Zudem arbeitete sie ehrenamtlich als Interviewerin für die Shoah-Foundation des US-amerikanischen Regisseurs Steven Spielberg.

Besucher der Fastenpredigt von Sabine Lessig in die Kapelle zur Heiligen Familie in St. Josef, Holzkirchen. Foto: Petra Kurbjuhn
Den eigenen Weg gehen
Die Lebensgeschichten jüdischer Frauen hat sie in einem Buch aufgeschrieben, erschienen ist es 2006 im Eigenverlag in München. Es seien bewegende, erschütternde, aber auch Mut machende Geschichten von Frauen, die unermessliches Leid erfahren haben und trotzdem oder gerade deshalb ihren Weg gingen, so Monika Ziegler. „Den eigenen Weg“ beschreibe auch Sabine Lessigs Lebensphilosophie ganz gut, machte sie weiter deutlich. Denn die Reaktion auf die ausbleibende Anerkennung als Künstlerin, in der alten wie in der neuen Heimat, sei das Motto „Ich mache einfach weiter“.

Theresa Bichlmeier begeleitete die Fastenpredigt am Hackbrett. Foto: Petra Kurbjuhn
Verbleib der Bilder
Diese Einstellung war auch ausschlaggebend bei Sabine Lessigs Versuch, ihre alten, für staatliche Einrichtungen angefertigten Werke, zu finden. Sie wolle diese lediglich finden, um sie für einen Katalog zu fotografieren, machte Sabine Lessig in der Aussprache deutlich. Doch wohin sie sich auch wende, um den Verbleib der Bilder zu erfahren, überall treffe sie auf Schweigen. „Es kann doch nicht sein, dass niemand weiß, wo die Bilder sind“, ruft sie in der Kapelle St. Josef aus – man spürt die Verzweiflung in Sabine Lessig. Ihren Versuch, die eigenen Bilder aufzuspüren, hat die Seefelder Künstlerin 2025 in einem Beitrag für die Leipziger Blätter aufgeschrieben. Der Titel des Aufsatzes lautet „Ent WENDE t“ und spielt damit auf den Bruch an, den die Deutsche Wiedervereinigung für Sabine Lessig brachte. So sehe man, betonte Fastenpredigt-Moderator Markus Bogner, dass Verlust auch eine Frage der Perspektive sein könne: Für die einen die Wende zum Besseren, für die anderen werden Werk und Lebensweg „entwendet“.