
Entmenschlichung und Poesie
Georg Brinkies und Alejandro Calderón Jaffé in der Vitalwelt Schliersee (von links). Foto: CS
Vernissage in Schliersee
Mit den Werken des Schlierseer Holzbildhauers Georg Brinkies und des venezolanischen Bildhauers Alejandro Calderón Jaffé feiert der Schlierseer Kulturherbst 2026 seinen Auftakt – mit illustren Gästen, schöner Musik und Arbeiten, die nachdenklich stimmen.
Der langjährige Schlierseer Tourismus-Chef und Kulturherbst-Organisator Johannes Wegmann, der Schlierseer Bürgermeister Florian Rheinthaler und der stellvertretende Landrat Josef Bierschneider eröffneten am 8. Oktober in der Vitalwelt den nunmehr 18. Schlierseer Kulturherbst. In ihren Ansprachen freuten sie sich über die „Volljährigkeit“ dieser Veranstaltung, die jedes Jahr über drei Wochen hinweg mit einem hochkarätigen Kulturprogramm aufwartet – von Theater über Kabarett und klassische Musik bis hin zur Kunst.
Den Auftakt bildete diesmal eine Vernissage mit den Werken von Alejandro Calderón Jaffé und Georg Brinkies, die von den Laudatorinnen Tini Polt und Nele von Mengershausen vorgestellt wurden. Die Spannung im Publikum war groß, als sich nach ihren Ansprachen endlich die Türen zum Ausstellungsraum öffneten und das Publikum die Werke in Augenschein nehmen konnte: riesige Holzskulpturen und Zeichnungen des Neuhauser Künstlers und gegenständliche Bronzeminiaturen sowie kleine Bilder des venezolanischen Künstlers, die zum genauen Hinsehen aufforderten.
„Ich verlor meine Kreativität“
Seine Arbeiten handelten von einem kleinen Feind, der unseren Tag bestimme und unsere Denkfähigkeit überlagere, sagte Tini Polt über die Arbeiten von Alejandro Calderón Jaffé. Was sie damit meinte, wird dem Betrachter schnell klar: etwa bei den neun streichholzschachtelgroßen Bronzefiguren, die auf der Toilette sitzen und am Handy scrollen, diesem omnipräsenten Gadget, das aus unserem modernen Leben nicht mehr wegzudenken ist.
„Ich möchte dazu anregen, unseren Digitalkonsum zu hinterfragen“, sagt der 38-Jährige, der mit seiner deutschstämmigen Familie während der Präsidentschaft von Hugo Chávez nach Deutschland emigrierte und später an der Kunsthochschule Halle Bildhauerei studierte. Er selbst hatte eine Phase, in der er bemerkte, wie ihn dieses kleine Gerät auffraß: „Ich war blockiert und verlor meine Kreativität“, sagt er gegenüber KulturVision.

Die Bronzeminiaturen von Alejandro Calderón Jaffé. Foto: CS
Wie es unsere Intimsphäre und Präsenz infiltriert, zeigen weitere Bronzeminiaturen: Figuren, die sich umarmen und dabei jeweils hinter dem Rücken des anderen den Bildschirm fixieren. Und eine Person, die eine steile Treppe hinuntergeht, aber auf das kleine Gerät starrt, anstatt die Stufen im Blick zu behalten. Zum Schmunzeln: Seine Darstellung des letzten Abendmahls, bei dem Jesus und seine Jünger in diese kleine, digitale „Büchse der Pandora“ schauen, nach der der Künstler seine Schau benannt hat.
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Georg Brinkies: „Was nehme ich mit?
Während es bei Alejandro Calderón Jaffé um die Entmenschlichung durch die Digitalisierung geht, stellt der Neuhauser Künstler Georg Brinkies mit seinen Werke die Frage „Was nehme ich mit?“ In einer Zeit des tiefgreifenden Wandels scheine es so, als ob wir unser Haus „Mensch“ verlassen, gibt er zu bedenken. „Einiges von dem, was ich zu meinem Gepäck gemacht habe, stelle ich aus“, sagt der 73-jährige, in Neuhaus lebende Künstler, der nach seiner Ausbildung zum Holzbildhauer in Berchtesgaden an der Münchner Akademie der Bildenden Künste studierte.

Zeichnungen und Holzskulpturen von Georg Brinkies. Foto: CS
Zu sehen sind zwei seiner Holzskulpturen, die aus verschiedenen Teilen bestehen: etwa aus fünf schmalen geschnitzten Holzsäulen, die fast so aussehen, als bestünden sie aus aufeinandergestapelten und unterschiedlich geformten Holzklötzen. An ihrer Spitze befinden sich rote Wimpel. Diese seien, so verrät Nele von Mengershausen in ihrer Laudatio, inspiriert von den Fischern am Kurischen Haff, die sie zur Wiedererkennung ihrer Kähne schnitzten. Ein Ausflug in die Familiengeschichte des Künstlers, dessen Vater dort ein Boot mit einer rotweißen Fahne besaß.
Georg Brinkies‘ Wimpel seien aber streng nach Nordost ausgerichtet, erläutert die Laudatorin weiter. Warum beantwortete ihr der Künstler mit einem Gedicht von Hölderin: „Der Nordost wehet, der liebste unter den Winden mir, weil er feurigen Geist und gute Fahrt verheißet den Schiffern.“
Ein Bildhauer, der mit Worten schnitzt
Georg Brinkies‘ poetische Ader zeigt sich auch in seiner Skulptur, die den Titel „Aus der Kuhle des Kahns wachsen die Träume des Menschen“ trägt. Eine schlichte Holzkonstruktion, die in der Mitte eine Aussparung aufweist, in der sich ein bemaltes Kästchen befindet. Das sei jener Ort, aus dem die Träume aufsteigen, erzählte wohl der Künstler versonnen und geheimnisvoll. Für Nele von Mengershausen ein untrügliches Indiz für seine Individualität: „Georg ist der einzige Bildhauer, den ich kenne, der mit Worten schnitzt und für den Poesie Lebenselixier ist“, resümiert sie.
Die Eröffnungsfeierlichkeiten wurden begleitet von der Musik des Duos WisAWis mit Barbara Gasteiger an der Harfe und Franz Jetzinger am Saxofon.
Mehr Infos zu den Künstlern unter www.alejandro-jaffe.com und brinkies.com