Bonhoeffer

„Von guten Mächten …“

Werner Willems: Gesang, Trompete, Horn, Clemens Nicol: Sprecher, Regina Waldera: Sprecherin, Rudolf Waldera: Musik, Gitarren und Gesamtleitung (v.l.n.r.) Foto: Thomas Mandl

Veranstaltung in Holzkirchen

Am 4. Februar jährte sich der 120. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers. Anlass genug, ihm angemessen und würdevoll zu gedenken – gerade in einer Zeit, in der braunes Gedankengut wieder aus der Gruft zu steigen droht. Eine Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer in Musik und Text.

Dietrich Bonhoeffer zählt zu den bekanntesten evangelischen Theologen. Seine Bedeutung beruht jedoch weniger auf seiner Tätigkeit als Theologieprofessor als auf seinem schriftstellerischen Werk, in dem er seinen Entschluss, seinen Glauben ernst zu nehmen, in eindringliche Worte fasste. Als bekennender Christ, der der Ökumene verpflichtet war, konnte er dem barbarischen Treiben der Nationalsozialisten nicht tatenlos zusehen. Seine Überzeugung gebot aktiven Widerstand – den er am 9. April 1945 mit seinem Leben bezahlte. Sein standhafter Glaube ist ein Vorbild für Christinnen und Christen, unabhängig von der Konfession.

Gedenkkonzert für Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer schlug ursprünglich eine akademische Laufbahn ein. Promotion und Habilitation absolvierte er bereits als junger Mann, bevor er 1933 die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde (Pommern) übernahm. Er schloss sich der Widerstandsbewegung um Admiral Canaris an, was zur Verhaftung durch die Gestapo im April 1943 führte. Kurz vor seinem Tod schrieb er während schwerster Luftangriffe Ende 1944 sein bekanntes Gedicht „Von guten Mächten“. Am 9. April 1945 wurde Pastor Dietrich Bonhoeffer im KZ-Flossenbürg gehängt – einen Monat vor Kriegsende.

Rudolf Waldera (Komposition, Gitarre, Gesamtleitung), Werner Willems (Gesang, Trompete, Horn) sowie die Sprecherin Regina Waldera und der Sprecher Clemens Nicol gestalteten in der gut besuchten St. Josef Kirche ein würdiges und ausdrucksstarkes Gedenkkonzert für den Theologen und Schriftsteller.

Vertonung der Gedichte

Der Abend beginnt multimedial: Aus den Lautsprechern ertönt zunächst unbestimmtes Rauschen, aus dem sich ein gefühlvolles Hornsolo wie aus dem Nichts erhebt. Die Besetzung Horn/Trompete zusammen mit Gitarre ist ungewohnt, erweist sich jedoch als überraschend ausgewogen und wohlklingend. Werner Willems vollbringt das Kunststück, nicht nur makellos zu intonieren, sondern auch zwischen seinen Blasinstrumenten zu wechseln und zugleich Gesangspartien zwischen den Instrumentalsoli zu übernehmen. Seine Tenorstimme eignet sich ideal für die Vertonung der Gedichte, die Bonhoeffer in der Einsamkeit und Verlassenheit seiner Zelle verfasste.

Willems und Waldera verstehen es beeindruckend, die im Gedicht „Nächtliche Stimmen in Tegel“ angesprochenen Geräusche – die Schritte der Wachen, die Rufe und Schreie der Mitgefangenen – lebendig werden zu lassen. Gequält von Gewissensqualen, Schuldgefühlen und Isolation, erfährt Bonhoeffer zugleich die Barmherzigkeit seines schützenden Gottes, der auch in tiefster Finsternis spürbar bleibt und ihn nicht allein lässt.

Eindringlicher Ausdruck

Zwischen den vertonten Liedern rezitierten mit musikalischer Untermalung Regina Waldera und Clemens Nicol, Sprecher und Moderator beim Bayerischen Rundfunk, die Gedichte und Texte Bonhoeffers, allesamt 1944 in tiefster Finsternis geschrieben. Waldera und Nicol deklamierten klar und ohne theatralische Überzeichnung, dafür mit bewegend eindringlichem Ausdruck und offenkundiger Sympathie für Bonhoeffer. Eine deklamatorische Darbietung von höchster Präzision und Ausdruckskraft.

Kompositionen verstärken Ausdruck der Texte

Rudolf Waldera prägte den Abend mit seinen Kompositionen und seinem Spiel auf der Gitarre. Mal begleitete er die Texte mit einfachen Akkorden, mal verwendete er langsame Arpeggi, mal wechselte er zu ausdrucksstarken Blues- oder Jazz-Klängen, dann überraschte er mit rasantem Fingerpicking mit ostinatem Wechselbass im Stil amerikanischer Folksänger. Seine Kompositionen untermalten die ergreifenden Texte Bonhoeffers eindrucksvoll und verstärkten deren Wirkung – das ist ja der eigentliche Sinn und Zweck von Vertonung. Musik nahm die Stimmung der jeweiligen Textzeilen kongenial auf, ohne je eintönig, sentimental oder pathetisch zu wirken – ein echter Dialog zwischen Text und Musik auf Augenhöhe. Die Stunde verging wie im Flug.

„Wer bin ich?“

Auch der dramaturgische Spannungsbogen war gelungen gesetzt. Nach emotionalen Gedichten, die vornehmlich Einsamkeit und Trostlosigkeit der Zelle schildern, verlagerte sich die Auswahl zu reflektierenden theologischen Gedanken. Zunächst stand die Frage aus dem Gedicht „Wer bin ich“ im Raum, in dem Bonhoeffer Identität zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdzuschreibung thematisiert: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selber von mir weiß?“ Seine für ihn entscheidende, alle Zweifel überwindende Antwort lautet dann: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Sodann kommt die seit Hiob grundlegende Frage von Glück und Unglück, die anfangs kaum unterscheidbar nah beieinanderliegen und erst durch die Zeit auseinanderfallen, doch dann durch Treue zu Mensch und zu Gott überwunden werden.

Bonhoffer
Rudolf Waldera mit seinem Ensemble. Foto: Thomas Mandl

Als abschließender Höhepunkt erklang das bekannteste Gedicht Bonhoeffers: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, geschrieben wenige Monate vor seinem Tod in der Gestapozelle in Berlin-Tegel. Sogar in vielleicht auch nur dieser düsteren Lage gelingt ihm der paradoxe Schluss: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Rudolf Waldera orientierte sich hier an der bekannten Vertonung aus dem Kirchengesangbuch, sodass das Publikum mitsingen konnte.

Der eindrucksvolle Abend schloss, wie er begonnen hatte, mit einem meditierend-nachdenklichen Hornsolo. Rudolf Waldera und sein Ensemble entließen ihr Publikum erschüttert und nachdenklich, zugleich aber durch die versöhnende und tröstende Kraft der Musik auch beglückt und befreit. Großer Applaus.

Das Gedenkkonzert für Dietrich Bonhoeffer fand in der Reihe „St. Josef mit Leben füllen“ statt. Die nächste Veranstaltung gestalten am 20. Februar Elisabeth Eigler und Eva Rau.

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