Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht

Derblecken

Jaromir Konecny beim Derblecken. Foto: Klaus Bichelmayer

Derblecken bei acatech am Dienstag

Mit Scharfsinn, Witz und beißendem Spott las Fastenprediger Jaromir Konecny der Akademie für Technikwissenschaften acatech die Leviten. Genüsslich breitete er das Kauderwelsch der Techniksprache aus und fand dabei auch positive Aspekte in Coronazeiten.

Zum vierten Mal im Rahmen der Veranstaltungsreihe “acatech am Dienstag” war der Wissenschaftler, Schriftsteller, Kabarettist, Wissenschaftskabarettist, KI-Speaker und -dozent eingeladen. Ausgerechnet „der Tscheche“, wie er sich selbst nennt, stolperte über die deutsche Sprache in acatech-Schriften. Er ist zweifacher Vizemeister der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und hat über 150 Poetry Slams und Science Slams gewonnen.

Technophiles Einstellungssyndrom

Über die Schrift TechnikRadar habe er sich sehr gefreut, denn hier werde Technik klar jenseits jeder Pseudowissenschaft oder Verschwörungstheorie dargestellt. Allerdings mit Einschränkungen, denn Gentherapie heile eben nicht nur genetisch verursachte Krankheiten, sondern heile mit Genen, denn Gentherapie sei das Einfügen von Nukleinsäuren in Körperzellen eines Individuums. Beißenden Spott goss Jaromir Konecny über den Begriff „Technophiles Einstellungssyndrom“ aus und fragte: „Müssen wir alle zum Psychiater, wenn wir aufgeschlossen für Technik sind?“

Tagelang könne er sich an den acatech-Schriften ergötzen, meinte der Derblecker, so auch an dem „Ethik-Briefing – Leitfaden für eine verantwortungsvolle Entwicklung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz“ mit einem ellenlangen Untertitel, der ihn an die Bombastik des Sozialismus erinnere.

Schlimmer aber sei, wenn man schreibe, dass das Ziel der Publikation sei, Vertrauen als Basis für die Akzeptanz für KI-Systeme zu schaffen. Die nächsten Sätze aber nur so von Begriffen wie Schaden für Personen und Umwelt, unannehmbares Sicherheitsrisiko wimmle, ein „negatives Wortgewitter“. Vielleicht solle man doch erst einmal das Wort Künstliche Intelligenz erklären, denn Intelligenz sei eine ungenügende Übersetzung, intelligence könne auch Informationsverarbeitung bedeuten. Lustig machte sich Jaromir Konecny über die Kriterien des Ethic briefing: Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Schutz der Privatheit.

Rechte von Maschinen?

Aha, man mache sich Gedanken über die Rechte von Maschinen? Wolle man nicht eher den Menschen schützen? Und dann werde gar die Nachvollziehbarkeit verarbeiteter Daten gefordert. Der KI-Experte klärte auf: Bei KI gehe es um Modelle künstlicher neuronaler Netze. Und die würden heute schon im täglichen Leben eingesetzt, ob Saugroboter, Handy-Apps, PC-Spiele, Google Maps, Netflix oder sogar das Sortieren von Gurken, alles passiere mit dem Werkzeug KI. In den neuronalen Netzen gebe es abertausende von Zahlen, die keiner verstehe.

„Viele Probleme in der realen Welt sind komplex, wie Klimawandel, Wetter, Impfstoff oder Pandemie“, wurde der Derblecker ernst. Jetzt habe man Programme, die diese Probleme lösen könnten, weil sie anhand von Beispielen selbstlernende Systeme sind. Wie wolle man erfassen, wie die Ergebnisse zustande kommen? „Warum fordern wir von Systemen, was wir selbst nicht können?“

Anhand von KI-gestützten Übersetzungssystemen wies der Wissenschaftler nach, wie nützlich künstliche Intelligenz sein kann. Er habe Gedichte von Goethe ins Englische und das Ergenis wiederum ins Deutsche übersetzen lassen und sie fehlerlos zurückbekommen. „Google geht Goethe“ nannte er seine Recherche, die er auch bei der vhs Tegernsee vortrug.

Lesetipp: Google geht Goethe

Nur einmal wurde ein Wort verändert. Aus „Die Welt urteilt nach dem Scheine“ wurde „Die Welt urteilt nach dem Aussehen“, und das sei immer noch richtig. „Warum soll die Maschine uns erklären, wie sie es richtig macht? Statt der Floskel, es müsse nachvollziehbar sein, welche Daten verarbeitet werden, sollte besser getestet und kontrolliert werden.

Resilienz gestärkt

Am Ende von seinem Derblecken nahm sich Jaromir Konecny noch einmal die deutsche Sprache vor. In der Broschüre „Lebenslanges lernen fördern“ mit einem „barocken Untertitel“ habe er den schönen Begriff „komplexes Problemlösen“ gefunden. Klar, dass man dazu lebenslang lernen müsse, ätzte er. Viele Schriften beschäftigten sich auch mit dem Begriff der Resilienz. Das Lesen dieser Schriften sei eine intellektuelle Herausforderung, etwa, wenn der Begriff „Reduzierung physischer Interaktionen“ verwendet werde. Warum einfach machen, wenn es auch kompliziert gehe? Er jedenfalls sei beim Lesen von acatech-Schriften widerstandsfähig geworden.

Buchtipp: Kann Wissenschaft witzig? Wissenschaftskommunikation zwischen Kritik und Kabarett, Herausgeber: Marc-Denis Weitze, Wolfgang Chr. Goede, Wolfgang M. Heckl.

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