Über das Glück des Bleibens

Bleiben

Sitzen bleiben. Foto: Monika Ziegler

Der französische Mathematiker Blaise Pascal hat gesagt: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Daran musste ich denken, als ich die Gedanken des Philosophen Christoph Quarch zur „Schönheit des Bleibens“ las.

Er schreibt: „Wir sind ständig in Bewegung, reisen hierhin, reisen dorthin. Wieviel Lebenszeit verbringen wir im Auto, wieviel Stunden sitzen wir im Zug oder im Flugzeug! Und wenn wir nicht selbst leibhaftig in Bewegung sind, surfen wir im Internet und sind in virtuellen Welten unterwegs. Warum nur fällt es uns so schwer, an einem Ort zu bleiben? Woher nur dieser Widerstand dagegen, bei einer Sache – oder einem Menschen – zu verweilen? Warum nur diese Unrast?“

Gier nach Neuem

Der Fuldauer Philiosoph vermutet, dass der Grund in der Unzufriedenheit der Menschen liegt, „befeuert von der Gier nach Neuem“. Ständig laufe man einer neuen Glücksverheißung nach, anstatt da zu bleiben wo man ist.

Bleiben

Die Weite durch das Hoftor. Foto: Monika Ziegler

Er spricht mir aus dem Herzen. Seit 14 Jahren verbringe ich den Sommer auf meinem Hof im Waldviertel, es sind jeweils die sechs glücklichsten Wochen meines Lebens. Für viele Bekannte unverständlich, die die Weite suchen, neue Eindrücke, neue Erfahrungen. Wenn ich durch das geöffnete Hoftor schaue, dann ist mir das Weite genug. Erfahrungen mache ich jeden Tag, sehr unterschiedliche.

Bleiben

Christo en miniature: Verpackte Pfirsiche. Foto: Monika Ziegler

Einmal fressen die Wespen die Pfirsiche und ich muss jeden einzeln verpacken, 80 Stück. Dann müssen Brom-, Him- und Heidelbeeren geerntet und verarbeitet werden. Von den vielen Äpfeln gar nicht zu reden. Der Rasen gehört gemäht, die Gartenmöbel lasiert. In der Gemeinde muss ich meine wichtige kulturelle Arbeit bei der Kulturbrücke Frates melden, damit ich als Zweiwohnsitzinhabende das österreichische Wahlrecht bekommen.

Bleiben

Einer von vier voll hängender Apfelbäume. Foto: Monika Ziegler

Ich muss die Granittröge mit den Blumen gießen, je nach Tageszeit an einem der Sitzplätze meine Mahlzeit einnehmen, Katze Lilly füttern und die ins Haus gebrachten lebenden Mäuse mit dem Besen nach draußen befördern. Ich darf im Schatten der großen Lärchenbäume mittags lesen oder das kommende Spurwechselseminar vorbereiten und mich auf Gäste freuen.

Kartoffeln gegen Kuchen

Die Nachbarinnen machen kurz mit dem Traktor oder beim Kartoffeln hacken halt, wenn ich auftauche. Zum Ratschen haben sie wenig Zeit, aber ein kurzer Wortwechsel über Wetter, Ernte und ein Austausch von Naturalien ist immer drin. Ich bekomme Eier, Gemüse und Kartoffeln und revanchiere mich mit Obst, Marmelade und Kuchen. Da entsteht echte Beziehung. Wertschätzung für den anderen, seine Arbeit.

Das Bleiben im „Nachsommer“

Ich gestehe, dass ich jede Fahrt mit dem Auto, etwa zum Einkaufen, so lange vor mir herschiebe, bis der Kühlschrank komplett leer ist. Christoph Quarch schreibt, man könne sich vertraut machen mit dem, was da ist. Genau das ist es, sich vertraut machen, alles genau erfassen. Und da denke ich an das Buch von Adalbert Stifter „Nachsommer“, wo dieses sorgfältige genaue Erfassen von dem, was da ist, so wunderbar beschrieben ist.

Wurzeln brauche der Mensch, schreibt Christoph Quarch, einen Platz wo er zuhause ist, wo er geerdet ist. Ich habe diesen Platz gefunden und weiß, dass er für mich nur deshalb so existenziell wichtig ist, weil ich den anderen Teil des Lebens, die Bewegung, die Veränderung auch leben darf. Das Spannungsverhältnis zwischen beiden Welten, die Sehnsucht nach der jeweils anderen, das macht unser Leben aus.

Und so freue ich mich Mitte September auch wieder auf Bayern, auf den Landkreis Miesbach, wo wie immer viel Arbeit wartet, gestärkt durch das sechswöchige Bleiben in meinem geliebten Waldviertel.

Der Text von Christoph Quarch ist in der Zeitung für Geld und Geist „moneta“ Ausgabe #2-2017 erschienen. Am 28. Oktober ist Christoph Quarch zu seinem vierten Philosophischen Tag im Landkreis Miesbach zu Gast. Thema ist „Gier“. Anmeldungen und Informationen unter marctuegel@gmail.com

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