
Die Erotik des Schöpferischen
Heike Schaefer bei ihrer Schau im Jagerhaus Gmund. Foto: CS
Vernissage in Gmund
Kunstfans dürfen sich die Ausstellung „Mundus“ im Jagerhaus Gmund nicht entgehen lassen: Dort stellt die renommierte Münchner Bildhauerin Heike Schaefer ihre biomorphen Objekte aus – sie wirken als hätte die Natur selbst sie geschaffen.
Mitten im Raum liegt ein graues Objekt, das aussieht wie ein großer durchlöcherter Stein. Oder ein abgestorbenes, korallenartiges Gebilde. Kaum zu glauben, dass die Künstlerin Heike Schaefer aus München dieses Werk aus Wellpappe geschaffen hat. Mit Pigmenten, Gips und Epoxidharz hat sie es so bearbeitet, dass es am Ende aussieht wie ein Gestein – ein „Großer Asteroid“, der aus dem Weltraum gefallen ist. „Vor Jahren habe ich Wellpappe für mich entdeckt, mit der sich stabile Gebilde aufbauen lassen“, sagt sie bei der Vernissage im Künstlergespräch mit der Autorin Gisela M. Freisinger. Ihre Zellstruktur erinnere sie an Wachstumsprozesse in der Natur.
Heike Schaefer lernte Zeichnen bei Erich Lindenberg
Dass die 68-Jährige einmal solche Objekte schaffen würde, überrascht: Während ihres Grafik-Design-Studiums an der Fachhochschule München nahm sie einige Jahre Zeichenunterricht bei Erich Lindenberg, dem älteren Bruder des Rockstars Udo Lindenberg. „Er war ein strenger Lehrer, der mir beigebracht hat, genau hinzuschauen und Proportionen zu erkennen.“ Beim Aktzeichnen lernte sie, wie man Figuren vom Dreidimensionalen ins Zweidimensionale übersetzt. Eine wichtige Grundlage für ihr späteres Schaffen, betont die Künstlerin, die schon auf unzähligen Biennalen von Lucca bis Shenzhen ausgestellt, in Indien gearbeitet und einige Preise gewonnen hat.

„Großer Asteroid“ aus Wellpappe und Epoxidharz mit Gips und Pigmenten. Foto: CS
Dennoch wandte sie sich vom Zeichnerischen ab und studierte stattdessen Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Die freundschaftliche Verbindung zu Erich Lindenberg blieb. Nach seinem Tod 2006 schuf sie auf Bitte seiner Schwester sein Grabmal auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.
Heike Schaefers Liebe zu Verpackungsmaterialien
„Das war mir alles zu flach“, begründet Heike Schaefer ihre Abkehr vom Zeichnen und Malen. Sie hätte den Widerstand von Material gebraucht. Zunächst arbeitete sie mit Stein, aber auch das erfüllte sie nicht: „Mir hat es nicht gefallen, dass man da etwas wegnehmen muss und der Stein immer kleiner wird – ich wollte Dinge machen, die größer werden und wo man anbauen kann“, sagt sie.
Da entdeckte sie Draht, Papier, Stoffe und Schnüre für sich, mit denen sie anfing, Objekte zu kreieren. Die Faszination für diese Materialien stamme aus ihrer Kindheit: „Ich bin mit Stoffen aufgewachsen, meine Mutter war Schneiderin und mein Vater hatte einen kleinen Verlag, da hatte ich immer Papier und Wellpappe um mich herum“, erzählt sie.

„Submarine“ aus gehäkelter Hanfschnur mit Schellack und Spezialgips. Foto: CS
Sie begann, für ihre Arbeiten zu nähen und zu häkeln, aber eben auf eine Art und Weise, die nichts mit klassischer Handarbeit zu tun hat. „Ich bin gegen die Perfektion meiner Mutter nicht angekommen und wollte bewusst falsch und unorthodox arbeiten“, erzählt sie.
In der Schau sind viele kleine Objekte zu sehen, wie etwa „Submarine“ und „Strandgut“, die sie mit Hanf- und Baumwollschnur gehäkelt hat. Etwas, das man als Betrachter nur erkennt, wenn man es weiß. Denn danach bestreicht sie ihre Häkelobjekte mit Schellack und Spezialgips und härtet sie damit aus, so dass ein fast steinartiges bzw. keramikartiges Finish entsteht. Mit Pigmenten verleiht sie den Objekten zusätzlich noch diesen Look, der sie wie Fundstücke aus der Natur wirken lässt.
Heike Schaefer: Feuer ist eine verwandelnde Kraft
Nach dem gleichen Prinzip geht sie auch vor, wenn sie Stoff verwendet: Aus Baumwolljersey nähte sie etwa ihre Skulptur „Labyrinth“, ein komplexes, in sich verschlungenes Geflecht, das keine offenen Enden hat – eine Vervielfältigung des Möbiusbandes, ein Symbol der Unendlichkeit. Auch dieses Stoffgebilde hat die Künstlerin ausgehärtet – in diesem Fall mit Epoxidharz.

„Labyrinth“ aus genähtem Baumwolljersey, Epoxidharz und Acrylfarbe. Foto: CS
Eines der größten Werke der Gmunder Schau ist ihr „Phönix“, ein zwei Meter hohes, 1,55 Meter breites und 2,40 Meter tiefes Objekt, das aus Hanfschnur gestrickten und mit Rinderhautleim ausgehärteten Röhren besteht. Diese hat die Künstlerin pyramidenartig aufeinandergelegt und darauf ein aus Japanpapier gefertigtes, überdimensional großes Ei platziert. Eine Besonderheit, die sich bei genauerer Betrachtung zeigt: Die Enden der Röhren sind angekokelt. „Feuer ist zerstörerisch und im Falle des Phönix die verwandelnde Kraft, aus der etwas Neues entsteht“, erklärt Heike Schaefer.
Lesetipp: Nähe auf dem Prüfstand
Der Betrachter spürt die Intensität
Während des Künstlergesprächs mit Gisela M. Freisinger entsteht eine kleine Diskussion mit dem Publikum über die Rezeption des „Phönix“-Werks. „Meine Arbeiten sind oft ambivalent, man kann sie positiv oder negativ sehen, dramatisch oder friedlich“, sagt die Künstlerin amüsiert über die unterschiedlichen Sichtweisen. Sie selbst fokussiere sich auf das Schöpferische in ihrer Arbeit und nicht auf das Zerstörerische, das manche eventuell in ihren Arbeiten wahrnehmen könnten.

„Herz“ aus Wellpappe, Epoxidharz, Spezialgips und Erdpigmenten. Foto: CS
Auch wohne ihrem Werk eine gewisse Erotik inne, sagt Heike Schaefer. Aber auf ganz andere Weise, als man denke: „Neues erfinden, Kreativität und Lebendigkeit hat was mit Erotik zu tun“, betont sie. Kunst ohne Erotik sei langweilig, denn sie wolle nicht nur etwas herstellen oder produzieren: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Betrachter die Intensität spürt, mit der man an etwas arbeitet.“
Jedem gefalle zwar etwas anderes, aber diese Intensität könne der Betrachter spüren bzw. auf ihn übergehen. Als Motor für Kunst sieht sie tiefe Gefühle wie Ärger, Wut und Empörung. Dadurch entstünde eine Spannung, die rauswolle. Kunst sei für sie daher immer konstruktiv: „Sie verschafft Erleichterung“, betont sie mit einem Lächeln im Gesicht.