Zwischenraum mit August Zirner

August Zirner, Sven Faller und Philipp Stauber. Foto: MZ

Konzert auf Gut Sonnenhausen

Mit Musik und Texten erkundeten August Zirner, Philipp Stauber und Sven Faller vielschichtig den Zwischenraum und schenkten mit ihrer Suche dem Publikum in Gut Sonnenhausen einen unvergesslichen Abend voller Inspiration, selbst Zwischenräume zu erkunden.

Hausherr Georg Schweisfurth; Kulturpartner von KulturVision e.V.; durfte wieder einmal in seinem Biohotel nahe Glonn zu einem Konzert begrüßen. Kunst und Kultur seien ihm besonders wichtig, betonte er und forderte das zahlreiche Publikum auf, die ZERO-Ausstellung im Olaf Gulbransson Museum zu besuchen.

„Wo ist der Raum zwischen uns, zwischen mir und euch, zwischen Ton und Wort, Himmel und Erde, zwischen Hell und Dunkel, Ja und Nein, zwischen Flöte und Bass, zwischen Gitarre und Bass und zwischen Flöte und Gitarre“, fasste August Zirner am Ende des Abends zusammen.

Zwischenraum
Hausherr Georg Schweisfurth (r.) begrüßt die Gäste. Foto: MZ

Der Schauspieler und Musiker, bekannt aus vielen Filmen, aber auch Mitglied der Münchner Kammerspiele, ist schon zum zweiten Mal in Gut Sonnenhausen zu Gast. Kurz vor der Pandemie erzählte er gemeinsam mit Sven Faller am Bass mit Musik „Transatlantische Geschichten“. Der in den USA aufgewachsene Künstler verband seine Erzählkunst autobiografischen Inhalts mit seiner Improvisationskunst an der Querflöte.

Jetzt waren sie zu dritt auf der Suche nach dem Zwischenraum. Zu dem international bekannten Bassisten Sven Faller gesellte sich der fantastische Jazzgitarrist Philipp Stauber. Das Trio verstand es, Jazzstandards von Duke Ellington, Dave Brubeck, Nat King Cole oder Miles Davis, ebenso wie Beatles-Klassiker oder Chansons wie „Autumn Leaves“ ganz neu darzubieten.

August Zirner
Der Musiker August Zirner. Foto: MZ

Da erklingt ein Ton auf einem der Instrumente, variiert ein wenig hin zu einer Harmonie in einer abgestimmten Tonart, wird von dem zweiten Instrument aufgegriffen, wiederum variiert und führt dann letztendlich mit dem dritten Instrument zu der Melodie, die man kennt. Die Töne fliegen dabei hin und her, es ist ein konzentriertes Aufeinander hören, auch eine Zueinander blicken, und so entsteht im Moment eine einmalige Improvisation, unwiederholbar, für diesen Moment geschaffen.

Der Zwischenraum, das Intervall zwischen zwei Tönen oder aber die Fermate, der Ruhepunkt machen aus, was der Musiker in diesem Moment den Klängen hinzufügt. Und dieser Zwischenraum, so beschreibt es Christian Morgenstern in seinem humorvollen Gedicht „Der Lattenzaun“ ist mindesten genauso wichtig, wie die Latten, die den Zaun bilden.


Jazzgitarrist Philipp Stauber. Foto: MZ

Mit diesem ersten Text führt August Zirner in die tiefgründige Betrachtung des Themas mittels Worten ein und verbindet die Worte mit der Musik, denn es geht eben um die unhörbare Musik, ebenso wie der Lattenzaun ohne Zwischenräume dumm dasteht und der Musik ohne den Zwischenräumen das Geistige fehlt.

Morgenstern hat dies in seinem Gedicht aus den Galgenliedern kurz und treffend dargestellt: Der Architekt, der dem Lattenzaun die Zwischenräume raubte, baute daraus ein neues Haus, aber der Zaun blieb „grässlich und gemein“.

August Zirner
Das Trio erkundet den Zwischenraum. Foto: MZ

Eine gelungene Verbindung stellen die drei Künstler ebenso mit „Autumn Leaves“ und Rilkes berühmten Herbstgedicht her, wobei Sven Faller August Zirners Vortrag musikalisch untermalt.

Zu „Because“ von den Beatles, das bekanntlich aus der Mondscheinsonate Beethovens mit rückwärts gespielten Akkordfolgen entstand, gesellte August Zirner „Im Anfang“ von Else Lasker-Schüler, wo es so schön heißt:

Als die Welt noch Kind war
Und Gott noch junger Vater war

mit dem Ende:
Als ich noch Gottes Schlingel war!

August Zirner
August Zirner als Sprecher. Foto: MZ

Die Kunst August Zirners im Lesen der Texte bestand darin, dass er ganz zart und leise sprechen konnte, ganz zurückgenommen, etwa bei Rilkes „Einsamkeit“ und dann in die Vollen ging, wenn er Gershwins „It ain’t necessarly so“ als Rap darbot. Es kann, aber es muss nicht so sein, staccato er. War Jonas im Wal, schwamm Moses im Fluss, wurde Methusalem 900 Jahre alt? “Ich lese die Bibel und komme ins Grübeln“, rappte der Schauspieler, während seine Kollegen ihn musikalisch kongenial in seiner Suche nach dem Zwischenraum unterstützten.

Auch Sven Faller steuerte einen Text bei, einen autobiografischen, in dem es um seine Heimatstadt Bad Kreuznach und um die Erinnerung an den Vater geht, der sich als Versager gegenüber dem Großvater fühlte. Aber eigentlich geht es um den Zwischenraum Vater-Sohn, um das Fehlende zwischen ihnen, berührend und mit „Nature Boy“ von Nat King Cole abgeschlossen.

August Zirner
Sven Faller als Erzähler. Foto: MZ

Die schöne Geschichte des Glockentons Bam, der die Glockentönin Bim sucht, die sich aber dem Bum ergeben hat, dieses köstliche hintersinnige Morgenstern-Gedicht beendet der literarische Abend der Zwischenräume, der musikalische indes hält noch Leckerbissen von Herbie Hancock und Jethro Tull bereit, die den Zwischenraum von heute zu früher überbrücken.

Ein geistig-akustischer Abend der Sonderklasse.

Veranstaltungen auf Gut Sonnenhausen finden Sie auf der Webseite.

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