
Zuhören ≠ Zuhören
Anja Gild im Bunten Haus. Foto: Kerstin Brandes.
Vortrag in Miesbach
Unter dem Motto ‚Zu Gast im Bunten Haus‘ finden monatlich Veranstaltungen im Begegnungszentrum der evangelischen Apostelkirche in Miesbach statt. Im März hielt Anja Gild einen interaktiven Vortrag über die Kunst des Zuhörens, was zum Gelingen beiträgt und welche No-Gos vermieden werden sollten.
Storytelling ist Anja Gilds Metier – sei es für online-Medien, im Journalismus oder der Unternehmenskommunikation. Mit einem Studium der Germanistik, der deutschen und vergleichenden Volkskunde und der Zeitungswissenschaften als Basis, vermittelt sie die Kunst des guten Schreibens als Selbständige an Journalisten, Journalistinnen und Kommunikatoren. Kulturjournalistisch ist sie zudem bei KulturVision tätig. Diese Frau hat definitiv etwas mitzuteilen – und ist paradoxerweise als zertifizierte Zuhörerin im Zuhörraum am Stephansplatz in München anzutreffen.
Gehört werden
Zu Beginn ihres Vortags gab Anja Gild einen kurzen Einblick in das Projekt ‚Zuhörraum‘, das 2025 auch Station am Hotel Blyb in Gmund machte. Im Rahmen einer Studie der Universität Witten/Herdecke und unter Leitung von Prof. Tobias Esch entstand momo hört zu e.V. Der Name des Vereins bezieht sich auf Michael Endes Roman ‚Momo‘, in dem das Mädchen Momo die perfekte Zuhörerin ist.
Die Wirkung des Zuhörens zeigt sich in den unterschiedlichsten Bereichen. So vermittelt es beispielsweise Anerkennung und Empathie, kann den eigenen Horizont mit anderen Sichtweisen erweitern und im privaten sowie beruflichen Kontext sind eine Steigerung des Engagements und der Zufriedenheit möglich. Es ist in der Wissenschaft inzwischen unumstritten, dass ‚gehört zu werden‘ sogar für unsere Gesundheit essenziell ist. Unter anderem werden Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Demenz mit einer unzureichenden Kommunikation in Verbindung gebracht.

Zuhörraum am Stephansplatz in München. Foto: Anja Gild.
Wider die Einsamkeit
Vereinsamung ist keine Ausnahmeerscheinung und zieht sich durch alle Altersschichten. Das Zuhörprojekt hat sich das Ziel gesetzt, einen Ort zu schaffen, an dem Redenden auf Augenhöhe begegnet wird und sie ‚gehört werden‘. Dies beinhaltet, dass wertfrei und vorurteilslos zugehört wird – ohne Unterbrechungen, ohne Nachfragen aber mit Empathie und Konzentration. Anja Gild betonte dabei, dass der Zuhörraum kein therapeutischer Raum sei; es ginge nur darum, jemanden ein Ohr zu geben.
Äußere und innere Haltung
Anja Gild regte die BesucherInnen während ihres Vortags immer wieder durch direkte Fragen und kleine Übungen an, sich ihrer eigenen äußeren als auch inneren Haltung in Bezug auf das Zuhören klar zu werden. Sie erklärte, wie bereits unsere Körperhaltung eine Basis für gutes Zuhören bilde: Zugewandt, ohne verschränkte Arme und mit Augenkontakt. Jeder solle sich zudem fragen, ob er ein guter Zuhörer sei und bewusst machen, was seine Fähigkeit, dem anderen aufmerksam zuzuhören, einschränke.
Tabuzonen
Anja Gild ging auf die Tabus ein, die für den Zuhörer gelten. Dazu gehöre das Unterbrechen, Urteilen und Verurteilen, ferner die Unkonzentriertheit, Bagatellisierung und Interpretation seitens des Zuhörenden. Überdies solle es nicht durch Gesprächsnarzissmus, in Form von Selbstinszenierung und Mangel an Empathie, dem Redenden erschwert werden, sich zu öffnen.
Ein weiteres No-Go ist das häufig anzutreffende Phänomen der ‚shift-response‘. Es beschreibt ein Szenario, in dem der Zuhörende das Wort an sich reißt und damit den Focus auf sich lenkt, um – obwohl er es meist gut meint – von seinen ähnlichen eigenen Erfahrungen oder Situationen zu sprechen.

Interaktiver Vortrag mit Anja Gild im Bunten Haus. Foto: Kerstin Brandes.
Die Formen des Zuhörens
Die Unterscheidung zwischen aktivem, wirksamem und wertschätzendem Zuhören geht mit drei unterschiedlichen Zielen einher. Beim aktiven Zuhören ist das Verständnis das primäre Ziel. Mit Fragetechniken kann der Zuhörende dem Redenden helfen, sich zu hinterfragen, ohne ihm eine Lösung oder Sichtweise aufzudrängen. Dabei beschränkt sich die verbale Kommunikation des Zuhörers auf das Paraphrasieren und Nachfragen, um dem Sprechenden zu signalisieren, dass er inhaltlich als auch emotional verstanden wird. Ebenso vermitteln nonverbale Zeichen wie Augenkontakt und Nicken dem Redenden das Gefühl, verstanden zu werden und schaffen eine Vertrauensbasis, auf der er sich öffnen kann.
Beim wirksamen Zuhören geht man einen Schritt weiter. Die Fragen werden differenzierter und regen den Sprecher an, seine Gefühle, Sichtweisen, Ziele oder sein weiteres Vorgehen zu reflektieren und verbalisieren. Trotzdem soll das Wort beim Sprechenden bleiben und der Zuhörer keine Lösungen und eigene Interpretationen einbringen.
Die dritte Form des Zuhörens ist das wertschätzende Zuhören. Hier geht es um die Haltung gegenüber dem Sprechenden. Es soll eine Atmosphäre geschaffen werden, in der er sich in einer neutralen Situation öffnen kann. Der Zuhörer tritt ihm konzentriert, urteilsfrei und wohlwollend gegenüber und bietet somit einen Raum, in dem er sich angenommen fühlt. Das wertschätzende Zuhören wird beim ‚momo-Training‘ verwendet und verzichtet komplett auf Fragen.

Buchempfehlungen zu dem Thema von Anja Gild. Foto: Kerstin Brandes.
Raum geben
Ein aufmerksames Hinhören scheint in der heutigen Zeit besonders wichtig zu sein. Im großen Rauschen um uns herum geht oftmals das achtsame, empathische Zuhören unter. Desinformationen, Informationsüberflutung, Dauerablenkung und eine gefühlte permanente Gereiztheit nagen an der Fähigkeit, sich auf das Gegenüber einzulassen. Anja Gild betonte während ihres Vortrags, wie bedeutsam es sei, in eine innere zu Haltung gehen, sich zu konzentrieren und als Zuhörer dem Mitmenschen den Raum zu geben, um sich öffnen und mitteilen zu können. Anja Gild zitierte Viktor Frankl, Neurologe und Psychiater, mit dem Satz: „Wenn du den Raum zwischen Reiz und Reaktion betreten kannst, dann bedeutet das Freiheit.“ Er beschreibt damit den Moment des Innehaltens, in dem der Zuhörende nicht impulsiv auf das Gesagte reagiert, sondern sich die Freiheit nimmt, bewusst zu antworten – und in diesem Zeitfenster der Stille dem Redner wiederum Freiraum verschafft. Ein Zugewinn für den Zuhörenden UND den Sprechenden.

Programm des Bunten Hauses. Foto: Kerstin Brandes.
Donnerstag, den 23. April 2026, 19:00 Uhr: „Eingepackt und mitgenommen“. In ihrem Buch erzählt die gebürtige Oberbayerin Johanna Schmotz von ihrer Kindheit in Papua-Neuguinea.
Donnerstag, den 21. Mai 2026, 19:00 Uhr: „Mit dem Motorrad ans Nordcap“. Roland Lange nimmt das Publikum mit auf seine Reise.
Donnerstag, den 18. Juni 2026, 19:00 Uhr: „Ukraine in Bildern“. Der Dokumentarfotograf Florian Bachmeier teilt Bilder und Begegnungen.