
Sisis Familie. Herzoginnen und Herzöge in Bayern
Die Geschwister von Elisabeth Kaiserin von Österreich auf der Veranda des Schlosses Possenhofen. Von links nach rechts: Sophie Charlotte, Max Emanuel (Maperl), Carl Theodor (Gackel), Helene (Nené), Ludwig Wilhelm (Louis), Mathilde (Spatz) und Marie Sophie, Ölgemälde von Fritz Steinmetz-Noris (1892) nach Joseph Stieler, 1853. Foto: Allitera Verlag
Neuerscheinung – Buchtipp von KulturVision
So heißt das kürzlich im Allitera Verlag erschienene Buch von Bernhard Graf. Wer immer schon möglichst alles über die Dynastien Wittelsbach und Habsburg wissen wollte, dem sei dieses umfangreiche, akribisch recherchierte Werk wärmstens empfohlen. Hier tut sich ein wahres Schmuckkästchen von Geschichte und Geschichten auf, von Familienbeziehungen, politischen und gesellschaftlichen Verflechtungen und Verfehlungen, spannend und humorvoll, aufschlussreich und detailliert geschrieben.
Bernhard Graf gelingt es in seinem jüngsten, aufwendig bebilderten und informativen Werk mühelos Leser und Leserinnen mitzunehmen in die schillernde, keinesfalls oberflächliche Welt des Adels. Er lässt sie tief eintauchen in die menschlichen und privaten Schicksale und das politische, auch Landesgrenzen übergreifende Machtgefüge mit weitreichenden bis in die Gegenwart sichtbaren Auswirkungen.
Gut 400 Seiten bayerische, deutsche, österreichische, europäische Geschichte
In 18 Kapitel unterteilt der Autor sein Buch und porträtiert Leben, Schicksale, Zeitgeschehen und Phänomene vom 18. Jahrhundert bis heute höchst eindrucksvoll mit vielen Zitaten, Texten aus unterschiedlichsten Briefen und Dokumenten, familiären, geschichtlichen und politischen Verbindungen und Zusammenhängen. Kulturelle Gemeinsamkeiten sowie Heirats- und Vorsorgepolitik kommen ebenso präzise zur Sprache wie Privates, Intimes und Skurriles. Bernhard Graf lässt die Lesenden teilhaben an Eifersüchteleien, Streitereien oder menschlichen Abgründen innerhalb des Familienverbunds, an der Freude und der Förderung von Kultur und Wissenschaft, dem höfischen Leben im Wandel der Zeit, dem politischen und kriegerischen Gebaren, dem Hoffen und Sehnen von Generationen. Der Autor versteht es, wichtige und gesellschaftlich einschneidende Geschehnisse gleichsam mit Witz und Leichtigkeit darzustellen und seinen Protagonisten Leben einzuhauchen.
Vom Pfalzgrafen zum Herzog in Bayern
So ist das 1. Kapitel von den Anfängen der Wittelsbacher überschrieben. Am 10.11.1752 beginnt die Geschichte der Stammfamilie von Kaiserin Elisabeth von Österreich, genannt Sisi, als ihr Urgroßvater Wilhelm im heutigen hessischen Gelnhausen geboren wurde. Ein langer Weg war es, nachdem er der erste Herzog in Bayern geworden war, bis seine Nachfahren zu königlichen Hoheiten und Majestäten aufstiegen. Präzise zeichnet Bernhard Graf die Beziehungen des Fürstenhauses zu Gelnhausen nach. Geschickt verbindet er persönliche Lebensumstände mit weitreichenden dynastischen Verbindungen der Familienzweige. Er zeigt ein damals übliches Sitten- und Familienverhalten auf, bei dem der „vierjährige Prinz Wilhelm und die dreijährige Prinzessin Maria Anna“ einander versprochen wurden. Es sollte dann aber mehr als 20 Jahre dauern, bis die beiden verheiratet wurden.
Reich bebildert mit alten Stichen, zeitgenössischen Gemälden, Stadt- und Landschaftsbildern entsteht eine lebendige Vorstellung vom Leben der damaligen Zeit.
Zu lesen ist vom höfischen Leben des jungen Wilhelm in Mannheim mit „Karnevalstreiben“, einem munteren und kurzweiligen Jahreslauf mit Vergnügungen, Veranstaltungen, Lernen und Vorbereitungen auf zukünftige Aufgaben bis hin zur Hochzeit 1780 mit Maria Anna in Landshut und den ersten Ehejahren in der dortigen Stadtresidenz.
Von Herzog Max bis Sisi
Viel Raum findet Wilhelms Enkel Herzog Maximilian von Bayern. Nach einem Bündnis mit Frankreich wird Max I. Joseph an Neujahr 1806 erster König von Bayern. Er holt 1817 seinen 12jährigen Großneffen Maximilian nach München und lässt ihn hier standesgemäß unterrichten. Dieser verbringt seine Zeit gern in der Residenz München, in Nymphenburg und am Tegernsee. Eifrig schreibt er sich mit seiner gleichaltrigen Cousine Ludovika. Zu seinem Vetter, der 1825 seinem Vater Maximilian als König Ludwig I. nachfolgt, hat er kein gutes Verhältnis. Dennoch lässt sich Max 1828 von Ludwigs Hofmaler Joseph Stieler kurz vor der Hochzeit mit Ludovika am Tegernsee malen. Hier gelingt Bernhard Graf ein eindrückliches Stimmungsbild dieser Zeremonie in der Schlosskirche, die alles andere als eine Liebesheirat war. Hat es Affären des jungen Herzogs mit Bürgerlichen gegeben? Man munkelt von illegitimen Kindern.

Der neun Jahre alte Carl Theodor offenbart seiner elfjährigen Schwester Elisabeth sein großes Interesse für Schmetterlinge und die Natur, Miniatur von Bodo Winsel, 1848. Foto: Allitera Verlag
Die Ehe ist eine gute Zweckgemeinschaft und bestätigt somit die Heiratspolitik der Wittelsbacher. Bald schon zieht das Paar in sein prachtvolles, feudales Stadtpalais in München. Glanzvolle Einladungen, umjubelte Veranstaltungen und exklusive Bälle richtet der großzügige Gastgeber aus. Sogar ein prächtiges Hippodrom nennt der Herzog sein Eigen. Besonders lesenswert ist dieses Kapitel aus Sicht von Literatur und Schauspiel. Denn Max betätigt sich auch durchaus erfolgreich als Literat und Dramatiker.
1834 schließlich kauft Herzog Max das Schloss Possenhofen am Starnberger See. Es wird als eher einfach und wenig pompös beschrieben. Doch die Familie liebt ihre Sommerresidenz „Possi“ und Ludovika lässt sie neben Tegernsee sogar auf ihrem Fächer verewigen.
An Weihnachten 1837 wird das „Christkind“ Elisabeth, genannt Lisi oder Sisi, im Münchner Herzog-Max-Palais geboren. Den frischgebackenen Vater zieht es schon Anfang Januar auf eine Erkundungsreise nach Griechenland und in den Orient.
Immer wieder Sisi
Sie ist bestens bekannt und allgegenwärtig aus Film, Funk, Fernsehen, Musical, aus Fotos, Büchern etc. Mit 16 verheiratet, war Sisi noch halbes Kind und musste sich schnell in die strenge Etikette am Wiener Kaiserhof einleben. War sie glamourös, herzig, schüchtern, verletzlich, rastlos mit tiefen Sehnsüchten und Wünschen? Haben wir ein künstlich vorgefertigtes Bild oder auch nur eine Ahnung, wie sie wirklich war, die schöne, schillernde Kaiserin Elisabeth von Österreich? Bei Bernhard Graf erscheint ihr Leben auf all ihren Stationen in einem neuen Licht, menschlich, privat, persönlich. Mit Eltern, Geschwistern, Verwandten hielt sie regen Briefkontakt.

Amelie und Wilhelm, Herzogspaar von Urach, mit ihren Kindern, Fotografie, 1912. Repro: Allitera Verlag
Ihrem Ehemann und der Familie war sie tief verbunden. Sie litt entsetzlich unter ihrem schweren Schicksalsschlag, dem Tod ihres Sohnes Rudolf im Jagdschloss Mayerling 1889. Todessehnsucht entwickelte sie, wie Herzog Max Emanuel in Bayern in seinem Grußwort schreibt. Am 25. September 1898 starb Elisabeth in Genf unter tragischen Umständen. Vieles wissen wir oder können es vermuten, aber dieses Buch öffnet den Blick auf den Menschen Sisi.
Sisis familie: Weit verzweigte Familienbande
Großen Wert legt der Autor auf die Würdigung aller Familienmitglieder mit ihren persönlichen Befindlichkeiten und Beziehungen zueinander. Dabei zitiert er ausführlich aus Briefen und Dokumenten. Einzelheiten der beruflichen Arbeit von Herzog Carl Theodor, der als hoch angesehener Augenarzt in München, Tegernsee und Meran wirkte, zeigen die Liebe zu Detail und Kenntnis jeder der genannten Persönlichkeiten. Lebendig berichtet Bernhard Graf von der europaweit verzweigten Familie. Dabei geht es immer um den Menschen, der dahintersteht: ob er etwa Herzog Luitpold Emanuel beschreibt, der sich in der Tradition von König Ludwig II. sieht und 1914 Schloss Ringberg hoch über dem Tegernsee erbauen lässt, seinem Cousin Herzog Ludwig Wilhelm, der in Wildbad Kreuth seiner Heimatliebe frönt, ob er von dessen Schwester Königin Elisabeth Gabriele von Belgien und dem Geigenspiel als ihrer großen Leidenschaft erzählt oder von den schlimmen Zeiten der Verfolgung und Internierung der herzoglichen Familie in deutsche Konzentrationslager berichtet.

Dr. Bernhard Graf. Foto: privat
„Begegnungen mit einer neuen alten Welt“ nennt Bernhard Graf das letzte Kapitel, in dem er von der Nachkriegszeit bis heute berichtet. Nicht alle Überlebende haben es gleich gut getroffen. Elisabeth Gabriele hatte das Glück, wieder nach Belgien zurückkehren zu können, sich der Kunst und dem Reisen in ferne Länder hinzugeben. Neben Besuchen im Nahen Osten war sie auch in Peking, wo sie mit 86 Jahren Mao Tse Tung traf. Ludwig Wilhelm hielt sich lieber auf „der Schanz“ in Wildbad Kreuth auf und unterstützte den Volksliedersammler Kiem Pauli. Nach dem Tod seiner Gattin Eleonore Anna 1965 adoptierte der kinderlose Herzog seinen Großneffen Max Emanuel, der als Herzog Max in Bayern mit seiner Familie das Wittelsbacher Erbe am Tegernsee weiterführt.

Buchcover. Foto: Allitera Verlag
Zum Weiterlesen: Die beste Bergsteigerin ihres Jahrhunderts