Margot Friedländer

Seid Menschen!

Margot Friedländer. Eine Stimme für das Leben. Foto: mi

Buchtipp von KulturVision

Die Neujahresbotschaft von KulturVision: Margot Friedländer — Überlebende des Holocaust, die ins Land der Täter zurückkehrte, um zu versöhnen und zu mahnen. Eine Hommage an eine Jahrhundertfrau. Wir wünschen unseren Leserinnen und Lesern alles Gute für das neuen Jahr.

Allein das Vorwort von Igor Levit: Es ist einer der schönsten, berührendsten und zugleich eindringlichsten Texte, den ich seit langem gelesen habe. Ein „Wunder von Mensch“ sei sie, mit einem Leben größer als Universen: Margot Friedländer.

Das kürzlich im Elisabeth Sandmann Verlag herausgegebene Buch „Eine Stimme für das Leben“ ist eine Hommage an Margot Friedländer – und gleichzeitig deren Vermächtnis. Es beinhaltet Texte von ihr — Rückblicke, Reflexionen, persönliche Lebensphilosophien — und es ist reich bebildert mit eindrucksvollen schwarz-weiß-Fotografien von Markus C. Hurek, Politikchef des Nachrichtenmagazins Focus. Franziska Reich, Chefredakteurin des Focus, zeichnet auf der Basis eines Interviews mit Margot Friedländer deren Leben nach, und Igor Levit ist der Autor des Vorworts. Buchgestaltung und Typografie sind, in zarten Lilatönen, wunderschön und aufwändig gemacht.

„Versuche, dein Leben zu machen.“

Margot Bendheim, das „Wunder von Mensch“ hat den Holocaust überlebt. Sie war einundzwanzig Jahre alt, als ihr vier Jahre jüngerer Bruder, allein in der Wohnung, von der Gestapo abgeholt wurde. Die Mutter stellte sich daraufhin der Polizei, um bei ihrem Sohn zu sein. Vorher steckte sie den Nachbarn noch eine Handtasche mit Adressbuch und einer Bernsteinkette zu — mit der folgenden Botschaft an ihre Tochter: „Versuche, dein Leben zu machen.“ Fortan lebte Margot in unterschiedlichen Verstecken, bis sie verraten, aufgegriffen und nach Theresienstadt deportiert wurde.

Margot Friedländer
Adressbuch und Bernsteinkette der Mutter. Foto: mi mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Margot überlebte und ging mit Adolf Friedländer, den sie im Getto kennengelernt hatte und den sie heiratete, 1946 nach New York. Dort arbeitete sie (die eigentlich Modezeichnerin werden wollte) als Änderungsschneiderin und Reiseagentin. Erst nach dem Tod ihres Mannes begann sie zu schreiben. Sie schrieb ihre Biografie und besuchte — mehrfach — ihre ehemalige Heimatstadt Berlin.

Rückkehr nach Deutschland

Im Jahr 2010 beschloss Margot Friedländer, nach Deutschland zurückzukehren. Ins Land der Täter. Mit 88 Jahren. Sie zog nach Berlin und fing an, in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen über ihr Leben zu berichten. „Ich bin zurückgekommen, um mit euch zu sprechen“, sagte sie. „Euch die Hand zu reichen. Und euch zu bitten, die Zeitzeugen zu sein, die wir nicht mehr lange sein können.“ Sie tat das unablässig, mit der simplen Botschaft „Seid Menschen“. Sie „verschenkte sich“, so nennt es Igor Levit. „Sie, die so viel Finsteres und Unmenschliches erlebt hatte, kehrte zurück – und verschenkte sich. Mit jedem Auftritt, mit jeder Geste, jedem Wort, mit ihrer Anwesenheit.“

Margot Friedländer
Rückkehr nach Deutschland. Foto: mi mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Igor Levit hatte Margot Friedländer vor einigen Jahren kennengelernt und war seitdem mit ihr befreundet. Bei ihrem Kennenlernen hatte er sie spontan zu seinem bevorstehenden Konzert in der Philharmonie eingeladen. Da käme sie gerne, hatte Margot gesagt, und hinzugefügt: „Jetzt müssen Sie aber auch üben!“ Der Charme und der Humor dieser unglaublichen Frau sind auch in den Fotos von Markus Hurek zu finden. Ebenso die Eindringlichkeit, Verletzlichkeit und — ja, zuweilen auch Enttäuschtheit in ihrem Gesicht.

„Jetzt sind wir dran“


Igor Levit nach einem Konzert mit Margot Friedländer. Foto: mi mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Margot Friedländers wichtigster Satz, so schreibt Igor Levit, hatte zwölf Buchstaben: Seid Menschen! Es war eine Mahnung – verbunden mit der Bitte, wachsam zu bleiben. „Damit“, so die Holocaust-Überlebende, „nie wieder geschieht, was geschehen ist: dass Menschen andere Menschen umgebracht haben, weil sie sie nicht akzeptiert haben.“

Margot Friedländer starb, im Alter von 103 Jahren, zwei Tage nach einem Auftritt im Roten Rathaus in Berlin anlässlich einer Gedenkstunde zur Erinnerung an das Kriegsende vor 80 Jahren. Sie starb in der Gewissheit, dass die Worte ihrer Mutter in Erfüllung gegangen sind: „Ich glaube, ich habe mein Leben gemacht.“

„Jetzt sind wir dran“, sagt Igor Levit und stellt sich und uns allen die Frage, ob wir das wohl können. „Das wird sich zeigen“, lautet seine ebenso lakonische wie besorgte Antwort.

Margot Friedländer. Eine Stimme für das Leben. ELISABETH SANDMANN VERLAG. Oktober 2025, 127 Seiten, 20 Euro.

Zum Weiterlesen: Ein bewegendes Leben

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