Die weiteren Aussichten

obert Seethaler "Die weiteren Aussichten" ist 2008 erschienen.

Jetzt ist Lesezeit – ein Buchtipp fürs Sofa – von Autor Robert Seethaler. Foto: IW

Buchrezension

Jetzt haben wir wieder Zeit. Viel Zeit. Statt abends ins Kino, Theater oder Restaurant, Fitnessstudio oder zum Stammtisch zu gehen lesen wir. Wir telefonieren mit Freunden, die wir nicht treffen können, wir tauschen uns über Bücher aus. Das wird so bleiben bis Ende Dezember, soviel scheint sicher. Vielleicht auch darüber hinaus, wer weiß schon genau, wie die weiteren Aussichten aussehen?

Ich weiß es. Kurz vor dem Lockdown war ich in der Stadtbücherei. Per Zufall fiel mir dieses Buch in die Hand: „Die weiteren Aussichten“ von Robert Seethaler. Kein neues Buch, das ist das Schöne an Büchereien: Man stöbert und findet Bücher, die man noch nicht kennt, weil man den Autor erst später entdeckt hat und doch meist die Neuerscheinungen kauft.

Wenn Sie sich erinnern mögen: Der Trafikant, spektakulär verfilmt, unter anderem mit dem großartigen Bruno Ganz in seiner letzten Rolle. Sogar Schauspielurgestein Erni Mangold hatte einen Auftritt – schrill wie eh und je, unverwüstbar wie Unkraut mit ihren 93 Lebensjahren. Das macht das Radon im Waldviertler Gestein, das macht auch gegen Corona immun, mag man glauben angesichts dieser schieren Energie und der Frechheit, der Dreistigkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen, vom Alter nicht und von Corona nicht.

Liebenswerte Protagonisten

Aber ich schweife. Wo war ich gewesen? Ach ja, die weiteren Aussichten. Was Robert Seethaler vermag ist, uns ein paar Figuren hinzuwerfen, die einsamer, hilfloser, widerständiger, schräger und liebenswerter kaum sein können: „Ein sehr langer Mensch mit rudernden Gliedmaßen, ein sehr fester Mensch mit einem Marmeladenglas in der Hand und ein sehr kleiner, auf und ab hüpfender Mensch in einem Krankenhauskittel“. Die drei Menschen sind Herbert Szevko, seine resolute Mutter, mit der gemeinsam er eine kleine Tankstelle im Nirgendwo führt, und Hilde, eine lebenslustige junge Putzfrau, die beider Leben durcheinanderwirbelt. Im Marmeladenglas: Georg, der Zierfisch, der die Geschichte stumm durchs Glas verfolgt. Eine Geschichte, die zu einem abenteuerlichen Roadmovie durch eine Provinzleere wird, die einsamer und öder nicht sein kann.

Georg reist im Marmeladenglas
Immer dabei: Zierfisch Georg. Foto: pixabay

Seethaler beschreibt Orte, die es kaum geben mag und Gestalten, denen man durchs Leben helfen möchte. Aber siehe da, sie helfen sich selbst. Irgendwie. Mehr schlecht als recht. Mit einigen Kollateralschäden. Mit einer Naivität, die man Erwachsenen schlichtweg nicht zutraut, und mit leuchtenden Herzen. Zuerst steigt Nichtschwimmer Herbert trotz Epilepsie und nur mit Unterhose bekleidet im Schwimmbad aufs Fünfmeterbrett, um sich hineinzustürzen in einen Wirbel von Ereignissen, die man kaum mit ansehen kann, außer vielleicht durch die Finger blitzend, mit denen man sich die Augen zuhält.

Aussicht auf ein Happy End?

Was unmöglich noch schiefer gehen kann in diesem Abenteuer, das die drei Pechvögel miteinander verbindet, geht trotzdem noch viel schiefer. Auch das ist eine Art Resonanz. Und sie hat Stil bei Seethaler, eine wunderschöne Sprache und einen Erzählfluss mit Sogwirkung. Der Autor mutet seinen Helden einiges zu, sodass die Leser mit ihnen an die Schmerzgrenze gehen. Er wechselt munter die Erzählperspektive und lässt seine Protagonisten über Tage in der glühenden Ödnis ohne Essen auskommen, und die Geschichte funktioniert trotzdem brillant. Und schlussendlich endet sie… wie, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Egal, wie aussichtslos die Aussichten auch aussehen. Es geht immer weiter. Das Leben ist kein Ponyhof und ein paar Abstriche muss man schon machen. Oder doch nicht? Und am Ende siegt immer: die Liebe.

„Die weiteren Aussichten“ von Robert Seethaler ist 2008 beim Schweizer Kein & Aber Pocket Verlag erschienen.

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