
Queerer Klassiker in Miesbach
Köstliche Szenen, spritzige Dialoge, schrille Details, ein Ensemble in Bestform – und das alles mit Leidenschaft realisiert: Der Jungen Bühne Miesbach ist mit „Ein Käfig voller Narren“ (Autor: Jean Poiret) unter Leitung von Regina Weber-Toepel ein neuer Geniestreich gelungen. Foto: Hartmut Wolf
Theater in Miesbach
Mit ihrer neuen Aufführung gelang der Jungen Bühne Miesbach ein weiteres Highlight ihres Schaffens: „Ein Käfig voller Narren“ von Jean Poiret ist eine brillante Aufführung, wahnsinnig komisch und vor allem perfekt. Hier stimmt einfach alles – das Tempo, die Bühne, die Kostüme. Aber vor allem läuft das Ensemble zur Hochform auf und bietet hin- und mitreißende Komödie auf hohem Niveau.
Klassiker von Jean Poiret
In diesem Jahr hat sich die Junge Bühne Miesbach an ein Stück gewagt, das auf der Bühne vor allem dann klappt, wenn man alles richtig macht. Und das ist nicht einfach. Denn „La Cage aux folles“ – bei uns bekannt als „Käfig voller Narren“ – gilt als erstes Stück der LGBTQIA+-Bewegung. Das Stück von Jean Poiret, 1973 erstmals aufgeführt, basiert auf dem Leben von Michou, der als homosexueller Theaterkünstler Anfang der 1960er-Jahre ein Travestie-Cabaret in Montmartre leitete. „La Cage aux folles“, die Geschichte rund um das schwule Paar Georges und Albain, das in St. Tropez einen Nightclub betreibt, lockte weltweit Millionen von Zuschauern in die Theater- und Kinosäle: Die Verfilmung mit dem französisch-italienischen Schauspieler-Duo Ugo Tognazzi und Michel Serrault aus dem Jahr 1978 ist Kult.

Natürlich darf die legendäre Szene um den griechischen Mädchen-Teller auch in der Miesbacher Aufführung nicht fehlen. Foto: Hartmut Wolf
Entsprechend braucht es Mut und Fingerspitzengefühl, um die Balance zu halten zwischen Komik und Würde, wenn sich auf der Bühne Jean Poirets irrwitzig-komische Geschichte um eine geplante Hochzeit entspinnt: Laurent, der Sohn von Georges und Albain, will heiraten. Und die Auserwählte ist ausgerechnet Muriel, die Tochter eines erzkonservativen Politikers und seiner ehrgeizigen Frau.

Um sie geht es: Die junge Braut Muriel Dieulafol (Sonja Fischbacher, links) mit Mutter Camille (Ute Bauer), die von den Heiratsplänen ihrer Tochter nicht begeistert ist. Foto: Hartmut Wolf
Herausforderung angenommen!
„Wir haben uns für 2026 ‚Ein Käfig voller Narren‘ ausgesucht. Da liegt die Latte hoch“, sagte Regina Weber-Toepel bei einem Gespräch im Januar. Doch die erfahrene Regisseurin – Kulturpreisträgerin der Stadt Miesbach 2023 – stellte sich der Herausforderung mit dem Team der Neuen Bühne Miesbach, die sie mitgegründet hat und die sie seit Anfang der 1990er-Jahre leitet. Nun feierte das Stück von Poiret Premiere im Stammhaus, der Bühne im Bräuwirtsaal, der bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Schon wenige Minuten nachdem sich der Vorhang gehoben hatte, war klar, dass sich hier ein sensationeller Erfolg anbahnte. Kaum hatte Roman Postel als Nightclub-Besitzer Georges – in Pailletten-Jacket und roten Lackschuhen voll in seinem schauspielerischen Element – die ersten Worte gesprochen, da sprang schon der Funke zum Publikum über.

Ob Helmut Enzinger im zarten blauen Abendkleid oder im quietschrosafarbenen Schlafanzug auf der Bühne steht, er ist der Mittelpunkt jeder Szene, spielt mit Feuer und Witz, umwerfender Mimik und Gestik und setzt seine Texte einfach brillant um. Foto: Hartmut Wolf
Pure Freude
Postel schaffte es von Anfang an, den richtigen Ton zu treffen, nahm das Publikum sofort mit in seinen Alltag im schicken, aber nicht ganz jugendfrei eingerichteten Apartment, das er mit Albain bewohnt. Hier steht Georges vor der allabendlichen Aufgabe, seinen langjährigen Partner Albain zum Auftritt zu bewegen. Und dieser Albain, der Geliebte und Star der gemeinsamen Travestieshow, wird von Helmut Enzinger so wunderbar verkörpert, dass es die pure Freude ist.
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Wer hätte es gedacht: Der jugendliche Besucher entpuppt sich als leiblicher Sohn von Georges; Michael Probst (links) als Laurent. Foto: Hartmut Wolf
Diese Kinder
Nachdem es Georges schließlich geschafft hat, Albain auf die Bühne zu schicken, erscheint ein schicker junger Mann: Es ist Laurent, der 22-jährige ist eben von einer Reise zurückgekehrt und eröffnet dem überraschten Vater Georges, dass er nicht nur heiraten möchte, sondern die zukünftigen Schwiegereltern bereits zu einem Besuch eingeladen hat. Die größte Schwierigkeit: Albain.
Gesucht: wahre Männlichkeit
Hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu Albain und der Liebe zu seinem Sohn beschießt Georges, Albain zu einem Urlaub zu überreden. Ein Manöver, das Albain durchschaut. Zutiefst verletzt, weigert er sich entschieden, sein zu Hause zu verlassen. Stattdessen will er sich als Laurents Onkel ausgeben, was Georges zu einem Grundkurs in männlichem Verhalten animiert. Mit den daraus resultierenden Szenen erreicht das Stück einen ersten komödiantischen Höhepunkt. Es ist nicht nur Slapstick vom Feinsten, wenn Albain auf John Wayne-Art durchs Zimmer geht oder wenn er einen Toast besonders „männlich“ mit Butter bestreicht.

Hier darf gelacht werden, denn die Lektion – was gilt in unserer Gesellschaft als männlich, was als weiblich? – kommt in jedem Fall an. Foto: Hartmut Wolf
So gekonnt spielt das Stück in dieser Phase mit den typischen Geschlechterrollen, dass es ein wahres Vergnügen ist, Benedikt Bernöcker als Jacques zu erleben. Der fantasievolle Junge mit der Liebe zu Schleifen und Rüschen bereichert den Haushalt von Albain und Georges nicht nur als Koch. Er würzt auch das Familienleben mit Späßen und Frivolitäten. Als Gegenentwurf zu Jaques ist die Rolle des Clubmanagers angelegt. Simon Zirngibl, alias Mr. Tabaro, überzeugt hier mit einem unvergesslich virilen Auftritt als Macho und Metzger.

Mr. Tabarot (Simon Zirngibl, zweiter von rechts) und Jacques (Benedikt Bernöcker) machen sich über Albains schwierige Lage lustig. Foto: Hartmut Wolf
Zusammenstoß vorprogrammiert
Indessen bahnt sich der Besuch von Familie Dieulafoi an. Vater Eduard (Wolfgang Wastlhuber), Vorsitzender einer erzkonservativen Partei, wird tatkräftig von seiner Frau Camille unterstützt. Und diese ist nicht sonderlich erfreut, dass ihre Tochter Muriel ausgerechnet Laurent heiraten will. Sie willigt jedoch ein, seine Eltern kennenzulernen.
Während in St. Tropez die Vorbereitungen für den Besuch laufen, hat Laurent seine leibliche Mutter auf den Plan gerufen: Simone Serrault, ein ehemaliges Revuegirl der Folie Bergers, lebt seit Jahren als Präsidentengattin irgendwo in Afrika. Sie erklärt sich bereit, nach St. Tropez zu reisen, um sich Familie Dieulafoi als Laurents liebende Mutter zu präsentieren.

Zu guter Letzt fliegt alles auf. Die gegensätzlichen Welten und die unterschiedlichen Charaktere stoßen kräftig aufeinander – all das lustvoll und mitreißend inszeniert. Foto: Hartmut Wolf
Konfusion total
Für Georges, Albain und Laurent scheinen sich alle Aufregungen gelohnt zu haben. Das Apartment gleicht einem Büro, als Familie Dieulafoie erscheint. Doch schnell gerät alles aus dem Ruder: Albain springt in unglaublicher Verkleidung als Mutter ein, die richtige Mutter gibt die Hausangestellte, Jaques stört die vermeintliche Idylle so gut er kann, und schließlich durchschaut Camille die ganze Scharade.

Und doch gehen Georges und Albain als Sieger aus den Wirrungen hervor. Sie bekennen sich zu Ihrer Liebe und stehen füreinander ein. Foto: Hartmut Wolf
Das große Finale
Das Feuerwerk von schnellen Dialogen und urkomischen Momenten, das Stückeschreiber Jean Poiret zündete, wurde praktisch im Original belassen, aber modernisiert. Es schafft einen offenen Raum für Themen rund ums Muttersein, das Funktionieren von Partnerschaften, die Geschlechterrollen in einer Beziehung und vieles mehr. In erster Linie aber macht es einfach Spaß zu erleben, wie hier die Spitzen hin und her sausen und wie nach Herzenslust gezickt und geboxt wird – natürlich nur verbal!

Mit Mercedes ist zu rechnen: Der im Zivilleben bärtige Schauspieler zeigt im hautengen Paillettenkleid und schicken Pumps, wie viel Spaß Mann an Verkleidung haben kann. Foto: Hartmut Wolf
Aus Freude am Spiel
Obwohl das ganze Ensemble sichtlich mit Freude und Hingabe im Stück agiert, ist es eine besondere Sache, Thomas Mayer als Mercedes zu erleben. Die Rolle des ehrgeizigen Revuegirls Mercedes ist aber mehr als ein witziger Einfall des Autors: Hier hat Jean Poiret sehr geschickt die Probleme der Travestie aufgenommen: Mercedes will im Theater partout nicht als Mann auftreten – sie findet das geradezu „würdelos“. In der rauen Realität aber ist Mercedes Vater von bald sieben Kindern.
Und dann sind da Ute Bauer, Monika Greindl und Wolfgang Wastlhuber, die neben dem federgeschmückten Albain auf der Bühne stehen: Die blondgelockte Camille ist ein fantastischer Hingucker. Ihre wachsende Fassungslosigkeit angesichts der immer wilderen Enthüllungen – „Was, meine Tochter heiratet den Sohn eines Transvestiten und einer Haushälterin!?“ – wirkt herzerfrischend und komisch zugleich. Greindl und Wastlhuber schaffen es, den Figuren von Jean Poiret augenzwinkernde Abgründigkeit zu verleihen.

Für die genialen Frisuren und Perücken zeichnen Bettina und Dennis Medvejsek vom Miesbacher Salon Haarlekin verantwortlich. Foto: Hartmut Wolf
Last, but not least
Natürlich wäre die Aufführung ohne all die helfenden Hände im Hintergrund kein solches Erlebnis: „Ich darf die Kostüme aussuchen“, sagt Regina Weber-Toepel, der die sehenswerten Outfits gelungen sind. Für authentisches Frankreich-Flair sorgte Christian Gemmer mit Akkordeon und einer passenden Songauswahl. Sonja Fischbacher und Verena Flossmann haben in der Maske Großartiges geleistet und für jede der Figuren genau die richtige Dosis an Makeup gefunden.
Bleibt noch zu erwähnen, dass tatsächlich das ganze Team am Bühnenbild beteiligt ist (Technik Simon Zirngibl / Thomas Mayer) und dass die aufregenden Aktzeichnungen dem Künstler Herbert Braito zu verdanken sind: Also Augen auf für die Details auf der Bühne und im Saal.