Die syrische Kapitänin vom Tegernsee in den „Lebenslinien“

Spurwechselkonferenz Najd Boshi

Najd Boshi übt Radfahren. Foto: Nai Boshi

Tegernseerin in den Lebenslinien

„Najd Boshis Traum vom selbstbestimmten Leben“ so heißt der Film des BR in der Reihe „Lebenslinien“, der am 14. Juni um 22 Uhr ausgestrahlt wird. Die „syrische Kapitänin vom Tegernsee“ mit schwerem Schicksal ist Vorbild und Mutmacherin für viele Menschen.

„Mir geht es so gut, ich bin sehr zufrieden“, begrüßt sie mich, als wir uns nach langer coronabedingter Pause endlich wiedersehen. Ich lernte sie 2019, vermittelt von der Keramikerin Hilo Fuchs, vor Corona kennen. Sie erzählte mir ihre dramatische Fluchtgeschichte aus Syrien, die Trennung von ihrem Mann, das Wiedersehen mit ihren Kindern, ihr Ankommen in Tegernsee.

Sie sagte, dass sie englische Literatur studiert hatte und sehr glücklich sei, dass sie über Lorenz Höss von der Tegernsee Schifffahrt die Möglichkeit bekommen habe, als Kapitänin Schiffe auf dem Tegernsee zu führen und dass sie damit ihren Lebensunterhalt als alleinerziehende Mutter bestreiten könne.

Lebenslinien
Die erste Kapitänin auf dem Tegernsee: Najd Boshi. Foto: Firas Al Masri

Ich schrieb ihre Geschichte, die einen Spurwechsel in mehreren Ebenen beinhaltet, nieder und publizierte sie im Rahmen unserer Spurwechselinitiative. Sie hatte ihre Heimat verlassen, sie hatte ihren akademischen Beruf aufgegeben, sie hatte sich von ihrem Mann getrennt. Schon ein Spurwechsel belastet, das zeigt unsere Erfahrung aus den Gesprächen in der Spurwechselinitiative, Menschen zuweilen sehr.

Aber Najd vermittelte schon damals Lebensfreude, Zuversicht und Zufriedenheit. Ein Beispiel. Deshalb lud ich sie ein, zur Spurwechselkonferenz im Jahr 2020 ihre Geschichte zu erzählen, um anderen Spurwechslern Mut zu machen. Die Konferenz konnte weder 2020 noch 2021 stattfinden. Sie ist jetzt für das Frühjahr 2022 geplant.

Lesetipp: Was wir in der Spurwechselkonferenz hätten lernen können

Najd Boshi am 14. Juni in den Lebenslinien

Mittlerweile waren mehrere Medien auf Najd Boshi aufmerksam geworden. Im vergangenen Sommer drehte des BR-Fernsehen an 14 Tagen einen Film in der Reihe „Lebenslinien“, der am 14. Juni ausgestrahlt wird. Vorher ist sie an diesem Tag in der Abendschau zu Gast.

Video

Die Dreharbeiten seien anstrengend gewesen, erzählt sie. Denn sie habe immer wieder ihre Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen müssen. Aber die Zusammenarbeit mit Regisseurin Birgit Deiterding und dem Team habe ihr sehr gutgetan. Ihre anfängliche Sorge, dass da womöglich unbeteiligte Fernsehleute nur einen Film machen wollen, sei unbegründet gewesen. „Birgit hat geweint und der Kameramann musste stoppen, um wieder Luft holen zu können“, sagt Najd.

Eine starke Frau

„Es ist keine lustige Geschichte“, konstatiert sie. „Sie haben mich ausgepresst wie eine Zitrone und viel Interesse für unsere Kultur gezeigt.“ Was ihr aber wichtig war, sie wollte im Film nicht als bedauernswert dargestellt werden. Und so ist der Tenor auch, dass Najd eine starke Frau ist, die ihre Familie schützt, ganz im Gegensatz zur syrischen Kultur, wo dies der Mann tut.

Im Film, so bedauert Najd, komme ein wesentlicher Aspekt ihres Lebens in den vergangenen Monaten nicht vor. Die Regisseurin habe zwar versucht, eine längere Laufzeit zu erwirken, aber das sei bei diesem Format nicht möglich.

Schorsch Kandlinger gab ihr das Gefühl für Bayern

Jetzt strahlt die Syrerin über das ganze Gesicht, als sie von ihrer Freundschaft zu Schorsch Kandlinger aus Rottach-Egern erzählt. „Er war Freund, Vater, Unterstützer, alles in einem“, sagt sie. Bei ihm arbeitete sie im Winter im Rahmen einer Nachbarschaftshilfe, als die Schifffahrt eingestellt war. Sie putzte, bügelte, war auf dem Feld und sie pflegte ihn, denn der Bauer und Musikant litt unter einer Herzinsuffizienz und starb im November 2020.

„Er hat mir das Gefühl für Bayern gegeben“, sagt Najd und fügt an „er und Lorenz Höss.“ Und dann würdigt sie die Empathie und Offenheit in Deutschland. Sie habe von Schorsch Kandlinger noch im Krankenhaus Abschied nehmen und bei der Trauerfeier in der katholischen Kirche dabei sein dürfen.

Lebenslinien
Schorsch Kandlinger und Najd Boshi. Foto: Najd Boshi

Beide Kinder von Najd besuchen das Gymnasium und so ist sie jetzt mit ihrem Leben im Reinen. Für die Zukunft aber hat sie durchaus noch Pläne. Wenn die Tochter das Abitur habe, würde sie gern ihren Master in englischer Literatur machen, und das in England. Dafür aber braucht sie die deutsche Staatsangehörigkeit.

Derzeit hat sie die unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung und sie möchte unbedingt auch wieder nach Bayern zurückkehren. „Ich will in Bayern sterben“, lächelt sie. Deutschland habe ihr so viel gegeben und sie möchte davon etwas zurückgeben. Das Leben hier sei für sie ein Traum, denn „man darf sich in allem selbst entscheiden“. In Syrien aber tue das die Familie, Gesellschaft, Religion, als Frau sei man unterdrückt.

Und noch eins habe sie in Deutschland gelernt, die Selbstliebe. Allerdings, so räumt sie ein, müsse diese in Balance sein. Die Gefahr, dass Najd die Selbstliebe übertreibt, besteht sicher nicht.

„Najd Boshis Traum vom selbstbestimmten Leben“ Lebenslinien BR am 14. Juni 22 Uhr

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