
Sind KI-Systeme intelligent?
Korbinian Kohler, Vincent C. Müller und Karsten Fischer (v.l.) vor der Veranstaltung. Foto: MZ
Vortrag in Weissach
Verdienen KI-Systeme die Bezeichnung „Künstliche Intelligenz“? Mit dieser Frage befasste sich Vincent C. Müller in seinem äußerst unterhaltsamen wie informativen Vortrag im Rahmen des diesjährigen Wintersemesters des Korbinians Kollegs unter dem Thema „Das Natürliche und das Künstliche“ im Hotel Bachmair Weissach.
Eine Punktladung sei der heutige Referent, kündigte Hausherr Korbinian Kohler an, denn er sei der Spezialist für KI und werde neue ethische Fragen zum Umdenken und Neudenken aufwerfen.
Auch der neue Akademische Kurator der Reihe, der Wilhelm Vossenkuhl in diesem Jahr ablöste, Karsten Fischer nannte Vincent C. Müller eine Idealbesetzung und stellte dessen internationale Karriere vor. Seit 2022 sei er wieder in Deutschland und bekleide die Alexander-von-Humboldt-Professur für Philosophie und Ethik der Künstlichen Intelligenz und sei Direktor des Centre for Philosophy and AI Research (PAIR) an der Universität Erlangen-Nürnberg.
Es gehe, so der Professor für Politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, in diesem Semester um das Verhältnis zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen als Alleinstellungsmerkmal des Menschlichen und die Frage sei, wie KI zu dieser Frage stehe.
Vincent C. Müller startete seinen lebendigen, mit vielen praktischen, auch erheiternden Beispielen gewürzten Vortrag mit einem Ausflug in die Geschichte der KI. Die klassische KI, bei der das Vorgehen des Menschen als Modell in die Maschine übertragen wurde, habe nicht funktioniert. Dann aber sei mit der technischen KI die Mustererkennung beispielsweise beim Schachspielen erfolgreich geworden und heute werde überall von KI gesprochen, obwohl es maschinelles Lernen in neuronalen Netzen sei.

Vincent C. Müller in seinem lebendigen Vortrag. Foto: MZ
„KI ist in Mode, aber was heißt es?“, fragte er. Was sei der Unterschied von künstlich und natürlich? „Die Menschenherstellung ist biologisch und das Handy ist nach den Plänen von Menschen hergestellt.“ Was also mache den Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus?
Zum Begriff Intelligenz zitierte er den Turing-Test, bei dem ein Tester Gespräche mit einem Menschen und einer Maschine führt. Kann er die beiden nicht unterscheiden oder zuordnen, hat die Maschine den Test bestanden.
Er nahm den Begriff der Intelligenz auseinander und definierte ihn letztlich als instrumentelle Intelligenz so: „Intelligenz ist die Fähigkeit, Ziele erfolgreich und flexibel zu verfolgen.“ Dabei komme dem Aspekt flexibel eine große Bedeutung zu, also immer wieder sich den äußeren Bedingungen neu anzupassen.
Als Beispiel fragte er das Publikum: Wer ist intelligenter, der Fußballspieler oder der Schachspieler? Der letzte menschliche Schachweltmeister Kasparov habe ja gegen die Maschine verloren. Und ein Fußballer müsse sich immer wieder neu orientieren, laufen, schauen, im Team spielen, koordinieren, da sei ein Roboter weit unterlegen, etwa auf der Stufe eines Zweijährigen.

Der Referent illustrierte seinen Vortrag. Foto: MZ
Generell aber sei die Intelligenz mehr als nur Ziele zu verfolgen. Sie beinhalte zum einen, auf einer Metaebene Ressourcen zu nutzen, immer wieder den Rahmen neu zu definieren und festzulegen, welche Ziele sinnvoll sind. Zum anderen aber gehöre auch der Wille dazu, Ziele neu zu generieren.
Es stelle sich nun die Frage: Sind Computer intelligent? Dazu verglich Vincent C. Müller Rechner und Apfelbäume. Rechner sind digital, sagte er, also binär mit ein/aus, sowie algorithmisch, folgen also einer Regel und stellen syntaktische Operationen her.
„Wir können ein Modell eines Apfelbaumes auf dem Computer simulieren, aber er erzeugt keine Äpfel“, resümierte er lakonisch.
Sein Fazit also: Der Computer simuliert erfolgreich, ist aber nicht intelligent. Menschliche Intelligenz kann die Errungenschaften der Vergangenheit weiterreichen. Die Kultur ist ein wesentlicher Teil unserer Intelligenz und es kommt noch unser Wille hinzu.
In der Diskussion von Vincent C. Müller mit Karsten Fischer und Korbinian Kohler ging es zunächst um Unterschiede zwischen Mensch und Maschine, etwa emotionale Intelligenz, Gefühle oder Schmerzempfinden, und darum, ob die Sorge, dass KI entarten könne, unbegründet sei. „Die KI hat keinen Willen, sie will nicht die Welt beherrschen“, konstatierte Vincent C. Müller. Unangenehm indes sei, dass sie von Menschen gesteuert werde, immerhin gebe es bestimmte Mächte.

In der Diskussion: Karsten Fischer, Vincent C. Müller und Korbinian Kohler (v.l.). Foto: MZ
In der lebhaften Publikumsdiskussion wurden Themen wie Wissensmanagement und Schrumpfung unserer Bildung durch KI angesprochen. Zudem bestehe die Gefahr, dass durch KI-veränderte Politikeraussagen unsere Demokratie untergraben werde. „Alles ist brüchig“, musste der Referent dem zustimmen und daran hätten so manche ein Interesse.
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