Himmlers holländische Muse

Himmlers holländische Muse

Cover des Buches „Himmlers holländische Muse“. Foto: MZ

Neuerscheinung auf dem Buchmarkt

Mit seinem Buch „Himmlers holländische Muse“ legt Roel van Duijn ein akribisch genau recherchiertes Buch einer Nationalsozialistin vor, das aktuelle Bezüge hat und auch für den Landkreis Miesbach von Brisanz ist.

Es geht um die Baroness Julia Op ten Noort, eine einflussreiche Nationalsozialistin aus niederländischem Adel, die nach dem 2. Weltkrieg mit ihrem Sohn Heinrich Unterschlupf auf Gut Kothof zwischen Miesbach und Hausham findet.

Der Autor, ein niederländischer ehemaliger Politiker und Aktivist links-alternativer Parteien, ist heute Therapeut und Autor. Der 77-Jährige hat sich auf die Spuren der Baroness gemacht und anhand sauberer Recherchearbeit ihr Leben aufgezeichnet. Er arbeitete umfangreiches Quellenmaterial auf und suchte und fand Zeitzeugen, auch im Miesbacher Raum, die ihm ihre persönlichen Erlebnisse mitteilten.

Dabei war ihm wichtig herauszuarbeiten, wie sie als junges Mädchen aus einem gebildeten Elternaus intensiv nach hohen Idealen suchte. Wie kann ein solcher Mensch mit einem vielleicht ursprünglich guten Charakter von rassistischen Ideen so beeinflusst werden, dass er sein ganzes Leben lang dem nationalsozialistischen Gedankengut anhängt?

Buch ist ein Lehrstück

Der Autor versucht sich in seine Protagonistin hineinzufühlen, um eine deutliche Warnung an die Menschen unserer Zeit auszudrücken. Auch heute sind Menschen mit Bildung und Kultur anfällig für nationalistische Gedanken. Damit ist das Buch ein Lehrstück für alle, die sich offenen und ehrlichen Herzens für eine bessere Gesellschaft einsetzen.

Denn genau das wollte die junge Baroness auch. Und landete im Sumpf der Nazis. Zunächst schloss sie sich der Oxfordgruppe um Frank Buchman an, eine christliche Organisation, die sich moralischer und geistiger Erneuerung verschrieb. Dabei kam sie auch nach Deutschland und lernte SS-Leute, darunter auch bereits 1934 Heinrich Himmler kennen.

Verfechterin faschistischer Gedanken

Ziel war, die Nazis zum Christentum zu bekehren, aber das Gegenteil war der Fall, die Christin wurde zur fanatischen Rassistin. Der Autor erklärt den Wandel damit, dass Julia Op ten Noort in den Bann der Botschaft von „verkehrten Männern“ gerät. Heinrich Himmler und andere Nazigrößen wie der Holländer Rost van Tonningen bestimmen ihr Leben und sie wird zu einer glühenden Verfechterin faschistischer Gedanken. Als Leiterin einer Reichsschule für Mädchen gibt sie diese weiter.

Am 26. Februar 1944 kommt ihr Sohn Heinrich im Lebensbornheim in Steinhöring zur Welt. Alle Versuche von Roel van Duijn den Vater ausfindig zu machen, scheitern. Er nennt drei Kandidaten: einen ominösen verheirateten Berliner, den die junge Mutter erwähnt, Himmler und Age Lyke Tromp, ein SS-Mann aus Den Haag, der Julia verehrte.

Himmlers heimliche Muse
Der Autor Roel van Duijn. Foto: Schmetterling Verlag

Aus den Erklärungen, die sie bei ihrer Entnazifizierung abgab, geht hervor, dass sie sich Ende März 1945 mit ihrem Sohn in Miesbach ansiedelte. 2017 sei er nach Miesbach gekommen und habe dort alte Bekannte von ihr aufspüren können, schreibt der Autor. Nach einigen Umwegen lud sie Fritz Reuther auf seinen Landsitz Gut Kothof zwischen Hausham und Gmund ein. Gemeinsam mit dessen Enkel Michael habe er im Gästebuch des Hauses die Namen bekannter Künstler, wie Herbert von Karajan, entdeckt.

Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt in den Niederlanden kehrt die junge Mutter zurück, Sohn Heinrich war bei Reuther, den er wohl, da er jetzt seinen Namen trägt, als Vater sah, untergebracht. Er besucht ab 1950 die Volksschule in Gmund. Vom ehemaligen Nachbarsjungen, dem Journalisten Axel Thorer, erfährt der Autor, dass man der Meinung war, Heinrich sei Himmlers Sohn.

Östliche Weisheitslehren

Genug der Vermutungen. Sicher ist, dass Julia Op ten Noort noch einmal in Gmund heiratete, am Chiemsee ein Volkskunstgeschäft betrieb und dass sie sich in späteren Jahren in Fulda intensiv mit östlichen Weisheitslehren befasste und sogar eine spirituelle Lehrerin wurde. Wie kam es zu dieser Verwandlung? Offensichtlich sei sie immer auf der Suche nach einem spirituellen Inspirator gewesen, vermutet Roel van Duijn.

Mit ihrem eigenen Sohn indes hatte sie wenig Kontakt. Heinrich starb einsam am 28. Mai 1989 in Frankfurt und wurde erst Tage später gefunden. Seine Mutter überlebte ihn um fünf Jahre und starb am 30. August 1994 in einem Fuldarer Pflegheim. Am Ende des Buches hat der Autor noch seine Sicht über die Vaterschaft anhand von Ähnlichkeiten in Fotos parat.

Warnung vor der Gefahr

Das Buch ist zum einen für Leser des Landkreises interessant, da es eine gehörige Portion regionale Geschichte enthält. Viel wichtiger aber ist der Zweck des Buches, den der Autor im Vorwort so beschreibt: „Ich fürchte die Rückkehr einer neuen Variante des Nationalsozialismus. Ähnlich wie damals leben wir in einer Welt, die von autoritären Machthabern bedroht wird.“

Es sei wichtig, die Ähnlichkeiten zwischen Julia und uns herauszuarbeiten. „Nicht nur als politische Warnung vor der Gefahr, dass unsere Kultur uns nicht davor bewahrt, in eine brutale Diktatur wegzugleiten, sondern auch als Beitrag zur Auslotung unseres eigenen Daseins.“

Roel van Juijn: „Himmlers holländische Muse“ – Die zwei Leben der Baroness Julia Op ten Noort, Schmetterling Verlag 2020

Lesetipp: Vom Schwefelwasser zur Erinnerungskultur

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