
Die Liebe bleibt
Anja Gild (rechts und Annemarie Hagn. Foto: Petra Kurbjuhn
Fastenpredigt in Holzkirchen
Aus dieser Veranstaltung gingen die Menschen berührt und bewegt nach Hause. Anja Gild und Annemarie Hagn gestalteten eine Fastenpredigt zum Thema „Verlust eines Kindes“ in der Kapelle zur Heiligen Familie, die noch sehr lange nachklingt.
Warum sie heute öffentlich über den Verlust ihres Sones Jacob sprechen werde, begründete die Valleyerin so: „Weil ich nicht alleine bin.“ Und weil sie sich in Vorbereitung auf die Fastenpredigt selbst sortieren konnte.
In ihrer bewegenden Rede gelang es Anja Gild, die Anwesenden in der voll besetzten Kapelle mitzunehmen in ihre Welt, die sich am 30. Oktober 2022 auf den Kopf stellte, als Ihr Sohn bei einem Motorradunfall ums Leben kam, ohne Nabelschau zu betreiben, sondern in Reflexion ihre Erkenntnisse zu teilen.
Verluste totgeschwiegen oder überhöht
Im vierten Jahr der Reihe „Fastenpredigten“, von Markus Bogner initiiert und gemeinsam mit KulturVision e.V. und St. Josef mit Leben füllen realisiert, ist das Thema „Verlust“. Es gehe auf das Buch von Andreas Reckwitz zurück, führet Monika Ziegler, Vorsitzende von KulturVision, in die erste Veranstaltung ein. Er zeige auf, dass Verlust in einer vom Fortschrittsglauben geprägten Welt zumeist totgeschwiegen werde. Andererseits aber auch nostalgisch oder populistisch überhöht werde.
Lesetipp: Geschichten mit Würde begegnen
Die Fastenpredigten sollten zeigen, dass unser Leben nicht berechenbar, sondern fragil ist und Verlust in vielerlei Hinsicht in persönlichem und gesellschaftlichem Bereich dazugehöre. „Wir haben 37 Verlustarten gezählt“, sagte sie und wollen vier davon in diesem Jahr behandeln. Dabei wolle man nicht Voyeurismus betreiben, sondern den Menschen und ihren Geschichten mit Würde begegnen.

Bei der Einführung. Foto: Petra Kurbjuhn
Von dieser Würde war die erste Fastenpredigt geprägt. Schon das erste Lied, das Annemarie Hagn über das zu pflanzende Apfelbäumchen sang, führte in die Stimmung ein. Später lud die Valleyer Musikerin zum gemeinsamen Tönen in Moll ein, eine befreiende Unterbrechung der Rede von Anja Gild.
Sie erzählte von ihrem Leben mit Tocher Carlotta und Sohn Jacob, dem leidenschaftlichen Motorradfahrer. Sie erzählte von diesem Tag, der das Leben veränderte, wie sie zum Unfallort kam, und sie erzählte, wie sie die Zeit nach dem Tod heute beschreibt: „Der Tod eines Kindes ist der totale Verlust jeglicher Orientierung.“
Verlust der Orientierung
Es gebe keine Zukunft und die Erinnerung an die Vergangenheit sei qualvoll. Sie hätten oft über die Möglichkeit eines tödlichen Unfalls gesprochen, aber das habe nichts genützt. Es gebe bei dem Verlust der Orientierung keine Ressourcen, auf die man zurückgreifen könne. Ihre Trauerbegleiterin habe mit einem Bild geholfen: „Stell dir vor, du hast einen Rahmen und in den hast du dein Leben lang ein Puzzle gebaut. Mit dem Tod deines Kindes fällt dieses Puzzle komplett aus dem Rahmen.“ Jeder Stein müsse angeschaut und wieder mühsam eingefügt werden, dies dauere Jahre.

Anja Gild teilt ihre Erfahrungen. Foto: Petra Kurbjuhn
Geholfen hätten ihr Menschen, die ungefragt zu ihr kamen, etwa eine Freundin, die selbst ein Kind verlor und die ihr riet, diese ersten Wochen bewusst wahrzunehmen. „Der Körper, der Geist, die Seele waren wie Seismografen“, sagte Anja Gild. Es sei unglaublich, in welche Empfindungswelt man gelange. „Man gelangt in eine Welt der Transzendenz“, und sie sei nicht esoterisch drauf. „Ich weiß, dass die Energie eines Menschen bleibt, weil ich es erlebt habe.“
Auch andere Freunde, Notfallsanitäter, Kriseninterventionsteam, Nachbarn, alle halfen über die ersten Tage. Da war die abendliche Suppe, die die Nachbarin vor die Tür stellte.
Was war das Schlimmste?
Und dann sei das erste Jahr vorbei gewesen, sie habe gehofft, dass es leichter werde, aber nein, das Bewusstsein, dass das Kind nie wieder kommen werde, dieses Bewusstsein werde erst jetzt langsam zur Gewissheit.
Anja Gild sprach auch aus, was das Schlimmste gewesen sei, so die Nachricht der Tochter überbringen, die Kleidung Jacobs in Empfang nehmen, Abmeldung bei Behörden, einkaufen gehen, Jacobs Zimmer und das Schweigen zwischen Carlotta und ihr. Sie habe gelernt: „Trauern tun die meisten allein.“
Wie geht es dir?
Schwierig sei auch die Frage „Wie geht es dir?“ mit dem besorgten Unterton. Sie frage lieber bei schwierigen Situationen: „Was macht das Leben mit dir?“, dann könne man antworten: Das Leben ist eine Zumutung.
Eine echte Zumutung aber sei der Satz: Die Zeit heilt alle Wunden. Diese Wunde heile nie. Der einzige Satz, der Bestand habe sei „Die Liebe bleibt“, dieser Satz sei oft eine Rettung und ein Ausdruck tiefer Verbundenheit.
Geholfen hätten ihr der Bestatter, der einen ganzen Tag Zeit für den Abschied ließ, die Verabschiedung in der Zollingerhalle mit vielen Menschen, Briefe schreiben an Jacob.

Annemarie Hagn bereichert durch ihre einfühlsamen Lieder. Foto: Petra Kurbjuhn
Sie habe sich intensiv mit Philosophie beschäftigt und herausgefunden, dass sie sich von der Suche nach dem Glück verabschieden müsse und eher Frieden mit Zufriedenheit machen dürfe. Das Lesen von Erfahrungsberichten anderer habe sie zu der Überzeugung gebracht, dass es ein Leben nach dem Tod gebe, und sie lehne sich nicht mehr gegen das Unabänderliche auf.
Verantwortung für das eigene Leben
Für die Trauer habe sie das Bild der Geburt nach innen gefunden. Die größte Hilfe aber sei Jacob selbst. Er habe einmal zu ihr gesagt: „Ich konnte mich immer auf dich verlassen.“ Und so wisse sie, auch nach seinem Tod müsse sie die Verantwortung übernehmen, dass ihr Leben weitergehe und gelinge.
Heute nehme sie das Leben leichter, das Schlimmste sei ja schon passiert, nur mit der Angst um Carlotta müsse sie leben.
Zwei Wünsche
Am Ende ihres Vortrages gab sie zwei Wünsche mit auf den Weg. Man möge sein Kind in den Arm nehmen und sagen: Es ist schön, dass du da bist. Und man solle sich nicht über Kleinigkeiten ärgern, etwa wenn die Schuhe im Weg stehen. Das sei so egal angesichts der Tatsache, dass man sein Kind an den Tod verlieren könne.
„I hab di gern“ sang Annemarie Hagn zum Abschluss und statt einer Fragerunde, wie sonst üblich, beschloss ein gemeinsames Tönen diesen außergewöhnlichen Abend.